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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Medizinstudium: "neu" und "alt"

Die Ärzteausbildung wird derzeit gründlich reformiert. Das war schon seit Jahrzehnten sachlich dringend nötig, aber jetzt wurde es in Angleichung an die EU "glücklicherweise" unumgänglich. Das neue "Wiener Curriculum" läuft seit Oktober 2001 in einem Probedurchgang mit 150 Studenten. Es ist gekennzeichnet durch "horizontale und vertikale Vernetzung" sowie "Kleingruppenunterricht mit Tutoren".
Für den Kleingruppenunterricht verlangt die Universität mehr Personal. Gleichzeitig ist das große Reservoir akademischer Lehrer ("Dozenten") aber nicht voll ausgeschöpft. Wieso? Der Dozent kündigt, wie es das Gesetz vorschreibt, eine Vorlesung an. Es melden sich dafür keine Studenten, und die Vorlesung entfällt "aus Hörermangel". So werden von etwa 500 Dozenten pro Semester die gesetzlich vorgeschriebenen Vorlesungen an der Wiener Fakultät nur auf dem Papier gehalten. Es müsste also organisiert werden, dass die Dozentenvorlesungen verpflichtend wesentliche Beiträge zur jeweiligen Hauptvorlesung bringen respektive zum entsprechenden Block in einer entsprechenden Kleingruppe.

Erfreulicherweise gibt es einen ministeriellen Erlass zur Bewertung der akademischen Lehrveranstaltungen mittels Hörerfragebogen, eine Evaluation der akademischen Lehre war bisher nicht der Fall. Die Ergebnisse der Lehrerqualität müssten aber auch für die akademische Karriere (Dozentur, Lehrstuhl) Wertigkeit erhalten. Derzeit ist eigentlich derjenige der "Dumme", der Zeit und Mühe auf Ausgestaltung der Lehre verwendet, während der andere seine Zeit für karrierewirksame "papers" nach einem fragwürdigen Impactpunkte-Faktor verwendet.
Trotzdem gibt es neben vielen schlechten Lehrerveranstaltungen auch ausgezeichnete. Aber das hängt nur vom Privatinteresse des Vortragenden ab und wird in unserem Karrieresystem nicht belohnt.

Auch eine Entrümpelung des Lehrplanes müsste weiter vorangetrieben werden. Gleichzeitig sollte Neueres dazukommen, wie Ethik, Altersmedizin, Schulung für Patientengespräche, Entscheidungsfindung oder Rehabilitation. Bei den schlecht besuchten (Haupt-)Vorlesungen sollten mittels Evaluation die tatsächlichen Gründe analysiert werden, anstatt sich nicht nur auf mangelnde Motivation der Studenten auszureden.
Viel stärker als bisher müsste die soziale Kompetenz des Studenten und späteren Arztes geschult werden, z.B. durch Tätigkeit in Altersheimen, als Hilfspfleger, Rettungsfahrer, etc. In einer deutschen Universität beispielsweise ist ein halbes Jahr soziales Einstiegspraktikum obligat. Bei uns ist dieses in den Verhandlungen von ursprünglich einem halben Jahr auf eine lächerliche Woche geschrumpft.

Hauptteil der Tätigkeit akademischer Lehrer sollte das Unterrichten und nicht - wie derzeit - das Prüfen sein. Bei uns kann man fünfmal zu einer Prüfung antreten, also viermal hintereinander im selben Fach durchfallen. Das ist in Österreich einmalig gegenüber allen anderen Studiensystemen der Welt und wird noch dazu unter der falschen Etikette des "Sozialen" verkauft.
Schließlich ist - wieder einmal - auf die Notwendigkeit einer Primär-Selektion und Zugangsbeschränkung zu verweisen. Der so genannte "freie Zugang" ist eine in Österreich seit langem gescheltete "heilige Kuh". Auch diese Regelung hat mit "sozial" nichts zu tun, sondern ist vielmehr unsozial für die motivierten und begabten Studenten, denen die Masse der unmotivierten und unbegabten Unterrichtzeiten und -plätze wegnimmt. 
Es ist manches erreicht, aber noch vieles zu tun. Ohne alles, was von auswärts kommt, hochjubeln zu wollen, sollte dennoch manch Gutes übernommen und zugleich das gute Österreichische erhalten werden. 

Prof.  Dr.Dr.hc. Gerhard S. Barolin

Prof. Barolin ist Vorsitzender des Kuratoriums 
für ärztliche Aus- und Fortbildung in Österreich und Institut für Qualitätssicherung der Österreichischen Ärztekammer

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