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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Zwei Ärzte auf Suche nach Wirtschaftlichkeit

Als "entscheidenden Schritt zur künftigen Sicherung medizinischer Standards" sehen die Leiter ihr neues Ludwig-Boltzmann-Institut (LBI) für Gesundheitsökonomie. Prim. Dr. Ludwig Kaspar, Kardiologe und stv. Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes, sowie der Sozial- und Arbeitsmediziner, Prof. Dr. Bernhard Schwarz, wissen aber auch sehr wohl, auf welch brisantes Forschungsgebiet sie sich einlassen.
"Aufgabe der Gesundheitsökonomie als Wissenschaft ist es, medizinische Leistungen unter Berücksichtigung ökonomischer Faktoren zu bewerten", betonten sie bei der Präsentation im Wiener AKH. Dies mache in manchen Fällen "Korrekturen" notwendig und könne teilweise auch zu einem rigorosen Umdenken bei ordnungspolitischen Maßnahmen und Steuerungsmechanismen führen. "Es wäre unmenschlich, mit knappen Mitteln nicht sparsam umzugehen", betonte Kaspar. Jede andere Vorgangsweise gefährde den allgemeinen Zugang zum Gesundheitswesen.

Auf das politische Spannungsfeld, in dem sich die Gesundheitsökonomie bewegt, wies Prim. Dr. Elisabeth Pittermann-Höcker, Wiener Stadträtin für das Gesundheits- und Spitalswesen, hin: "Wenn ich Ressourcen verknappe, sind es immer die Schwachen, die ausgegrenzt werden. Daher muss die Ökonomie auch mit Augenmaß erfolgen." Man wisse, dass Personen mit Pflichtschulabschluss eine um rund fünf Jahre niedrigere Lebenserwartung haben als Menschen mit höherer Ausbildung. Es sei daher auch Aufgabe der Forschung, sich den Zugang der unterschiedlichen sozialen Schichten zum Gesundheitswesen genauer anzusehen, betonte Pittermann in ihrer Ansprache.
Dr. Josef Probst, Mitglied der Geschäftsführung des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, schlug bei seinem Referat in dieselbe Kerbe: "Je höher der privat finanzierte Anteil an einem Gesundheitssystem ist, desto weniger gleich ist der Zugang zu den Leistungen." Die Finanzsituation der Sozialversicherung bezeichnete er als "stabil auf dramatischem Niveau". Für das Jahr 2002 rechne man mit einem Defizit von rund 232 Millionen Euro. Eine Steigerung des Leistungsniveaus wünscht sich Probst vor allem in der Psychotherapie, im Zahnbereich, in der Kinder- und Schlaganfallrehabilitation, bei der Sterbebegleitung und in der Prävention.

Ein Institut für Gesundheitsökonomie sei bereits überfällig gewesen, um mehr Kostenbewusstsein zu entwickeln, betonte Dr. Ferdinand Maier, Vizepräsident der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft. Er wies darauf hin, dass "die Eröffnung des neuen Institutes nahezu zeitgleich mit der Schließung eines historisch und ethisch extrem belasteten Institutes zusammenfällt - jenem des umstrittenen NS-Arztes Gross". Dies sei Grund genug, sich neuerlich und mit großer Demut für die im Namen der Wissenschaft verbrochenen Greuel zu entschuldigen - gerade auch im Wissen, dass sie unentschuldbar sind", sagte Maier. 

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 17/2002

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