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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Kasse wollte von Mehrarbeit profitieren

Zuversichtlich eröffneten Dr. Martina Wölfl-Misak und Dr. Hans Walek im April 2000 ihre Gruppenpraxis. Das Pilotprojekt mit den beiden Internisten sollte die Weichen für den Ausbau dieser Praxisform in der Bundeshauptstadt stellen. Doch nach zwei Jahren stellte sich der Versuch als Sackgasse heraus und wurde eingestellt.

Das konsensuelle Konzept wurde in enger Zusammenarbeit mit Wiener Gebietskrankenkasse und Ärztekammer erarbeitet. Bei der Honorierung einigten sich die Partner damals auf eine Pauschalsumme, die auf die bisherige Einkommenssituation der beteiligten Ärzte abgestimmt wurde."Wir waren beide immer leistungsorientiert, das ist nur scheinbar durch die pauschale Abgeltung verloren gegangen. De facto ist es aber nicht so, weil sich die persönliche Leistungsfähigkeit im Scheinschnitt reflektiert", waren damals beide, entgegen aller kollegialer Unkenrufe, überzeugt.

Zwei Jahre Erfahrung änderten diese Überzeugung, der Gruppenpraxisvertrag wurde gekündigt. "Für unsere Patienten war unsere Gruppenpraxis ein absoluter Gewinn", betonen Wölfl-Misak und Walek unisono im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. "Das erweiterte Service, die permanente Zugangsmöglichkeit zu den eigenen Krankenunterlagen, die längeren Öffnungs- und kürzeren Wartezeiten sowie die Vertrautheit des Arztes, wenn einer den anderen vertreten hat, hat sich in der Zufriedenheit der Patienten deutlich widergespiegelt."

Die Folge war eine steigende Patientenfrequenz und somit - zwangsweise - ein Plus an ärztlichen Leistungen. "Bei der mit der Wiener GKK getroffenen Regelung habe es primär keine Deckelung und keine Limits nach oben oder unten gegeben", berichtet Walek. Mit steigender Patientenzahl wollte aber auch die Kassen zunehmend von der Mehrarbeit der beiden Ärzte profitieren, obwohl die beiden Internisten das alleinige finanzielle und rechtliche Risiko der Gruppenpraxisgründung trugen.

"Die Honorarabzüge betrugen durchschnittlich über 11 Prozent, ohne dass sich an der üblichen Limitierung von Sonderleistungen etwas geändert hätte", entrüstet sich Wölfl-Misak über die unverhältnismäßig hohen Abschläge. "Je mehr wir geleistet haben, desto weniger haben wir bekommen." Nach Auslaufen des Pilotprojektes im Dezember 2001 wurde von der GKK ein Degressionsmodell für Gruppenpraxen entworfen, das durch seine Leistungsfeindlichkeit der gleichzeitigen Forderung der Sozialversicherung nach einer 40 Stunden-Woche widerspricht. Die Abzüge betrugen 8 Prozent vom 600sten bis 900sten Krankenschein, 16 Prozent vom 900sten bis 1.200sten und ab dem 1.200sten Schein 24 Prozent. Bei Öffnungszeiten von fünf Tagen pro Woche, so Walek, könne man neue Patienten nicht mit der Begründung abweisen: "Die Krankenkasse zahlt für Sie nicht mehr." Die erhöhte Patientenfrequenz zeige aber auch, dass die Bevölkerung die Gruppenpraxis als medizinisches Kompetenzzentrum wünscht und damit langfristig die Kosten des stationären Sektors gesenkt werden können, sind sich die beiden Ärzte sicher.

Ein weiteres Problem war die "Zahlungsmoral" der Wiener GKK. "Sie haben einfach monatelang ‚vergessen’, uns die Gesundenuntersuchungen zu bezahlen", erzählt Wölfl-Misak. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die beiden Internisten beschlossen, nicht mehr ausschließlich zum Wohle der Gebietskrankenkasse und der Patienten zu arbeiten und selber nichts davon zu haben. Mit Ende Juni 2002 kündigten sie den Gruppenpraxisvertrag. Seit 1. Juli arbeiten sie wieder wie vor dem Experiment: Wölfl-Misak als Wahlärztin, Walek als Kassenarzt mit Einzelvertrag. Mit einem Unterschied: Sie blieben in den neuen Ordinationsräumen, denn die Adaptierungskredite müssen erst einmal abbezahlt werden

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 33/2002

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