zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 4. September 2006

Intra- und extramurale Lücken

Bei einem Symposium pries Soziallandesrat Josef Ackerl die Leistungen des Landes beim Ausbau bzw. der Weiterentwicklung intra- und extramuraler Einrichtungen im Feld der psychiatrischen Versorgung. Die Zahl der Angebote wäre hier von 1994 auf 2002 um fast 600 Prozent angestiegen.
"Es stimmt, Oberösterreich nimmt im Bundesvergleich hier eine Vorreiterrolle ein", bestätigt Prim. Dr. Werner Schöny, ärztlicher Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz und Obmann von pro mente OÖ. Aber nicht nur aus seiner Sicht gibt es nach wie vor einige Lücken und "viele offene Fragen": 

Es fehlen noch Plätze

So wurden zwar einige vor allem institutionelle Wohnmöglichkeiten für Menschen mit psychosozialem oder psychiatrischem Betreuungsbedarf geschaffen, "aber es fehlen noch sehr viele Plätze - z. B. in Familien oder betreuten kleinen Wohngruppen." Tatsächlich vorbildlich ist im Land ob der Enns die Enthospitalisierung der Langzeitpatienten. "Aber ungelöst ist die Frage, was mit neu dazu kommenden Menschen aus dieser Gruppe geschehen soll", kritisiert Schöny. Spitalsbetten auf den Psychiatrien wurden radikal abgebaut, und die Asylierung wird auch allgemein als nicht mehr zeitgemäß gesehen. "Es besteht die Gefahr, dass diese Langzeitpatienten Betten belegen, die andere brauchen würden, oder in Heimen landen." Dort wären aber die nötigen Ressourcen oder Expertenwissen für eine individuelle Betreuung kaum oder gar nicht gegeben.
Weiterhin zu wenig ausgebaut ist der Zugang zur Psychotherapie. "Großer Nachholbedarf ist im Bereich der Arbeit für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen oder starken psychosozialen Problemen." Schöny erinnert daran, dass Bund, Arbeitsmarktservice und Bundessozialamt hier in der letzten Zeit stark den Rotstift eingesetzt haben. "Das Land springt zwar teilweise ein, aber dies ist einerseits nicht wirklich seine Aufgabe und außerdem sind hier zu wenig Mittel vorhanden, um alle Angebote aufrecht erhalten oder gar neu einführen zu können." 

Notdienst ausbauen

Eine wichtige Forderung von pro mente ist der Ausbau des Psychosozialen Notdienstes, der sich in Linz und Steyr bereits sehr bewährt hat. "Gerade von Ärzten für Allgemeinmedizin, Amtsärzten und den Bezirksbehörden wird dies ebenso stark eingefordert", berichtet Schöny.
Die vielgepriesene Dezentralisierung ist in Oberösterreich zumindest ins Stocken geraten: In Freistadt wird keine Psychiatrie bestehen, bei den anderen Standorten ist man noch nicht über den Spatenstich hinaus. "Die Erfahrungen aus der Psychiatrischen Klinik Wels zeigen zudem die Problematik auf, wenn eine Psychiatrie nicht im Rahmen eines allgemeinen Spitals errichtet wird", ergänzt die Patientenanwältin Dr. Erna Lang-Hartl: Wer z.B. ein einfaches Röntgen braucht, muss quer durch die Stadt geführt werden. 

Ackerl präsentierte bei dem Symposium auch den Stand des Weiterentwicklungsplans für die Psychiatrie. Aus Schönys Sicht war die Entstehung prinzipiell ein sehr positiver Prozess, bei dem alle Beteiligten - auch die Betroffenen - gut eingebunden waren. "Allerdings steht auch einiges drinnen, worüber wir nicht fast drei Jahre lang hätten diskutieren müssen."
Und es stellt sich die Frage, ob für die Umsetzung der vorgesehenen Pläne überhaupt Geld vorhanden ist. "Ganz abgesehen davon sind im Bericht die zentralen Bereiche Arbeit, stationäre Psychiatrie und Alter nur am Rande oder gar nicht abgedeckt." Explizit wird etwa der Ausbau des Psychiatrischen Notdienstes als zentrales, rasch zu erreichendes Ziel angeführt.

Sehr viel Mittel fließen momentan in ein Peer-System. Dabei werden ehemalige "Nutzer" der Psychiatrie speziell geschult und begleitet, damit diese Menschen, die aus der Psychiatrie kommen, begleiten können. Ein ähnliches Modell wird mit guten Erfolgen z.B. in Bregenz, vor allem aber auch in Deutschland und im angloamerikanischen Raum umgesetzt. "Dieser Ansatz ist sehr zu begrüßen, weil Betroffene noch stärker einbezogen werden", so Lan Hartl. Schöny sieht das ebenso, aber die Tatsache, ein "Professioneller" zu sein, dürfe nicht zu einer Abwertung führen, gerade auch in finanzieller Hinsicht. Zugang zu den peers soll über ein geplantes Chancengleichheitsgesetz geschehen, Betroffene erhalten mittels Bescheid des Bezirksamtes Rechtsanspruch auf Leistungen in den Bereichen Wohnen und Arbeit. 
"Viele Betroffene würden mit dem Stellen eines solchen Antrages überfordert sein", meint Lang-Hartl. Für sie stellt sich auch die Frage, wie Personen, die keinen Kontakt zu den großen Versorgungseinrichtungen haben, überhaupt an die nötigen Informationen kommen sollen. "Schon jetzt sind viele vorhandene, sehr gute Einrichtungen zu wenig bekannt" - auch ein Nachholbedarf in Oberösterreich.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben