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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Die Rückkehr von TBC, Diphterie & Co.

"60 bis 80 Prozent aller Häftlinge in russischen Gefängnissen leiden an Tuberkulose, daraus ergibt sich eine Gefahr für ganz Europa", dieses klare Bedrohungsszenario malte der Generalsekretär des Forum of Medical Associations and WHO (EFMA), Dr. Rene Salzberg, bei einer Pressekonferenz in Wien.
Bedrohlich ist die Wiederkehr von besiegt geglaubten Infektionskrankheiten in den Reformstaaten für die westlichen Staaten vor allem durch einen Umstand: "Die Erkrankten werden nicht, oder was noch schlimmere Auswirkungen haben kann, nur unzureichend behandelt." Es entwickeln sich also Resistenzen gegen Antibiotika, die uns allen auf den Kopf fallen können.

Schwerpunktthema

Das Wiederaufflammen von Krankheiten wie TBC und Diphtherie ist einer der Schwerpunktthemen des diesjährigen Treffens der EFMA in Wien (19. bis 21. April). Dieses lose Forum von Ärzten aus ganz Europa trifft sich jährlich und dient als Plattform zum Informationsaustausch und Formulierung einer europaweiten Gesundheitspolitik.
Auch für Gesundheitsstaatssekretär Dr. Reinhart Waneck, der vermehrt auf eine internationale Zusammenarbeit in Gesundheitsfragen setzen möchte, ist das Wiederaufflammen der Infektionskrankheiten ein heißes Thema: "Es entwickeln sich in diesen Ländern Krankheiten, die dort nicht in den Griff zu bekommenen sind. Und der Tuberkel kennt keine Grenzen."

Engagement rentiert sich

Es liege daher, so Waneck, im Interesse der EU-Staaten, sich verstärkt in den Nachbarländern zu engagieren: "Das würde sich rechnen. Jede Milliarde Euro wird sich 10- bis 100-fach rentieren, aber wenn nichts getan wird, werden entsprechende Folgekosten entstehen."
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist es ein Hauptanliegen der EFMA, die unterschiedlichen medizinischen Standards in den inzwischen 51 Mitgliedsländern (bis hin zu Kasachstan und Usbekistan) anzuheben - etwa in Form von Politikberatung. 
Nach Dr. Mila Garcia Barbero von der WHO sollten Ärzte verstärkt die Rolle der Politikberatung übernehmen, um sicherzustellen, dass bei Einsparungen nach wie vor die gesamte Bevölkerung Zugang zu gesundheitlicher Versorgung hat.
Weitere Schwerpunkte der 
EFMA: europaweite Bekämpfung des Tabakkonsums, Fragen der Fortbildung, Kampf gegen den Missbrauch von Antibiotika und "Patient empowerment", das heißt die Stärkung der Eigenverantwortung des Patienten. 
Waneck sprach ein weiteres drängendes Problem an: die Situation von Kindern und Jugendlichen.

Auf Kinder wird vergessen

"Wir wissen aus Studien, dass bei Teenagern immer häufiger typische Managerkrankheiten wie burn-out Syndrom und Gefäßerkrankungen auftreten. Wenn wir hier nicht handeln, wird uns das irgendwann auf den Kopf fallen." Es gebe hier ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, weil in den südlichen Ländern die Familien wesentlich intakter seien als in den nördlichen Ländern.
Wanecks Diagnose: "Unsere Gesellschaften sind viel zu sehr auf die Selbstverwirklichung der Erwachsenen ausgerichtet - auf die Kinder wird vergessen." 
Ein Thema, an dem die EFMA nicht vorbei kann, ist natürlich die zunehmende Krise bei der Finanzierung der Gesundheitssysteme.
Für Waneck liegt Österreich mit seinen acht bis neun Prozent an Gesundheitsausgaben am BIP gut: "Das spricht für eine gute Effizienz. Weniger ist wirklich zu wenig und mehr, wie etwa in den USA, spricht nicht unbedingt für Effizienz."
Die Ukraine sei aber zur Zeit nicht in der Lage, mehr als drei Prozent für die Gesundheit aufzuwenden, "eine Unterstützung durch die EU-Staaten wäre in Wirklichkeit ein Selbsthilfeprogramm." 

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