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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Genforschung mit Selbstkontrolle

Die Diskussion um die ethische Bewertung von Forschung an embryonalen Stammzellen bewegt weltweit Parlamente, Juristen, Theologen, Ärzte und weite Kreise der Bevölkerung. "Ein gesellschaftlich verankerter, breiter moralischer Konsens wird dabei nicht möglich sein", prophezeit der Schweizer Theologe, Philosoph und Molekularbiologe Prof. Hans-Peter Schreiber. "Der Gesetzgeber hat damit ein großes Problem."

Nationale Unterschiede

So fallen die nationalen Entscheidungen auch sehr unterschiedlich aus: Großbritannien ließ nicht nur embryonale Stammzellforschung zu, sondern genehmigte sogar das therapeutische Klonen unter strenger öffentlicher Kontrolle. Demnach dürfen Forscher Zellkerne erwachsener Zellen in entkernte Eizellen transferieren und den generierten Klon-Embryo bis zu einem bestimmten Stadium heranreifen lassen, um neues "körpereigenes" Gewebe zu züchten. Die USA fördern Stammzellforschung mit öffentlichen Mitteln nur noch unter bestimmten Voraussetzungen, ein ausdrückliches Verbot für die Stammzellversuche privater Unternehmen hat allerdings niemand ausgesprochen.
In Deutschland verabschiedete der Bundestag Ende April ein lang diskutiertes Gesetz, das den Import von embryonalen Stammzellen aus überzähligen Embryonen zu Forschungszwecken unter strengen Auflagen und zeitlich befristet gestattet. Länder wie Portugal verbieten jegliche Stammzellforschung. Österreich und auch die Schweiz haben bislang noch keine parlamentarische Entscheidung getroffen.

Ungeregelter Graubereich

Dr. Daniel Vasella Die uneinheitlichen nationalen Regeln machen es international operierenden Unternehmen leicht, sich juristisch günstige Standorte für ihre Vorhaben zu suchen. Irgendwo lassen sie sich durchführen - wenn nicht ausdrücklich legal, so doch wenigstens im ungeregelten Graubereich. Vor diesem Hintergrund traf der Pharmakonzern Novartis die Entscheidung, einen Ethik-Rat zu bilden, der die Einhaltung von firmeninternen Ethik-Richtlinien überwacht, die Novartis-Vorstand Dr. Daniel Vasella auf einer Pressekonferenz im April in der Baseler Firmenzentrale offiziell bekannt gab.
Darin verpflichtet sich die Firma, einerseits nationale Gesetze einzuhalten, andererseits aber für alle ihre Experimente an embryonalen Stammzellen nur Zelllinien zu nutzen, die nachweislich entweder aus überzähligen Embryonen zur künstlichen Befruchtung oder aus abgetriebenen Föten stammen. Die Eltern dürfen aus ihrer Zustimmung keine finanziellen Gewinne erzielen und müssen nach ausführlicher Aufklärung ein schriftliches Einverständnis abgeben. "Wir lehnen die Herstellung von Embryonen einzig zu Forschungszwecken ebenso strikt ab wie Versuche zum therapeutischen Klonen", so Vasella.

Beratende Funktion

Prof. Hans-Peter SchreiberDer sechsköpfige Ethik-Rat, den Prof. Hans-Peter Schreiber leitet und dem neben Fachleuten aus der Schweiz und Deutschland auch der Wiener Pathologe Prof. Nikolaus Zacherl angehören, hat - wie die meisten Ethikkommissionen - Ratgeber-Funktion. "Die Firma wäre allerdings schlecht beraten, würde sie unsere Bewertung übergehen", warnte Schreiber.
Viel Kritik hat der Theologe von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zu hören bekommen, seit er sich für das neue Amt zur Verfügung gestellt hat. Firmeneigene Ethikkommissionen kommen leicht in den Geruch von Alibi-Vereinen, die für die moralisch weiße Weste sorgen. "Was man tut, ist falsch", klagt Schreiber, "ohne Ethik-Rat jammern alle, es gäbe keine Kontrolle, mit Ethik-Rat hagelt es genauso Kritik." Nicht zuletzt weil die offizielle staatliche Schweizer Ethikkommission jegliche Zusammenarbeit ablehnte, stellte Schreiber das Gremium eigenständig zusammen.
Die freiwillige Selbstbeschränkung und Kontrolle industrieller Pharmaforschung gehört sicher zu den wünschenswerten und wegweisenden Entwicklungen auf dem gefährlich zerklüfteten Terrain ethisch umstrittener Stammzellforschung und sollte Schule machen. Warum nicht auch öffentlich finanzierte oder universitäre Ethikkommissionen daran beteiligen?

Dr. Lutz Reinfried, Ärzte Woche 19/2002

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