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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Frauengesundheit vs. Männergesellschaft

Als Patientinnen benachteiligt, als Expertinnen in ihren Karrierewünschen im Gesundheitswesen diskriminiert: So präsentiert sich nach Darstellung der Initiative "Frauen für Frauen - Gesundheit im Brennpunkt" die Situation in Österreich. Am Rande einer Konferenz im Wiener Rathaus stellten die Proponentinnen bei einer Pressekonferenz ihre Hauptanliegen dar.

Gläserne Decke für Frauen

"Mehr als 50 Prozent der Medizin-Absolventinnen sind Frauen. Unter den Primarii sind aber nur sechs Prozent Frauen. Es ist uns nicht gelungen, eine entsprechende Frauenquote in den Führungspositionen zu implementieren", erklärte Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Man spricht von einer "gläsernen Decke", die als unsichtbare Trennwand zwischen den Frauen im Gesundheitswesen und dem Aufstieg in leitende Positionen eingezogen ist.

Umgekehrt wird vom Gesundheitswesen auf die Geschlechtsspezifika und auf die ganz charakteristischen Bedürfnisse der Frauen kaum Rücksicht genommen. Univ.-Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, ebenfalls Psychiaterin an der Wiener Universitätsklinik: "Prototyp der Medizin ist weiterhin der Mann." So würden viele Medikamente an Frauen nicht erprobt. Daraus resultiert ein Unwissen über die spezifischen Wirkungen bei Frauen. Die Expertin: "Opioide wirken zum Beispiel bei Frauen besser, sie benötigen nur die halbe Dosis. Manche Antibiotika verursachen bei Frauen gefährliche Herzrhythmusstörungen. Der Herzinfarkt bei Frauen hat ganz andere Symptomen als bei Männern."

Hier treffen einander Missachtung der gesundheitlichen Bedürfnisse der Frauen durch eine Männer-dominierte Wissenschaft und Diskriminierung. Univ.-Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos: "Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Österreich Medizin studieren. Derzeit sind mehr als die Hälfte aller MedizinstudentInnen und StudienabgängerInnen weiblich, immerhin fast noch die Hälfte aller AllgemeinmedizinerInnen, aber nur mehr ein Drittel der FachärztInnen und gar nur etwa sechs Prozent der PrimarärztInnen und UniversitätsprofessorInnen. Damit liegt Österreich laut einem Bericht der EU-Kommission hinter der Türkei, Portugal und anderen Ländern weit abgeschlagen an zwölfter Stelle."

Phänomen Mobbing

Ein im Gesundheitswesen und im übrigen Wirtschaftsleben laut "Frauen für Frauen" generell vorherrschendes Phänomen, das auf der anderen Seite aber auch die Gesundheit der Betroffenen direkt schädigt: Mobbing. Oberärztin Dr. Brigitte Schmidl-Mohl: "Laut dem deutschen Mobbing-Bericht werden Frauen um 75 Prozent mehr gemobbt als Männer. Ein anderer Befund: In Österreich sind 70 Prozent der Gynäkologen männlich. In den Führungspositionen dieses wohl am stärksten Frauen-spezifischen Fachgebiets findet sich überhaupt noch keine Frau.

Wie wenig man überhaupt über die Bedürfnisse der Frauen in gesundheitlicher und medizinischer Hinsicht weiß, belegt eine Umfrage der Wiener Gynäkologin Dr. Martha Krumpl-Ströher unter 100 ihrer Kolleginnen über die von ihnen präferierte Entbindungsart: Kaiserschnitt oder "natürlich." Die Ärztin: "Acht Prozent der Gynäkologinnen, die ihr Kind noch als Turnusarzt (in Spitalsausbildung) bekamen, hatten sich für einen Kaiserschnitt entschieden, hingegen 49 Prozent der Fachärztinnen."

Das entscheidende Kriterium für die Sectio: die Dauer des Geburtsvorganges. Ab zwölf Stunden waren die Frauen mit einer Entbindung auf natürlichem Weg signifikant unzufriedener. Ebenso wichtig: ein persönlich agierender Geburtshelfer.

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