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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Iss was?! Ein wichtiges Thema für den Hausarzt

In Salzburg startet ein neues Projekt zur Prävention von Essstörungen. Da Hauptzielgruppe Mädchen und junge Frauen sind, wurde es vom ISIS Frauengesundheitszentrum geplant und wird von dessen MitarbeiterInnen an Schulen im ganzen Land umgesetzt.
"Neben den Schülerinnen häufen sich aber auch bei Burschen die Hinweise, dass sie ihren Körper zunehmend als ,Problemzone’ empfinden", berichtet Mag. Aline Halhuber-Ahlmann, Geschäftsführerin von ISIS. Daher werden auch sie sowie Angehörige und LehrerInnen in das Projekt aktiv einbezogen.

Früherkennung möglich

Eine sehr wichtige Rolle würden auch Schul-, Kinderärzte und niedergelassene Allgemeinmediziner spielen. Sie können Hinweise auf mögliche Essstörungen schon sehr früh bemerken und auch entscheidend zur Prävention beitragen. In Salzburg wurde bereits im Vorjahr ein kostenloser Info-Folder "Rat und Hilfe bei Bulimie und Magersucht" zusammengestellt, der auf wenigen Seiten die Krankheitsbilder erklärt, auch aktuelle Hilfs- und Kontaktadressen werden angeführt.

"Dick" oder "stattlich" 

"Essen hat in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert", betont Halhuber-Ahlmann. "Gleichzeitig fordert das herrschende Schönheitsideal unbedingte Schlankheit - um jeden Preis." Starkes Übergewicht werde bei beiden Geschlechtern diskriminiert, ein mäßig übergewichtiger Mann gelte aber immer noch als "stattlich", eine vergleichbar übergewichtige Frau aber als dick und unattraktiv. "Das Problem ist, dass der Maßstab für das, was als schlank und attraktiv gilt, ständig verschärft wird." 
Das gesellschaftlich akzeptierte Rollenmodell für die Frau hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert. Während Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit fortbestehen, sind autonome Selbstentfaltung, beruflicher Erfolg und sexuelle Freizügigkeit als erstrebenswerte Ziele hinzugekommen. Aber manche alten Bilder haben überlebt:

Zart und zerbrechlich

Dazu Halhuber-Ahlmann: "Die Frau soll ihren Mann stehen, dies aber möglichst zart und zerbrechlich." Die bunt vermischten Leitbilder für Weiblichkeit würden zu subjektiver Orientierungslosigkeit führen und als unwirklich, beängstigend, unerfüllbar erlebt werden. "Die daraus resultierende Lebensverunsicherung kann dann zu abwehrenden Verhaltensweisen führen". Dies erklärt teilweise, warum Frauen stärker unter ihrem vermeintlichen oder wirklichen Übergewicht leiden, versuchen, es zu reduzieren und dabei notfalls zu drastischen Mitteln greifen. Gleichzeitig ist die Verunsicherung Ursache für den sprunghaften Anstieg der Zahl süchtiger Frauen in den vergangenen Jahren.
"Die Tabus im Zusammenhang mit den Krankheiten Bulimie und Magersucht müssen angesprochen werden", motiviert Halhuber-Ahlmann - gerade auch beim Hausarzt. "Wenn Essen zur Qual wird, bleibt das oft lange im Verborgenen, und Betroffene trauen sich nicht, offen über ihre Krankheit zu sprechen bzw. Rat und Hilfe zu suchen." Hinter jeder Essstörung verberge sich oft eine psychische Notsituation, aber - und gerade auch das ist in der Beratung von besorgten Angehörigen wichtig: "Nicht jede Veränderung im Essverhalten ist mit einer Essstörung gleichzusetzen." 
Die Zahl vor allem jüngerer Mädchen, die unter Bulimie und Anorexie leiden, nimmt zu. Diese psychogenen Essstörungen sind zunehmend bei Mädchen in der Pubertät anzutreffen. Sowohl die Magersucht als auch die Ess-Brechsucht sind weitgehend Ausdruck einer unbewältigten psychophysischen Reifungskrise. Sehr oft werden diese Erkrankungen auch durch Missbrauch von Abführmitteln und Medikamenten zur Entwässerung unterstützt. Gerade in diesem sensiblen Bereich ist der verantwortliche und zugleich nicht verurteilende Arzt gefragt.

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