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Gesundheitspolitik 4. September 2006

"Hurra, wir leben noch!"

Ein Fest voller Lebensfreude fand am 18. Oktober in einem Heurigenlokal im 16. Wiener Gemeindebezirk statt. Prof. Dr. Fritz Sterz, Stv. Vorstand der Universitätsklinik für Notfallmedizin im AKH Wien, lud alle Patientinnen und Patienten, die einen Herzstillstand gesund überlebt haben und an seiner Abteilung betreut wurden, zu einem geselligen Treffen. "Ziel dieser Zusammenkunft ist, diesen Patienten nach der Betreuung am AKH zu zeigen, dass es viele andere Patienten mit einem ähnlichen Schicksal gibt", sagte Sterz. "Auch der rege Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten trägt wesentlich zur Genesung bei."
Im Rahmen dieser jährlich stattfindenden Veranstaltung wurden bereits zahlreiche Projekte, beispielsweise der Aufbau einer Selbsthilfegruppe, Erste Hilfe-Unterricht durch Medizinstudenten oder auch die Versorgung mit halb-automatischen Defibrillatoren, initiiert und anschließend umgesetzt. Stellvertretend für die Überlebenden, hat die ÄRZTE WOCHE vier Personen gebeten, "ihre" Geschichte zu erzählen.

Die Gespräche führte Dr. Sabine Schneider.

"Glück gehabt - eine Turnusärztin war in der Nähe!"

Hans L., 77 Jahre
Am 10. Jänner 2002 hatte ich in der Ordination eines Wiener Urologen meinen ersten Herzstillstand. Ich wurde reanimiert und kam ins AKH. Trotz eingehender Untersuchungen konnte leider die auslösende Ursache nicht gefunden werden. Nach 10 Tagen Intensivstation und insgesamt drei Wochen Krankenhausaufenthalt wurde ich nach Hause entlassen und nahm auch dort vorschriftsmäßig meine Medikamente ein. Am 22. Februar suchten meine Frau und ich den Urologen auf, um uns zu bedanken. Als wir gegen 18 Uhr die Ordination in der Währingerstr.145 verließen und im Stiegenhaus waren, hatte ich plötzlich Probleme mit der Atmung. Ich setzte mich auf die Stufen - dann war es plötzlich dunkel um mich, und ich war plötzlich weg.
Meine Gattin war ziemlich hilflos. Sie erzählte mir später, dass in diesem Moment eine junge Frau die Stiegen herunter kam, die Situation richtig einschätzte und sofort mit den Wiederbelebungsmaßnahmen begann. Meine Frau lief in die Ordination zurück, alarmierte den Urologen und dieser kam mit einem Sauerstoffgerät dazu. Der Urologe fragte die junge Frau, wo sie dies gelernt habe, doch er erhielt keine Antwort, wie er mir nachträglich erzählte. Die junge Frau führte die Reanimation bis zum Eintreffen des Notarztwagens fort. Wieder wurde ich ins AKH gebracht. Nach vielen Mord- und Totschlag-Albträumen erlangte ich mein Bewusstsein zurück und sie sagten mir auf der Intensivstation: "Immer werden Sie nicht so ein Glück haben, dass gerade eine Turnusärztin in der Nähe ist." Seither habe ich leider vergeblich versucht, meine Lebensretterin zu finden. Ich will ihr sagen, dass es mir gut geht, und mich persönlich bei ihr bedanken.
Anmerkung der Redaktion: Das Referat für Notfall-, Rettungsdienste sowie Katastrophenmedizin der Ärztekammer für Wien hat die Kollegin gefunden. Es war eine Turnusärztin aus dem Kaiserin Elisabeth Spital in Wien. Ersthelferin und Patient werden sich miteinander in Verbindung setzen. Die Autorin bedankt sich bei allen an der erfolgreichen Suche Beteiligten, auch im Namen des Patienten.

Herzstillstand zu Allerheiligen

Wilhelm G., 71 Jahre
Mein Herzstillstand traf mich zu Allerheiligen 2000. In der Früh zwischen 6.30 und 7 Uhr bekam ich plötzlich furchtbare Schmerzen im linken Arm. Meine Frau alarmierte die Rettung. Diese traf nach zirka 10 Minuten ein, und ich wurde mit der Diagnose Herzinfarkt ins AKH gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich bei vollem Bewusstsein. In der Notfallaufnahme muss dann etwas passiert sein, an das ich mich nicht erinnern kann. Ich war plötzlich weg. Als ich wieder zu mir kam, saß ein jüngerer Arzt auf mir und drückte auf meinen Brustkorb. Ich dachte noch, warum drückt mir der auf die Brust, ich habe doch nur einen Herzinfarkt. Sie erzählten mir von meinem Herzstillstand und brachten mich auf die Überwachungsstation. Übrigens fand ich es sehr nett, dass auch der junge Arzt gleich am Nachmittag zu mir kam, um zu sehen, wie es mir ging.
Am vierten Tag wurde ich auf die Station verlegt. Bei der Herzkatheteruntersuchung stellten sie einen Verschluss einer Herzarterie fest und implantierten mir zwei Stents. Im Mai 2001 ging ein Stent wieder zu, doch durch eine nuklearmedizinische Bestrahlung war das Problem bald gelöst. Es geht mir gut, ich nehme meine acht Pulver und bin seit Mai 2002 in halbjährliche internistische Kontrolle entlassen.

Die verhängnisvolle Couch

Michael T., 43 Jahre
Mein Herzstillstand traf mich aus "heiterem Himmel". Es war der 20. oder 21. Oktober 1998. An diesem Tag holte ich eine neue Sitzgarnitur von einem Möbelhaus ab. Es gab Ärger und bereits auf der Heimfahrt war ich sehr aggressiv, wie meine Frau bemerkte. Unglücklicherweise fiel auch mein Bekannter, der mir behilflich sein wollte, aufgrund eines Unfalls aus. Ich trug die neue Couch alleine in unsere Wohnung. Oben angekommen, hatte ich die klassischen Symptome eines Herzinfarktes. Ich kenne sie schon aufgrund meines Berufes als Rettungssanitäter bei der Wiener Berufsrettung sehr gut. Meine Frau rief über den Notruf meine Kollegen an. Ich zog mich aus, mir war schlecht, ich ging zur Toilette und ich schwitzte, als hätte man mir einen Kübel Wasser über den Kopf geleert. Nach ein paar Minuten waren die Kollegen da und in meinem EKG sah man den Infarkt. Man brachte mich in die Notfallaufnahme des AKH, wo ich noch Prof.Dr. Sterz mit den Worten "Servus, Fritz" begrüßte. Dann war ich weg. Nachträglich erfuhr ich, dass ich Kammerflimmern hatte, ungefähr 65 Minuten reanimiert und unter Reanimationsbedingungen ein Stent gesetzt wurde. Einige Tage später wachte ich wieder auf, Prof. Dr. Schreiber saß an meinem Bett. Wir haben sofort zu blödeln angefangen und er wusste, dass neurologisch alles in Ordnung war. Nach vier Wochen Rehabilitation und anschließenden drei Wochen Krankenstand habe ich wieder zu arbeiten begonnen.
Seither geht es mir gut, ich nehme meine Medikamente, habe ein paar Kilo abgenommen und auch wieder mit Sport angefangen. Letzthin habe ich sogar eine Fahrradtour von 120 Kilometer gemacht. Was ich abschließend noch sagen möchte: Es wäre gut, wenn in allen Einsatzfahrzeugen in Österreich ein halbautomatischer Defibrillator (AED) wäre, denn ohne "Schock" hätte weder ich damals noch heute viele andere eine Chance gehabt, zu überleben.

"Ich habe überlebt - und ich will leben!"

Wilhelmine A., 80 Jahre
Ich habe meinen Herzstillstand schon 9 Jahre überlebt. Damals, 1993, war ich auf Teneriffa, zog mir eine Grippe zu und hatte massive Atembeschwerden. Zurück in Österreich, überwies mich meine Hausärztin zum Internisten. Doch auch verschiedene Medikamentenvariationen nützten nichts. Es ging mir zunehmend schlechter, ich bekam kaum Luft, musste nach kurzen Gehstrecken stehen bleiben und konnte nur noch sitzend schlafen. Am Vortag meiner geplanten Aufnahme im Wiener AKH brachte mich meine Schwester dorthin, da ich nicht einmal mehr bis zur Wohnungstür gehen konnte. Sie zapften mir 600 ml Wasser aus meiner Lunge. Am 31. August hatte ich die Herzkatheteruntersuchung. Zurück auf der Station, muss ich dann wohl im Bett kollabiert sein, wie man mir später erzählte. Meine Bettnachbarin rief laut um Hilfe. Eine Schwester, ihren Namen Luise weiß ich noch heute, leistete mir Erste Hilfe. Kurz darauf kamen auch schon der Professor und die anderen Ärzte. Ich träumte, ich stünde im Nerzmantel in einem gläsernen Fahrstuhl und eine Schwester wollte, dass ich den Mantel ausziehe - es sei schließlich August. Aber ich wollte nicht. Zwischenzeitlich brachte man mich in den OP, ich erhielt mehrere Bypässe. Das erste, woran ich mich erinnere, als ich auf der Intensivstation erwachte, war ein liebes Gesicht mit schmalen Augenbrauen. Die Fürsorge dieser Schwester tat mir unheimlich gut. Leider habe ich sie nie wieder gesehen. Seit meinem Herzstillstand geht es mir gut. Ich habe ihn überlebt und ich will leben.

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