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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Arzneimittel-Sparpakete wirken nur kurz

Wenn es um das Sparen im Gesundheitswesen geht, konzentriert sich die Politik oft auf die Arzneimittel. Preisreduktionen, Spannenkürzungen etc. sollen zumindest die Ausgabensteigerungen dämpfen. Doch die langfristigen Resultate solcher Eingriffe sind mager.

"Der Erfolg der Reformen ist zeitlich begrenzt. Da jeder Steuerungsansatz Schlupflöcher aufweist, kann kein Maßnahmenpaket zur Kostendämpfung dauerhaft sein", stellen jetzt Experten des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) fest. Sie haben in einer fast 470 Seiten dicken Studie (im Auftrag des BM für soziale Sicherheit und Generationen) die Sparbemühungen der EU-Staaten bei den Medikamenten analysiert. 

Kappe öffentliche Budgets

Die Ausgangslage laut dem Expertenteam: "Knappe öffentliche Budgets bei einer verschärften Wirtschaftslage und geänderten Rahmenbedingungen (gestiegene Lebenserwartung, medizinisch-technischer Fortschritt) schufen im Europa der 90er-Jahre einen Reformdruck auf die Gesundheitssysteme. Systemänderungen wurden eingeleitet, die primär auf Kostendämpfung abzielten." 

Die Arzneimittelausgaben machten von den gesamten Aufwändungen für das jeweilige Gesundheitssystem 1997 bis 1999 in Dänemark nur 8,3 Prozent (niedrigster EU-Wert) aus, in Deutschland 13,8 Prozent, in Österreich 15,7 Prozent (was dem EU-Durchschnitt entspricht), in Belgien 18,1 Prozent und in Portugal (höchster Wert) gar 25,8 Prozent. Trotz dieser enormen Bandbreite reagierten die einzelnen Länder durchaus ähnlich: Preisstopps, Preissenkungen, Spannensenkungen beim Pharma-Großhandel, Spannenkürzungen bei den Apotheken, Förderung der Anwendung von Nachahme-Präparaten.

Österreichische Situation

Auch die österreichischen Maßnahmen zur Stabilisierung des Wachstums der Arzneimittelausgaben wurden von den ÖBIG-Fachleuten untersucht. Die Experten in ihrer Studie: "In erster Linie handelt es sich dabei um Maßnahmen zur Eindämmung der Preisentwicklung (mehrfache Preissenkungen und -stopps bei der pharmazeutischen Industrie, Spannensenkungen bei den Apotheken und dem Großhandel etc.). Auch die Rezeptgebühr wurde im Jahr 1996 um 20 Prozent erhöht." 

Doch wie in den übrigen EU-Staaten zeigten die mehr oder weniger dirigistischen Maßnahmen auch in der Alpenrepublik laut den Fachleuten nur jeweils kurzfristige Wirkung: "Nach zwei bis drei Jahren waren die Effekte verpufft und neue notwendig. Das letzte Sparpaket fand im Jahr 2000 statt. U.a. wurden die Spannen für den Großhandel erneut gekürzt und mit den Apotheken eine 'Umsatzvereinbarung' abgeschlossen (....) Ende 2000 wurde die Rezeptgebühr erneut deutlich erhöht. Diese Maßnahmen bewirkten nach ersten Zahlen eine deutliche Eindämmung der Zuwächse bei den Arzneimittelausgaben der Sozialversicherung. Es stellt sich jedoch die Frage, wie lange diese Maßnahmen greifen und wann die nächsten folgen, insbesondere da die Krankenkassen - auch auf Grund der schwachen Entwicklung der Beitragseinnahmen - wieder Defizite ausweisen." 

Doch an den grundsätzlichen Problemen änderte sich durch die Eingriffe der Politik nichts: "Belgien, Deutschland, Frankreich und Österreich liegen mit den Höchstausgaben für Arzneimittel pro Einwohner im Spitzenfeld: Belgien konnte trotz massiver Eingriffe in den Arzneimittelsektor die Ausgaben nicht in den Griff bekommen, in den drei anderen Ländern wurden jeweils die Steigerungsraten der Arzneimittelausgaben gedämpft." 

Die Konsumenten zahlen

Die Rechnung zahlen in allen EU-Ländern auf jeden Fall die Konsumenten. Die Fachleute: "Den Preis für den 'Erfolg' der Sparmaßnahmen, also die Kostendämpfung bei den öffentlichen Arzneimittelausgaben, mussten die Patienten zahlen: Auf diese wurden die Ausgaben für Arzneimittel mittels höherer Zuzahlungen und/oder verstärkter Selbstmedikation abgewälzt." 

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