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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Angstpropaganda als Mittel zum Zweck

Ein grauer C4-Umschlag mit kleinem, computerbedruckten Adressaufkleber erreichte viele Psychiater und Neurologen Anfang vergangener Woche in Ordinationen und Kliniken. Der Brief trug keinen Absender, der Stempel "Postentgelt bar bezahlt" verriet nicht einmal das Aufgabepostamt. Wieder einmal eine Serienwerbung "Sie haben gewonnen…"? Die drei zusammengehefteten Blätter verrieten allerdings nichts von klingenden Millionen und versprachen keine Traumreise.

Im Gegenteil: Die Sendung enthielt Kopien des Berliner Informationsblattes "Arznei-Telegramm", das in einem Text seiner Mai-Ausgabe vor Gefahren bei der Verschreibung von Ziprasidon warnt. Das 1970 erstmals verlegte Heft stellt sich selbst in die Tradition der Warner vor Thalidomid  und Monocil und will kritisch über neu zugelassene Medikamente informieren. Der anonym versandte Artikel zu Ziprasidon  erreichte seine Adressaten pünktlich zum Launch-Symposium der Pharma-Firma Pfizer für das im Mai in Österreich neu zugelassene Neuroleptikum.

Die Hauptkritikpunkte: Ziprasidon verlängere die QT-Zeit, steigere das Risiko plötzlicher Todesfälle, sei vierzehn Mal so teuer wie das altbekannte Neuroleptikum Haloperidol. Die Berliner Autoren schlussfolgern: "Einen Grund, der die Zulassung rechtfertigt, sehen wir nicht." Die amerikanischen und europäischen Behörden beurteilten das allerdings anders.

Die Daten, die das "arznei-telegramm" zitiert, entstammen zu großen Teilen den Angaben der Fachinformation und veröffentlichten Dosis-Findungs- und Zulassungsstudien. Auf Basis des gleichen Materials entschied sich die amerikanischen Behörde FDA vor zwei Jahren für die Zulassung des Medikamentes in den USA. In kontrollierten Studien und Anwendungsbeobachtungen erhielten mehr als 185.000 Patienten in den USA und in Schweden Ziprasidon. Nach Aussage der Firma fand sich kein Anzeichen von erhöhtem kardialem Risiko durch das Medikament. Der Hinweis auf eine QT-Zeit-Verlängerung durch Ziprasidon rückt das Mittel für viele Ärzte - wenigstens unbewusst und emotional - in die Nähe des vor einiger Zeit vom Markt genommenen Sertindols. Dessen Daten stellten sich allerdings als weit weniger besorgniserregend heraus, so dass die europäische Zulassungsbehörde es in Kürze wieder genehmigen wird. 

Ein Preisvergleich zwischen Ziprasidon ist allenfalls im Vergleich zu neueren atypischen Neuroleptika zulässig - dabei liegt Ziprasidon etwa mit Olanzapin auf gleichem Niveau."Ziprasidon ist das wohl best untersuchteste Antipsychotikum - und ich persönlich habe von klinischer Seite her keine Bedenken, das Präparat einzusetzen", entwarnte Prof. DDr. Siegfried Kasper, Leiter der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH in Wien. Wer die anonyme Sendung ausgesandt hat, bleibt unklar. Seriös oder gar wissenschaftlich ist solch einseitige, Angst schürende Propaganda keineswegs. Sollte der Kampf um Marktanteile im Pharmasektor eine neue Qualität gewonnen haben?

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