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Gesundheitspolitik 4. September 2006

40-Prozent-Frauenquote: Karrierehemmschuh oder Trumpfkarte?

Die 40-Prozent-Quote war eine wichtige Errungenschaft, eine wichtige Übergangsregelung auf dem Weg in eine neue Normalität, und derartige Regelungen sollen nicht verfrüht wieder in Frage gestellt werden. Wenn Gleichberechtigung nicht anders zu erreichen ist, dann muss es leider über Gesetze angestrebt werden. Grundsätzlich halte ich die Quotenregelung für gut, aber klarerweise werden die Frauen durch sie verstärkt als Bedrohung gesehen, weil Frauen quasi die Trumpfkarte ziehen können, wenn sie gleich gut qualifiziert sind. Im täglichen Leben sehe ich dadurch eher einen Nachteil als einen Vorteil für die Frauen. Das Ziel ist für mich letztendlich, dass Bewerbungen unabhängig vom Geschlecht behandelt werden. 

Derzeit sind nur acht von 130 Professorenstellen weiblich besetzt, das ist ja ein Zeichen, dass hier etwas nicht stimmt. Bisher war aber auch der Kreis der potenziellen Bewerberinnen relativ klein, mit der Zunahme der Medizinstudentinnen wächst er jedoch laufend.  Dadurch wird der Pool jener Frauen größer, die sich habilitieren und letztendlich um Ordinariate bewerben können. Allein aufgrund dieser Demografie wird es in Zukunft mehr Frauen in Spitzenpositionen geben müssen. Und ich vermute, dass dies allein dadurch langfristig als völlig normal empfunden wird. Was auf diesem Wege ebenfalls besonders wichtig ist, sind Seilschaften zwischen Frauen und ein eigenes Lobbying. Wir müssen Frauennetzwerke schaffen, damit Frauen keine Einzelkämpferinnen mehr sein müssen.

Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser"Laut Frauenförderplan sind Bewerberinnen, die nicht geringer geeignet sind als die bestgeeigneten Mitbewerber, bevorzugt in den Berufungsvorschlag aufzunehmen." - Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser, Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie, Universität Wien, Gleichbehandlungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät

Ich bin der Meinung, dass die 40-Prozent-Regelung bleiben muss, und dass die bisherigen Ergebnisse der Frauenförderung evaluiert gehören. Das ist ganz wichtig, weil die Aktivitäten der Gleichbehandlungsbeauftragten enorm schwierig sind und wir lernen müssen, wie wir unsere Arbeit effizienter und v.a. auch für uns praktikabler machen können. Weil es ein unglaublicher Zeitaufwand ist, alle diese Kommissionen und Klinikkonferenzen zu besuchen.

Man kann sicher nicht sagen, dass dieser 40-Prozent-Anteil ein Nachteil ist, denn im Frauenförderplan ist in allen Bereichen, und z.B. bei Bewerbungsverfahren, folgendes Vorgehen vorgesehen: "Bewerberinnen, die nicht geringer geeignet sind als die bestgeeigneten Mitbewerber, sind bevorzugt in den Berufungsvorschlag aufzunehmen." Völlig klar hat das mit Qualität zu tun und nicht nur mit dem Geschlecht.

Aus meiner bisherigen Arbeit als Gleichbehandlungsbeauftragte kann ich berichten: Wenn man sich alle Unterlagen genau durchsieht und auf Basis dieser entsprechend begründet, dann kommen die Frauen sehr wohl in den Dreier-Vorschlag. Jüngstes Beispiel ist hier die Kinderkardiologie, aber es ist wirklich harte Arbeit. Man muss sich alle Texte anschauen und vergleichen, viele Kollegen sind hier sehr konstruktiv. Wir werden vom Dekanat zu jeder Kommission eingeladen, mit dem Vermerk "beratend", das läuft völlig korrekt.

Prim. MR Dr. Walter Dorner"Wenn die Gesellschaft und der Stand reif sind, wird die Realität und damit die Leistung siegen!" - Prim. MR Dr. Walter Dorner, Präsident der Wiener Ärztekammer

Selbstverständlich sollte man zuerst evaluieren, aber in Diskussion kann man die Sinnhaftigkeit der Quotenregelung bringen! Ich bin der Meinung, dass die Quotenregelung den Frauen schadet, weil alle Quoten letztendlich negative Auswirkungen haben. Es werden gerade die Damen dadurch viel kritischer beurteilt. Dieser Passus ist daher in meinen Augen eine Behinderung der Karriere einer Frau. Eine emanzipierte Frau braucht das nicht, die Frauen sind so gut, sie haben das nicht notwendig. Betrachtet man die Entwicklung der Promoventen, spricht die Demografie für die Frauen. Wenn die Gesellschaft und der Stand reif sind, wird die Realität und damit die Leistung siegen! Warum so wenig Frauen in Spitzenpositionen sind, weiß ich nicht, es liegt sicher nicht an mir, das zeigt die Wiener Ärztekammer: Hier sind alle Sektionen mit Frauen in Spitzenpositionen besetzt. Das Leistungsniveau ist bei Frauen nicht anders als bei Männern - im Gegenteil, ich finde, sie handeln viel konsequenter. Möglicherweise ist das die Angst, die hinter so manchem Verhalten steckt.

Prof. Dr. Christine Marosi"Zuallererst sollten die Ergebnisse des Frauenförderungsplanes evaluiert werden." - Prof. Dr. Christine Marosi, Gleichbehandlungsbeauftragte der Universität Wien

Bevor darüber gesprochen werden kann, ob Verordnungen zur Frauenförderung abgeschafft werden sollen, müssen die Ergebnisse des Frauenförderungsplanes zu-nächst erst einmal evaluiert werden. Bevor Änderungen angedacht werden, sollte man analysieren, was die Quotenregelung oder diverse andere Maßnahmen zur Frauenförderung gebracht haben. Auch um welchen Preis sie erreicht wurden, also mit wie viel Arbeitseinsatz. Außerdem sollten alle involvierten Personen befragt werden. Erst dann lässt sich bei Bedarf ein Maßnahmenpaket zusammenstellen, das maßgeschneidert ist für das Ziel, das erreicht werden soll.

Tatsache ist jedenfalls, dass viele Frauen bei einer Bewerbung nicht in die Endauswahl kommen, weil sie besonders kritisch unter die Lupe genommen werden. Und auch deshalb, weil aufgrund der Quotenregelung eine Frau im Dreiervorschlag den Vorzug bekommen müsste. Diese Umstände gehören jedenfalls genau geprüft, damit sichtbar wird, was Faktum und was ein Gerücht ist. Es muss geklärt werden, ob dadurch tatsächlich völlig unqualifizierte Frauen zu irgendwelchen höheren Positionen kommen oder nicht.
Ich habe die Quotenregelung immer nur als Teil des Maßnahmenpaketes zur Frauenförderung gesehen. Aber ich bin der Meinung, dass eine Frauenquote nur dann Sinn macht, wenn es eine zeitliche Vorgabe gibt, bis wann sie zu erfüllen ist. Es müsste sinnhafterweise einen Endpunkt für diese Maßnahmen geben. Vor allem bei den ordentlichen Professorinnen sind wir nämlich noch sehr weit von dieser Quote entfernt: 94 Prozent der Professoren sind ja nach wie vor Männer. Wenn es im bisherigen Frauenfördertempo weitergeht, bis die 40-Prozent-Quote bei den ordentlichen Professoren erreicht ist, bräuchten wir laut unseren Berechnungen mehr als 100 Jahre.

Es ist auch nicht damit geholfen, in jedes Gremium eine Alibifrau hineinzusetzen. Denn bei Abstimmungen wird sie sowieso locker überstimmt, weil sie in der klaren Minderheit ist. Und wenn es nicht wichtig ist, geben wir ihr halt einmal ein Bröckerl. Almosen sind aber auch nicht das, was wir haben wollen.

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