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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Zufriedene Ärzte - wie lange noch?

Der Status quo sieht noch ganz gut aus. Der Ausblick in die Zukunft - quo vadis - zeigt eher pessimistische Trends. So die Kurzfassung der Auswertung der großen Ärztebefragung "Doktor, quo vadis?", die von der ÄRZTE WOCHE Ende August und Anfang September 2002 durchgeführt wurde. 

726 Fragebogen konnten ausgewertet werden und geben Aufschluss darüber, wie die niedergelassenen Ärzte ihre berufliche Situation beurteilen. Die Ergebnisse wurden in den beiden Ausgaben der ÄRZTE WOCHE vom 20. und vom 27. November vorgestellt. Doch damit nicht genug. Wie schon bei der Aussendung der Fragebogen angekündigt, sollen die Ergebnisse nicht in der Schublade verschwinden, sondern Anstoß für notwendige Weichenstellungen im Gesundheitssystem geben, insbesondere im Bereich der Basisversorgung.
Dies erscheint umso berechtigter angesichts der in der Befragung geäußerten Zweifel an einer ärztefreundlichen Gesundheitspolitik in den kommenden Jahren - dem eindeutigsten Ergebnis von "Doktor, quo vadis?"" Weitere Argumente für eine Auseinandersetzung mit dem Thema ergeben sich aus den 
Belastungen durch Bürokratie und der Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens Arztpraxis.

In einer ersten Diskussionsrunde kommentierten fünf Teilnehmer die Ergebnisse der großen Ärztebefragung der ÄRZTE WOCHE:

  • Dr. Jörg Pruckner, Arzt für Allgemeinmedizin und Obmann der Kurie für niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer

  • Dr. Lothar Fiedler, Facharzt für Innere Medizin und Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich

  • Dr. Josef Probst, Geschäftsführung im Hauptverband der Sozialversicherungsträger

  • Dr. Wolfgang Spiegel, Arzt für Allgemeinmedizin in Wien und Lektor am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Wien

  • Dr. Martin Hagenlocher, Geschäfts-führer der Bayer Austria Ges. m.b.H.

Kernfragen des Round table waren die Zufriedenheit der Ärzte mit den beruflichen Bedingungen, belastende Faktoren und das gesundheitspolitische Szenario. Weitere Diskussionsrunden zum Thema sind für nächstes Jahr in den Bundesländern geplant.
Die Diskussion leitete Chefredakteur Herbert Hauser.

Dr. Jörg Pruckner, Arzt für Allgemeinmedizin und Obmann der Kurie für niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer

Pruckner: Für mich sind die Ergebnisse der Ärztebefragung ein Spiegel dessen, was ich als aktiv tätiger Arzt persönlich empfinde und eigentlich bei allen Sitzungen mit Kollegen an Sorgen und Belastungen höre. Das sind auch die Punkte, die wir allen Verantwortlichen rundherum klar zu machen versuchen, wenn irgendwelche Ideen auftauchen. Mit unterschiedlichem Erfolg allerdings, weil - leider Gottes - sehr oft andere Kriterien bei der Beurteilung von Ärzten angelegt werden als die der persönlichen Befindlichkeit. Das Burn-out ist sicher für jeden Arzt ein Thema, auch für die Kammer, aber sicher nicht für jemanden, der von außen mit der Ärzteschaft zu tun hat.
Ich würde mich unter den Zufriedenen einreihen, bin aber untypisch durch meine standespolitische Tätigkeit. Doch ich weiß, dass Kollegen Angst haben. Man ist grosso modo zufrieden, einiges
wäre verbesserungswert. Es liegen derzeit aber auch einige Punkte am Tisch, die die Situation massiv verschlechtern könnten.
Die Gesundheitspolitik war in den vergangenen Jahren eher von wenig Bewegung gekennzeichnet und insbesondere eine starre Politik, was die kassenärztliche Versorgung angeht. Doch die Welt hat sich geändert, auch für uns Ärzte. So machen in manchen Bundesländern die Wahlärzte bereits 50 Prozent aus. Die Politik hat vieles angerissen, manches durchaus mit Erfolg, manches mit weniger, manches ohne Feeling und ohne Rückfrage bei den Ärzten. Wenn die Befindlichkeit und Zufriedenheit der Ärzte im System eine Rolle spielt, könnte das stabilisierend wirken.
Ich weiß, dass zum Frust der Ärzte mitunter auch die getrübte Beziehung zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten beiträgt, wenn auch eher im urbanen Bereich. Auch die Tatsache, viel Erfahrung zu haben und einiges nicht machen zu dürfen, ist ein Frustfaktor. Ein Beispiel dafür ist, dass ein Nagelpilz eine fachärztliche Diagnose erfordert, nur weil die Kosten für das Medikament so hoch sind. Wenn die Zuwendung zum Patienten auch den Versicherungen was wert ist, werden wir uns finden. Das würde der Zufriedenheit der Ärzte gut tun und auch die Effizienz steigern.
Die Entscheidung, was wir machen wollen, steht an. Es würde sich bei den Ärzten gut auswirken, wenn sie wieder selber mehr Entscheidungen treffen können. Für "Probst-Pragmatisierte" (Kassenärzte) ist dieser Freiraum sehr eingeschränkt.
Ich teile ein gewisses Maß an Optimismus, das bewusste Auslassen der Gesundheitspolitik im Wahlkampf hat mir aber Sorgen gemacht. Gewisse Sachthemen sind zu beantworten und rote Zahlen bei allen Kassen ein bedrohliches Szenario. Deshalb muss Bewegung in die Gesundheitspolitik kommen. Ich halte ein Versorgungssystem ohne echte Barrieren für die Patienten für eine der Säulen des sozialen Friedens in einem Land.

Dr. Lothar Fiedler, Facharzt für Innere Medizin und Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich

Fiedler: Die Ergebnisse der Ärztebefragung sind großteils nicht überraschend, vor allem was die Einschätzung der kommenden Entwicklung betrifft. Für den einzelnen Arzt wird es zunehmend schwieriger, die medizinischen Zusammenhänge zu überblicken. Dazu hat die Rasanz der Medizin in den letzten zehn Jahren wesentlich beigetragen. Ein hoher Aufwand für Fortbildung ist erforderlich, viel Dokumentation und Administration bedeuten zusätzliche Belastungen.
Mein Appell an das Gesundheitssystem ist, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, was den Ärzten an Administration aufoktroyiert wurde. Wenn es gelingt, hier Erleichterungen zu schaffen, dann wird auch mehr Effizienz möglich sein.
Meine eigene Zufriedenheit, mein Wohlbefinden ist größer, seit ich die Präsidentschaft der Ärztekammer für Niederösterreich innehabe. Dadurch ist es mir gestattet, mich immer wieder im Sinne einer kleinen Gemeinschaftspraxis von Wahlärzten vertreten zu lassen. Diese kleinen Strukturen sollten vermehrt zugelassen werden, weil damit wesentlich mehr an Output möglich ist.
Wesentlich ist die Bedeutung des Arztes in der Gesellschaft, die früher wahrscheinlich überzogen war. Der "Gott in Weiß" hat keine Berechtigung mehr. Es ist aber nicht in Ordnung, dass die Ärzte in viele Mechanismen des Gesundheitssystems absichtlich nicht eingebunden und oft erst spät vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Die westlichen Länder werden durchwegs von der Wirtschaft als treibender Faktor gesteuert, was oft die qualitative Komponente behindert.
Ich bin überzeugt, dass sich die Zufriedenheit der Ärzte in den letzten Jahren verschlechtert hat. Die Freiräume werden zunehmend eingeengt, zum Beispiel durch Leitlinien, Gott sei Dank noch nicht durch Richtlinien. Für die Zukunft halte ich eine genauere Abstimmung der Tätigkeiten von Allgemeinmedizinern und Fachärzten für erforderlich. Der Allgemeinmediziner könnte verstärkt im Bereich der Vorsorge und Aufklärung, wie dies zum Beispiel bei großen Kampagnen in Niederösterreich der Fall ist, mitmachen. Andererseits erfordert das enorme Wissenspotenzial der Medizin die Spezialisierung. Bei dieser Aufgabenteilung müssen aber auch die Sozialversicherungen mitspielen.
Grundsätzlich bin ich optimistisch. Für die Standespolitik ist es wichtig, der Kollegenschaft wieder einen positiven Geist zu vermitteln, der in den letzten Jahren sicher etwas gelitten hat. Und ich bin auch überzeugt, dass keine besondere Gefahr droht.

Dr. Josef Probst, Geschäftsführung im Hauptverband der Sozialversicherungsträger

Probst: Ich verstehe die Ergebnisse der Ärztebefragung nur als Stimmungsbild, weil deren Repräsentativität statistisch nicht abgesichert ist. Als Erstes stelle ich fest, dass die Mehrheit der ÄrztInnen grundsätzlich zufrieden ist. Ausgehend von der Hypothese der Meinungsforscher, gelten Werte über 50 Prozent als maßgeblich positiv. Auch die Erfüllung der beruflichen Erwartungen zeigt ein Ausmaß, das selten zu finden ist. Für uns in der Sozialversicherung ist die Zufriedenheit der Patienten, aber auch die unserer Partner, der ÄrztInnen, wichtig.
Nachdenklich machen mich die Werte zur "Einschränkung der Therapiefreiheit", obwohl mit 39 Prozent noch eine Minderheit, zu "immer mehr Bürokratie" und "weniger Lohn für mehr Leistung". Die extrem schlechte Bewertung der Gesundheitspolitik ist wohl das eindeutigste Ergebnis dieser Befragung.
Wie sieht die Situation der ÄrztInnen nach objektiven Kriterien aus? In manchen Gebieten gibt es Warteschlangen auf Kassenverträge. Der Grund dafür liegt darin, dass ein Kassenvertrag die wirtschaftliche Basis eines Arztes für die Lebenszeit sichert. Wo sonst gibt es ein unkündbares Vertragsverhältnis wie jenes der Ärzte mit Kassenvertrag.
Dennoch ist die Zufriedenheitssituation der ÄrztInnen auch von unserer Seite zu beachten und zu fragen: Wo kann man das Positive weiter fördern, wo sind Risiken, die zum Nachteil des Gesundheits-
systems gereichen könnten? Die Zeiten sind vorbei, wo die Kommunikation zwischen Kasse und Vertragsarzt nur zweimal stattgefunden hat - bei Vertragsübergabe und beim Eintritt in die Pension. Heute wissen beide Seiten, dass man regelmäßig miteinander kommunizieren muss. Ich sehe durchaus Signale, dass partnerschaftliche Lösungen auch in schwierigen Fragen kurzzeitig effektiv abgewickelt werden können. Es sollte nicht alles dem Gesetzgeber überlassen werden. Positive Ansatzpunkte zur Bewältigung der beruflichen Anforderungen von Ärzt-Innen sind aus meiner Sicht die Qualitätszirkel, die auch einen sozialen Aspekt der Komunikation mit KollegInnen beinhalten.
Ich bin optimistisch, deshalb stört mich bei Diskussionen über die Zukunft der oft durchklingende Skeptizismus. Es werden immer alle Schwierigkeiten aufgezählt, die wir haben. De facto sind wir aber eines der reichsten Länder und können uns, wie nur wenige, ein gutes Gesundheitssystem leisten. Die Frage, ob wir uns das weiterhin leisten wollen, müssen die Wähler und die Politiker beantworten. Jetzt ist das gute Gesundheitssystem selbstverständlich, deshalb wird nicht mehr darüber nachgedacht. Die Österreicher sind immer auf alles gefasst und auf nichts vorbereitet. Abschließen möchte ich mit Johann Böhm: "Soziale Sicherheit ist die verlässlichste Grundlage der Demokratie” - dazu gehört ein gutes Gesundheits-
system.

Dr. Wolfgang Spiegel, Arzt für Allgemeinmedizin in Wien und Lektor an der Abt. für Allgemeinmedizin, Institut für medizinische Aus- und Weiterbildung der Universität Wien

Spiegel: Die gesundheitspolitische Entwicklung wird von den Ärzten eher pessimistisch eingeschätzt. Ich bin dennoch optimistisch, weil ich davon ausgehe, dass grundsätzliche Änderungen unseres Systems unvermeidlich sind. Durch die gefährdete Finanzierbarkeit wird immer häufiger über notwendige Anpassungen nachgedacht.
Der sinnvollste Ansatz für neue Wege wäre, einerseits die Primärversorgung zu stärken, was mit dem Angebot einer breiten Basis an medizinischen Leistungen beim Generalisten verbunden sein müsste, und andererseits die Spezialisten aufzuwerten, indem diese nur mit qualifizierten Fragestellungen oder zur tatsächlich indizierten weiterführenden Diagnostik aufgesucht werden könnten.
Das derzeit in Österreich etablierte medizinische Betreuungs- und Versorgungssystem wird in seiner Qualität weit überschätzt. Ich glaube, dass unser System der sozialen Krankenversicherung neu bewertet werden muss! Warum? Das wertvollste Gut und "wirkungsvollste Medikament", das wir Patienten anbieten können, nämlich die Zeit des Arztes, steht in unzureichendem Ausmaß zur Verfügung. Dies ist vielfach die Quelle der Unzufriedenheit der Patienten und der Frustration der Allgemeinärzte, die ihre eigentliche Qualifikation nicht wirkungsvoll einsetzen können.
Insbesondere der Allgemeinarzt ist aufgrund seiner spezifischen Qualifikation zur Zusammenschau der Beschwerden und Befunde und der häufig sinnvollen Vorgangsweise des "abwartenden Offenlassens und Beobachtens" aufgerufen. Wird diese spezifische Leistung der dem Patienten gewidmeten Zeit motivierend honoriert, wovon wir derzeit weit entfernt sind, könnten teure und für den Patienten oft belastende apparative Untersuchungen minimiert bzw. die Ressourcen sinnvoll genützt werden.
Ich habe für die Bemühungen der Sozialversicherungsträger, die Arzneimittelkosten einzugrenzen, Verständnis. Doch geschieht dies auf die falsche Weise, was die Befragung "Doktor, quo vadis?" deutlich zeigt: Die Versicherten werden zur Bewilligung von genehmigungspflichtigen Leistungen auf einen bürokratischen Hürdenlauf geschickt. Diesen Weg einer Kostenbegrenzung durch Frustration und bürokratische Hürden lehne ich ab. Die vom Hauptverband angedachte Abschaffung der Bewilligungspflicht wäre bereits ein Schritt in die richtige Richtung.
Meine persönliche berufliche Zufriedenheit ergibt sich daraus, dass der generalistische Zugang zum Patienten aufregend und interessant ist. Die empfundene Freude und Befriedigung als Kassenarzt ist aber deutlich geringer, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Dr. Martin Hagenlocher, Geschäftsführer der Bayer Austria Ges.m.b.H.

Hagenlocher: Als Mitarbeiter eines pharmazeutischen Unternehmens kann ich die Ergebnisse der Ärztebefragung nur begrenzt kommentieren. Interessant ist aus meiner Sicht vor allem die berufliche Zufriedenheit der Ärzte. Wir machen alle zwei Jahre vergleichbare Umfragen bei unseren Mitarbeitern. Dabei zeigt sich immer wieder, dass gerade Leistungsträger und besonders Engagierte unter übermäßiger Bürokratie leiden, wie offensichtlich auch die Ärzte. Hier sollte ernsthaft an Lösungen gearbeitet werden, denn damit ließe sich viel Zufriedenheit generieren.
Parallelen zwischen Ärzten und Pharmaindustrie bestehen auch in anderen Punkten. Einer davon betrifft das Mehr an geforderter Leistung für weniger Lohn. Für Entwicklung und Vermarktung innovativer Produkte nimmt die Industrie hohe Investitionen und Mehrleistung in Kauf, ohne dass hiefür immer der adäquate Lohn im Sinne eines entsprechenden Preises oder freien Kassenzugangs gewährt wird.
Die Zufriedenheit mit der Gesundheitspolitik ist sicher auch in der Pharma oder bei den Apothekern ähnlich wie in der Ärzteschaft. Dennoch hat die Industrie Wert darauf gelegt, die Zusammenarbeit mit den Ärzten dadurch nicht einzuschränken.
Grundsätzlich ist die Zufriedenheit am größten, wenn der Freiraum passt. In Zukunft könnte Gesundmachen allein zu wenig sein und Gesunderhaltung als ärztliche Aufgabe die berufliche Zufriedenheit steigern. Eines ist aber klar: Einfacher wird es nicht werden.
Persönlich vertraue ich darauf, dass sich am Ende die Vernunft durchsetzen wird. Von Dogmen sollte Abstand genommen und klare Ziele in der Gesundheitspolitik gesetzt und umgesetzt werden. So wie 77 Prozent der Ärzte würde auch ich mich wieder für den Beruf entscheiden, den ich habe.

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