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Gesundheitspolitik 4. September 2006

"Wir müssen die Versicherten schützen!"

Der Auftritt hat sich zweifellos verändert. Seit Mag. Beate Hartinger Anfang August ihr Büro im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger als neue Geschäftsführerin bezogen hat, ist es eindeutig harmonischer geworden. Blumen zieren die bislang kahlen Fensterreihen, und Bilder aus der Artothek versuchen den diskreten Charme des 70er-Jahre-Baus nach Feng-Shui-Manier zu übertünchen.

Keine Spur von Harmoniesucht ist hingegen bei ihren Ansagen zur Vertragspartnerpolitik zu bemerken. Im ÄRZTE WOCHE-Gespräch fordert die ehemalige FPÖ-Politikerin mehr Qualitätskontrollen und die Befristung von Kassenverträgen. Nicht sparen will sie hingegen bei der Honorierung des ärztlichen Gesprächs und beim Ausbau des niedergelassenen Bereichs.

Sie haben gleich zu Amtsantritt den Ärzten das Messer angesetzt und mehr Kontrollen und eine Befristung der Kassenverträge gefordert. Was war hier Ihre Intention?

Hartinger: Wir als Sozialversicherung kaufen Leistungen ein. Unsere Aufgabe ist es, die beste Qualität zum besten Preis zu wählen. Daher ist es für uns auch wichtig, die Qualität zu messen. Diese zu standardisieren, wäre Aufgabe der einzelnen Fachgesellschaften der Ärztekammern. Nur dann kann man sie auch kontrollieren.
Das ist unsere Aufgabe, um die Versicherten zu schützen. Das sage ich ganz bewusst, weil ich weiß, dass viele Leistungen erbracht werden, die medizinisch nicht notwendig und auch nicht effizient sind. Meiner Ansicht nach wäre es eine sinnvollere Aufgabe der Chefärzte, Servicefunktionen als medizinische Berater wahrzunehmen und nicht nur bürokratische Hürden für die Patienten zu sein.

Ärzte sind Freiberufler, die ihr Unternehmen mit finanziellen Risken führen. Gehen Sie mit ihrem Kontrollbedürfnis nicht etwas zu weit?

Hartinger: Was die Wahlärzte angeht, haben Sie völlig Recht. Aber ansonsten arbeiten Ärzte in einem geschützten Bereich. Sie haben Verträge auf Lebenszeit. Sehen Sie sich die Sache mit dem Kärntner Gynäkologen an, der die Krebsabstriche nicht weitergeleitet hat. Sogar in solchen Fällen ist es schwierig, jemandem den Vertrag zu entziehen. Es gibt zur Zeit de facto keine Sanktionsmöglichkeiten. Das halte ich für falsch und erwarte mir hier auch von der Ärztekammer eine etwas offenere Diskussion.

Wie würde sich das auf die Honorare auswirken?

Hartinger: Ich bin für eine leistungsorientierte Honorierung auch bei Ärzten. Was es kostet, das kostet es. Es ist auch wichtig, dass die Ärzte mit ihrem Vertrag zufrieden sind. Denn nur dann kann ich eine gute Leistung erwarten. Sie sollten aber auch nicht bei jeder Verhandlung gleich mit dem Leichentuch wacheln und drohen, dass die Patienten nicht mehr versorgt werden können.

Die Sozialversicherung ist sehr zurückhaltend, was neue Praxisformen - sprich Gruppenpraxen, Job-Sharing, Nachfolgepraxen - angeht. Wie geht es Ihnen mit dieser Innovationsfeindlichkeit?

Hartinger: Die Zusammenarbeit von mehreren Ärzten bringt finanzielle Vorteile. Natürlich sagt dann die Sozialversicherung, dass sie preislich günstiger werden müssen. Alle wissen, dass wir im Gesundheitsbereich eine angebotsinduzierte Nachfrage haben, das beweist Wien. Hier ist die Ärztedichte sehr hoch und dementsprechend auch alle Leistungen. Keine Frage: Es gibt Lücken in bestimmten Bereichen und Regionen, aber es gibt auch Überversorgungen.

Thema Qualität: Was halten Sie vom Evaluierungsbogen, den die Ärztekammer zur Bewertung der niedergelassenen Praxen ausgearbeitet hat?

Hartinger: Es ist zumindest ein Anfang. Ich halte die Selbstevaluation für praktikabel. Gerade beim Disease Management des Diabetes Typ-2 sind wir damit sehr gut gefahren. Hier hat man gemerkt, dass die Insulinverschreibung sehr unterschiedlich ist. Da stellt sich natürlich schon die Frage, ob es hier bestimmte Verordnungsanreize gibt oder ob es am Wissensstand liegt. Wenn man den Ärzten den Spiegel vorhält, dann ändert sich auch automatisch ihr Verhalten. Aber das müssen sie selbst erkennen.

Wollen Sie auch Behandlungsergebnisse kontrollieren?

Hartinger: Ja natürlich. Die Standards müssen aber von den Fachgesellschaften - eventuell in Zusammenarbeit mit unseren Chefärzten - ausgearbeitet werden. Die haben das dann auch zu kontrollieren.

Sie haben als Politikerin eine Aufwertung des extramuralen Bereiches gefordert. Bei den Honorarverhandlungen in Wien wurde gerade damit gedroht, 200 Kassenstellen zu schließen. War das nur ein Lippenbekenntnis?

Hartinger: Ich stehe dazu, dass der Allgemeinmediziner der Gatekeeper schlechthin ist. Er müsste eigentlich das breite Wissen haben und die Patienten dorthin steuern, wo sie am besten aufgehoben sind.

Da müsste man aber die Honorierung deutlich verändern.

Hartinger: Dazu wäre die Finanzierung aus einer Hand notwendig. Wir haben derzeit den "Drehtürpatienten". Wir als Sozialversicherung sind bestrebt, alle ins Krankenhaus zu bringen, die Spitäler wiederum schicken alle hinaus.
Was die fachärztliche Versorgung angeht, würde ich mir wünschen, dass man die Spezialisten so nah wie möglich bei den Spitälern bzw. Gesundheitszentren hat. Man sollte den niedergelassenen Ärzten die Möglichkeit geben, die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Ich möchte sie gerne in das System hereinholen. Die Ressourcen liegen im Spital ja ab Mittag brach.

Welche Vorschläge haben Sie, um der 5-Minuten-Medizin zu entkommen?

Hartinger: Ich halte das ärztliche Gespräch für sehr wichtig und es muss auch dementsprechend honoriert werden. Man sollte nicht gleich einen Diagnose-Apparat über jeden Patienten laufen lassen, sondern zuerst herausfinden, was die Ursachen seiner Beschwerden sind. Es müssen für den Arzt Anreize gesetzt werden, dass er sich wirklich mit den Ursachen der Erkrankung auseinander setzt.

Immer wieder wollen die Kassen bei den Honorarverhandlungen Deckelungen durchsetzen. Damit hat man aber in Deutschland schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Warum will man das trotzdem?

Hartinger: Ich bin eigentlich auch eine Gegnerin von Deckelungen und Rasenmähermethoden. Man weiß ja, dass letztlich immer der Druck nach unten weitergegeben wird und an der letzten Stelle steht der Patient. Es kann als kurzfristige Maßnahme einmal ganz sinnvoll sein, aber langfristig muss man sich
andere Strategien überlegen.

Sie sprachen von Finanzierung aus einer Hand. Wie gefällt Ihnen das Vorarlberger Modell der Gesundheitsfonds?

Hartinger: Ich halte es für extrem gefährlich, das Vorarlberger Modell auf neun Länder umzulegen. Wir haben derzeit neun Gebietskrankenkassen mit unterschiedlichen Leistungen und Honorierungen. Ein Arzt in Vorarlberg wird anders bezahlt als einer in Wien oder in der Steiermark. Das ist für mich nicht korrekt. Hier werde ich für eine Harmonisierung eintreten.
Die Gefahr von neun Ländertöpfen oder Gesundheitsagenturen ist, dass wir auch im stationären Bereich diese Unterschiede bekommen. Ich finde es nicht richtig, wenn ein Vorarlberger anders behandelt wird als ein Wiener. Das widerspricht für mich dem Solidaritätsprinzip und der Qualitätssicherung.
Das operative Geschäft soll sehr wohl an die Länder delegiert werden. Für die Versichertennähe ist das sehr wichtig. Aber die Strategie und Kontrolle des gesamten Gesundheitswesens soll in einer zentralen Stelle bleiben. Und das ist für mich die Sozialversicherung.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 33/2003

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