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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Wie sauber ist die Wissenschaft?

In der letzten Zeit häuften sich in den Medien wieder die Berichte über wissenschaftliches Fehlverhalten. So musste etwa die Universität Tübingen zugeben, dass eine im Jahr 2000 in der renommierten Zeitschrift "Nature Medicine" erschienene Studie zur Nierenkrebs-Impfung schwerwiegende Mängel aufwies. Der Erstautor habe grob fahrlässig gehandelt, hieß es von Seiten der Universität.

Erfundene Daten

Großes Medienecho rief auch der Fälschungsskandal rund um den Nanotechnologie-Shooting Star Dr. Jan Hendrik Schön hervor. Dieser hatte sich den Traum wohl jeden Wissenschafters - eine Publikation in "Science" oder Nature" - zwischen 1998 und 2002 gleich 17-mal erfüllt. Das Problem dabei war, dass er die meisten Daten einfach erfunden hatte.
ExpertInnen wie Prof. Dr. Wilfred Druml, Herausgeber der "Wiener Klinischen Wochenschrift", halten bekannt gewordene Fälschungsfälle lediglich für die Spitze eines Eisbergs. Was Österreich betrifft, sei betrügerisches Verhalten von Wissenschaftern allerdings nicht sehr häufig, glaubt der Linzer Wissenschafts-Forscher Dr. Gerhard Fröhlich. "Das viel geschmähte österreichische Wissenschaftssystem hat bisher nicht die Konkurrenz ‚Jeder gegen jeden um jeden Preis’ gefördert", so Fröhlich. "Wenn aber auch bei uns - wie von manchen gewünscht - die Forscher auf Schleudersitzposten ums Überleben kämpfen müssen, prognostiziere ich auch hierzulande eine Betrugswelle."

Um das Bewusstsein für eine saubere Wissenschaft zu fördern und junge Wissenschafter über die Spielregeln zu informieren, wurden von einem Arbeitskreis der Fakultät unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Herold, Präsident des Vereins zur Förderung von Wissenschaft und Forschung im AKH Wien, Richtlinien für "Good Scientific Practice" erstellt. Die entsprechende Broschüre - die erste Publikation der neuen Medizinischen Universität Wien - wurde Ende November im Wiener AKH im Rahmen der Fakultätsvorlesung 2002 vorgestellt. In der Broschüre enthalten sind unter anderem Richtlinien für die Befassung der Ethik-, der Tierversuchs- und der Gentechnikkommission.

Im Zusammenhang mit dem Thema "Genanalysen" wies die Wiener Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Pittermann-Höcker auf ein von Krankenhäusern zu wenig beachtetes Problem hin: "Privatversicherungen ist es bekanntlich gestattet, Krankengeschichten von Versicherten zu kopieren, aber nicht Einblick in die Ergebnisse von Genanalysen zu nehmen. Daher sollten diese nicht in die Krankengeschichte aufgenommen werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass die Versicherungen ihnen nicht zustehende Daten in die Hand bekommen."

Die Frage der Autorenschaft

Auch die Frage des Anspruchs auf (Mit-)Autorenschaft wird in der Publikation behandelt. "Die administrative Führung eines Wissenschaftsbereiches oder... die Einschleusung von Patienten sind keine Kriterien, welche per se eine Autorenschaft rechtfertigen", heißt es darin. "Oder der Transport einer Blutprobe über drei Stockwerke", ergänzte Prof. Dr. Werner Klaus Waldhäusl, Vorstand der Wiener Univ.-Klinik für Innere Medizin III, in Anspielung auf eine weit verbreitete Praxis. Abzulehnen sind auch Ehrenautorenschaften ("gift authorships", z.B. im Sinne der Strategie "Schreibst du mich als Mitautor auf dein Paper, dann schreib’ ich dich auf meines, und wir haben beide eine Publikation mehr").

"Das Ziel der Richtlinien wird freilich erst dann erreicht sein, wenn Verstößen wirksam begegnet wird", so Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Dekan der Wiener Medizinischen Fakultät. Davon ist man derzeit in Wien, aber auch aber an anderen Universitäten noch weit entfernt. So wagen es junge ForscherInnen, die bemerken, dass Professoren für Publikationen Daten manipulieren, aus Angst vor Sanktionen nicht, andere Leitungsorgane darüber zu informieren. Dr. Sabine Kleinert, Executive Editor bei "The Lancet", betonte daher in ihrer Vorlesung, dass "Whistleblower" (Aufdecker) entsprechend geschützt werden müssen.

Waldhäusl meinte, dass die Verantwortlichkeit der "Senior Investigators" verstärkt einzufordern sei. Weiters schlug er vor, Lob bzw. öffentliche Bloßstellung als Werkzeug zu verwenden, um eine saubere Wissenschaft zu fördern. "Sehr wichtig wäre es auch, Forschungseinrichtungen stichprobenartig zu überprüfen", sagte Kleinert abschließend.

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