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Gesundheitspolitik 31. August 2006

"Ärzte werden für Geduld, Zeit und Zuwendung bestraft!"

25 Prozent weniger Krankenkassenbeiträge und 20 Prozent Selbstbehalt, lautet einer der Vorschläge von Dr. Volker Korbei für Reformen im Gesundheitswesen. Kritik ist ihm sicher, und Korbei weiß, dass er sich mit seinem Diskussionsvorschlag zur Reform des Gesundheitswesens nicht nur Freunde machen wird. Da er jedoch weder "Geld noch Amt noch Titel" anstrebe, scheue er nicht davor zurück zu sagen, was ihm sinnvoll und notwendig erscheint.

"Ich glaube, dass in unserem Gesundheitswesen vieles fantastisch und gut ist. Aber es gibt auch sehr viele Fehler und Missstände, die vermeidbar wären", begründet Korbei sein Reformkonzept, das er ursprünglich als Beitrag zum Sozialstaat-Volksbegehren erstellt hat. Aber auch in dieser Runde sei es nicht auf ungeteilte Zustimmung getroffen, betont er.
Volker Korbei hat das österreichische Gesundheitswesen von vielen Seiten und aus vielen Blickwinkeln heraus kennen gelernt (siehe Kasten mit Foto). Es sei nicht Ziel seiner Reformvorschläge, bei den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen Unbehagen auszulösen. Dennoch wird er es tun. Dafür garantieren seine Thesen, die "heiße Eisen" der österreichischen Gesundheitspolitik angreifen. Allen voran die Zusammenlegung der Krankenkassen.

Zu viele Krankenkassen

"Auch innerhalb der Sozialversicherung ist schon seit vielen Jahren bekannt, dass diese Vielzahl von Krankenkassen und Krankenfürsorgeanstalten einen unnötig hohen organisatorischen Aufwand benötigt und daher vermeidbare Kosten verursacht. Aus verständlichen, wenn auch nicht zu billigenden Gründen werden von den einzelnen Krankenversicherungsträgern viel Mühe und Energie aufgewandt, diese Verschiedenheit zu erhalten und die Selbstständigkeit der einzelnen Versicherungsträger mit all den dazugehörigen Infrastrukturen wie Obmann, Generaldirektor, GD-Stellvertretern, Direktor usw. zu erhalten."
Sein Vorschlag lautet daher: Die Gesundheitssicherung, Krankenbehandlung und Rehabilitation sollten durch eine einzige bundesweite Organisation erfolgen. Die leitenden Angestellten dieser neuen Gesundheitsinstitution müssten nach privatwirtschaftlichen Kriterien zur Führungskräfteauswahl (Ausschreibung, Hearing etc.) bestellt werden und sollten freie Hand in Personalfragen haben. Die Krankenversicherungsbeiträge sollten vom Finanzamt eingehoben werden.

Jeder Österreicher ist versichert

Nur ein außerordentlich geringer Teil der österreichischen Bevölkerung - vor allem Schwerreiche und Obdachlose - hätten derzeit in Österreich keinen Krankenversicherungsschutz. Korbei: "Der Aufwand, diese sehr kleine Gruppe von Nichtversicherten von der ungerechtfertigten Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen auszuschließen, steht in keiner Relation zu dem dafür notwendigen Aufwand." Daher sei die Überprüfung der Leistungsberechtigung überflüssig, und alle österreichischen Staatsbürger sollten automatisch krankenversichert sein. Die Versicherung ausländischer Arbeitnehmer würde getrennt davon erfolgen.

Reduktion der Beiträge

Sehr unkonventionell ist sein Vorschlag zur Finanzierung des Systems. Die Krankenversicherungsbeiträge sollten um rund 25 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig empfiehlt Korbei die Einführung eines 20-prozentigen Selbstbehaltes. Dieser müsse jedoch in einem Gesamtzusammenhang gesehen werden und unterm Strich mehr Vorteile als Nachteile für die Versicherten bringen.
Für chronisch Kranke, Langzeitpatienten/-patientinnen, sozial schwache Menschen sollten Ausnahmen vereinbart werden. Eine Obergrenze müsse dafür sorgen, dass die Menschen nicht über ihre finanziellen Möglichkeiten hinaus belastet würden. "Krankheit jeglicher Art darf zu keiner essentiellen ökonomischen Bedrohung und Gefährdung eines Bürgers werden", betont Korbei.

Begleitmaßnahmen zum Selbstbehalt

Die Einführung eines Selbstbehaltes im derzeitigen System ohne entsprechende flankierende und sinnvolle Reformmaßnahmen würde ihm jedoch wie ein "Raubritterakt" erscheinen. Daher schlägt er als parallele Maßnahmen vor:

  • Erweiterung des Leistungsspektrums der sozialen Krankenversicherung, z.B. volle Zahnbehandlung;

  • kein Unterschied in Krankenbehandlung und Rehabilitation von Erwerbstätigen und nicht Erwerbstätigen sowie zwischen Arbeits- und Freizeitunfällen;

  • keine Abdeckung von Bagatellbelastungen durch die soziale Krankenversicherung und

  • Senkung der Lohnnebenkosten durch den Abzug von Krankenstandstagen vom Urlaub (max. 30 Prozent).

Korbei spricht sich dezidiert gegen Beitragserhöhungen aus. Sinnvolle Reformmaßnahmen würden dadurch weiter hinausgeschoben und dringend abschaffungswürdige Missstände weiter finanziert werden, wie dies bei der Absicherungsmedizin der Fall sei.

Mehr als "5-Minuten-Medizin"

Auch mit dem bestehenden Kassen-Honorierungssystem für niedergelassene Ärzte geht er streng ins Gericht: "Geduld, Zeit, Zuwendung, sanfte, gesundheitsfördernde Maßnahmen werden in diesem System mit hohen ökonomischen Verlusten bestraft. Nach meiner eigenen Erfahrung bedeutet dies Einkommensverluste von mehr als 50 Prozent des möglichen Nettoeinkommens", meint er.
Die "5-Minuten-Medizin" mit einer Quartalspauschale beschere jenen Ärzten hohe Umsätze, die danach trachteten, ihre Patienten möglichst nur ein Mal pro Quartal zu sehen und gleichzeitig eine hohe Anzahl von Kranken pro Stunde durchzuschleusen. Um dies zu erreichen, müsse man sehr rasch und oft zu anderen Ärzten bzw. medizinischen Institutionen überweisen und auch bei geringen Beschwerden immer die Maximaltherapie anstreben, kritisiert er. Zeit und Zuwendung seien im Rahmen der Absicherungsmedizin nicht notwendig; ihre Unterlassung gelte daher auch nicht als Kunstfehler.
Korbei fordert deshalb, die Informations- und Beratungszeit noch viel stärker im Honorarkatalog der Krankenversicherungen zu berücksichtigen. Für diese Leistung müsse eine Abgeltung von mindestens 80 Euro pro Stunde vorgesehen sein, meint er. Die Kontrolle über die tatsächlich erbrachte Leistung sollte einerseits direkt über die Patienten sowie andererseits über die Abrechnung der Selbstbehalte erfolgen. Das Geld könnte durch das Weglassen medizinischer Maßnahmen gespart werden, die nur dem Interesse der forensischen Sicherheit des Arztes (Angst vor Kunstfehlerprozessen) dienen.
Korbei: "Die Sicherheit, Lebensqualität und Gesundheit des Patienten ist in diesem Fall zweitrangig. Dabei kann es zu einer krassen Unverhältnismäßigkeit zwischen eingesetzten Mitteln und dem zu erwartenden Erfolg kommen. In manchen Fällen ist es sogar möglich, dass die zu erwartenden Risiken für den Patienten größer sind als der zu erwartende Benefit. Absicherungsmedizin bedeutet immer mehr Untersuchungen, mehr Eingriffe und mehr Umsatz - damit in vielen Fällen mehr Honorar (auch Privathonorar) für den Arzt."

Erste Versorgungsebene stärken

Durch die Aufwertung der ersten Versorgungsebene (niedergelassene Ärzte für Allgemeinmedizin) könnten "unsinnige diagnostische Leistungen, vor allem Laborleistungen, in Milliardenhöhe eingespart werden". Das so genannte opportunistische Screening, das in unserem Land "in übergroßem Ausmaß durchgeführt wird", könnte vollkommen entfallen, meint er. In der ersten Versorgungsebene gehe es in erster Linie um Zeit, Verstehen und Motivation. Der Einsatz aufwändigerer technologischer Diagnose- und Therapiemaßnahmen sollte erst in der zweiten (fachärztlichen Grundversorgung) oder dritten Versorgungsebene (Fachspezialisten) stattfinden.

Für Ganztagsspitäler und gegen Multifunktionäre

Für den Spitalsbereich zieht Korbei die Unfallmedizin als nachahmenswertes Beispiel heran. Ihr Ziel sei nicht nur die medizinische Versorgung von Unfallopfern, sondern auch die Prävention sowie die Nachversorgung.
Unfallkrankenhäuser würden als Ganztagsspitäler geführt, was Korbei auch für andere Gesundheitseinrichtungen empfiehlt: "Es wird niemand erwarten, dass etwa die Direktoren eines großen Konzerns nebenberuflich elektronische Geräte verkaufen. Ich halte medizinische Multifunktionäre, wie sie an der Spitze der Hierarchien sehr häufig vorkommen, in jeder Hinsicht für kontraproduktiv." Oft bringe der "Nebenerwerb" in Privatordinationen, -spitälern und anderen Funktionen ("Operettenmedizin") mehr Geld als der Hauptberuf und werde daher für den einzelnen Arzt vorrangig. Unabdingbare Voraussetzung wäre für Korbei jedoch, dass Ärzte in den Spitälern eine adäquate Bezahlung erhielten.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 16/2003

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