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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Traue keiner Grafik, außer der eigenen

"Wer die Entwicklung der Arzneimittelkosten in Euro statt in Prozent ausweist, erfährt Erstaunliches", verspricht die Pharmig in einer ihrer Publikationen.

Die Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen belegt dies mit zwei Grafiken über die Veränderungen der Einnahmen und Ausgaben in der Krankenversicherung zwischen 1995 und 2001, die jeweils eine völlig andere Interpretation zulassen. Die Ärzte Woche hat noch eine dritte Grafik erstellt, in der die realen Zahlen transparent werden.
Grafik A stammt vom Hauptverband (HV) der österreichischen Sozialversicherungsträger und zeigt die Veränderungen in Prozent. Dabei wird der Zuwachs an Beiträgen mit "nur" 19,9 Prozent angegeben, der Kostenzuwachs bei den Heilmitteln allerdings mit 56 Prozent. Der Öffentlichkeit wird suggeriert: Das kann sich einfach nicht ausgehen.
Grafik B wurde nach Berechnungen der Pharmig erstellt und zeigt die Veränderungen in Millionen Euro. Demnach sind die Ausgaben für Heilmittel "nur" um 615,1 Millionen Euro gewachsen, die Beiträge allerdings um 1.412,3 Millionen Euro. "Das muss sich doch locker ausgehen", ist der Laie hier spontan zu denken geneigt.
Die Pharmig will mit ihrer Kalkulation in Grafik B die tendenziöse Argumentationslinie des Hauptverbandes anprangern. Dieser wiederum will mit Grafik A beweisen, dass die Arzneimittelausgaben an der "Kostenexplosion" und am Defizit der Krankenkassen schuld sind. Allerdings bleibt uns auch die Pharmig die realen Zahlen schuldig. Wer sich ein genaueres Bild machen möchte, muss selbst zum Taschenrechner greifen - oder die Ärzte Woche lesen. Wir haben für Sie aus den beiden Grafiken die realen Zahlen errechnet. Demnach stiegen die Krankenversicherungsbeiträge im Beobachtungszeitrum 1995 bis 2001 von rund 7.096,9 auf 8.509,2 Millionen Euro (Grafik C). Die Ausgaben des HV für Ärzte erhöhten sich von 2.042,7 auf 2.559,5 Millionen Euro, jene für Krankenhäuser von 2.492,9 auf 2881,7 und jene für Heilmittel von 1098,4 auf 1713,5 Millionen Euro. Demnach standen im Jahr 1995 Beitragseinnahmen von 7.096,9 Millionen Euro Gesamtausgaben für die drei wichtigsten Positionen (Ärzte, Krankenhaus und Heilmittel) in der Höhe von 5.634,1 Millionen Euro gegenüber. Im Jahr 2001 lagen die Gesamtausgaben für die drei wichtigsten Positionen bei 7.154,7 Millionen Euro. Blieben nach Abzug der drei Hauptpositionen von der Beitragssumme im Jahr 1995 noch 1.462,8 Millionen Euro übrig, so waren es 2001 nur noch 1.354,5 Millionen.

Gute Gründe, viel Polemik

Um wieder auf Prozentrechnungen zurückzukommen: In Relation zu den Krankenkassenbeiträgen stieg der Anteil der Heilmittelausgaben von 15,5 Prozent im Jahr 1995 auf 20,1 Prozent im Jahr 2001. Dies ist auch ein Hauptgrund, warum der Hauptverband der Sozialversicherungsträger seit einiger Zeit chronisch Alarm schlägt. Im Gegenzug weist die Pharmig immer wieder darauf hin, dass die Arzneimittelpreise bereits zum neunten Mal in ununterbrochener Reihenfolge geschrumpft seien. Die Ausgabenzuwächse für Heilmittel haben laut Pharmig gute Gründe und ergeben sich aus diversen Struktureffekten. Dazu zählen der Ersatz bisheriger Therapien durch Arzneimittel, Änderungen der Verschreibungsgewohnheiten der Ärzte, der Austausch alter oder unrentabler Arzneimittel durch neue Präparate und reines Mengenwachstum (z.B. die Bevölkerungsentwicklung, aber auch Parallel-Exporte).
Wer hier mehr Recht hat und wie die bestmögliche Lösung der Finanzprobleme aussehen könnte, müssen Experten entscheiden. Aber ohne Zweifel ließen sich viele Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen im Gesundheitswesen abkürzen, wenn alle Beteiligten ihre Argumentationslinien auf transparenten und nachvollziehbaren Zahlen aufbauen würden.

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 31/2003

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