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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Situation in Pflegeheimen eskaliert

Die an die Öffentlichkeit gedrungenen krassen Fälle von schlechter Pflegequalität und Freiheitsbeschränkung in Heimen stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Gesetzliche Regelungen bestehen, sind aber in der Praxis nicht umgesetzt oder nicht umsetzbar. Geriatrische Spitäler wären eine bessere Lösung, meint ein Ärztevertreter.

Ein ehrenamtlicher Sachwalter beschwerte sich seit zwei Jahren erfolglos über Missstände im "Geriatriezentrum Wienerwald" - dann regte er eine unangekündigte Begehung an. Bei dieser wurde eine Bewohnerin in einem offensichtlich lange vernachlässigten Zustand vorgefunden: Das letzte Bad lag einen Monat zurück, Haare und Nägel waren ungepflegt, sie war nicht adäquat bekleidet … Der gesamte Raum machte einen heruntergekommenen Eindruck. Die Bewohner lagen im Bett - es war "Nachtruhe", obwohl es erst 15 Uhr war. Als "Begründung" für die Maßnahme wurde "Personalmangel" angegeben.

Mangelhafte Dokumentation

Eine andere Bewohnerin hätte über drei Stunden warten müssen, bevor sie jemand auf die Toilette begleitete. Vielleicht auch, weil dort eine andere Bewohnerin ebenso lange im Nachthemd sitzen gelassen wurde. Und: Der Weg zu den vorhandenen Toiletten war sehr lang. Bei der Begehung wurden auch schwerwiegende Lücken in der Pflegedokumentation entdeckt - und selbst das Dokumentierte betätigte den Eindruck der Vernachlässigung: Umlagerung von Bettlägrigen wurde teils im Abstand von über vier Stunden vorgenommen.
Im "Geriatriezentrum am Wienerwald" verbringen derzeit rund 2.000 Pflegebedürftige ihren Lebensabend, davon sind mehr als zwei Drittel in Sechs- bis Acht-Bett-Zimmern untergebracht. Bürgermeister Michael Häupl hat eine Kontrolle aller Wiener Heime angekündigt, die Grünen fordern eine Schließung des "Geriatriezentrums am Wienerwald" bis 2008. Statt dessen solle in mehr Personal und neue zeitgemäße Strukturen investiert werden, wie in mobile und teilstationäre Dienste, Wohngruppen sowie ein Sonderkrankenhaus für Geriatrie.

Pflegeschlüssel passt nicht

Zum Pflegeskandal meinte der Präsident der Wiener Ärztekammer, Prim. MR Dr. Walter Dorner: "Alte und multimorbide Patienten benötigen intensive Pflege, die mit einem herkömmlichen Pflegeschlüssel nicht bewerkstelligt werden kann. Ich habe hier meine Zweifel, ob der Wiener Krankenanstaltenverbund in der Vergangenheit tatsächlich die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen hat, um diesem Versorgungsauftrag gerecht zu werden." So seien derzeit zum Beispiel im Geriatriezentrum Baumgarten 23 Pflegestellen nicht besetzt.
Dorner erinnerte an die Forderung der Ärztekammer, "Geriatriezentren endlich in geriatrische Spitäler aufzuwerten". Damit käme automatisch ein besserer Betreuungsschlüssel zu Stande, der sich direkt auf die Betreuungsqualität auswirken würde.

Nicht nur in Wien

Allerdings gibt es Berichte auch aus anderen Pflege- und Altenheimen in verschiedenen Bundesländern, die auf ähnliche Missstände hinweisen. Eklatanter Personalmangel und gleichzeitige ständige Überforderung des vorhandenen Personals führen immer wieder zu einem niedrigen Niveau der Qualität der Betreuung. Selbst das unzureichende Prinzip der "Warm-satt-sauber-Pflege" wird oft unterschritten, es kommt auch zu Freiheitsbeschränkungen, unter anderem werden ruhig stellende Medikamente eingesetzt oder BewohnerInnen in ihren Zimmern eingesperrt.
Im Sommer hat der Ministerrat ein Heimvertragsgesetz abgesegnet. Der Konsumentenschutz der BewohnerInnen soll deutlich verbessert werden, das jeweilige Heim muss bestimmte Mindeststandards einhalten, z.B. in Bezug auf die räumliche Unterbringung, die Verpflegung, die Betreuung und Pflege sowie kulturelle Angebote im Heim. Es besteht nun auch die Möglichkeit einer Klage gegen den Träger, bei der die Kosten nicht zu Lasten der BewohnerInnen gehen. Jeder kann diese Klage einbringen - gerade auch die betreuenden Allgemeinmediziner haben so eine neue Möglichkeit, auf schlechte Rahmenbedingungen im Heim zu reagieren.
Wesentlich heikler ist das Heimaufenthaltsgesetz, zu dem ein Entwurf vorliegt. In diesem sollen auch freiheitsbeschränkende Maßnahmen geregelt werden. Vorgesehen ist eine Bewohnervertretung, die vom Verein für Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft (VSP) eingerichtet werden soll. Dieser sieht beim Gesetz noch einige Lücken: Zu verankern sei noch eine von den BewohnerInnen selbst gewählte Interessensvertretung, in die auch Angehörige und Vertrauenspersonen einbezogen werden müssten. Zudem wären auf Landesebene vorhandene minimale Qualitätsstandards zu vereinheitlichen. Das neue Gesetz sollte nicht einfach Freiheitsbeschränkungen sanktionieren, sondern sie so weit wie möglich verhindern oder strengen Auflagen unterwerfen bzw. ihre Dauer möglichst kurz halten. Der VSP fordert auch, dass mehr qualifiziertes Personal in Pflegeeinrichtungen zur Verfügung steht. Dazu Dorner: "Der Wert einer Gesellschaft misst sich nicht nur an Wirtschaftsdaten oder am Pro-Kopf-Urlaubsbudget, sondern vor allem daran, wie seine alten und gebrechlichen Mitbürger betreut werden."

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