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Gesundheitspolitik 31. August 2006

"Den Anbietern sind Selbstbehalte nie recht!"

Selbstbehalte sollen neben ihrer Finanzierungsfunktion auch die Nachfrage steuern.
Wie viele unnötige Gesundheitsleistungen werden denn erbracht?

Hofmacher: Untersuchungen für den US-amerikanischen Raum weisen darauf hin, dass 20 bis 30 Prozent der Leistungen zu viel erbacht werden. Das 1:1 auf österreichische Verhältnisse umzulegen, erscheint mir etwas forsch. Erwiesen ist, dass mit zunehmender Ärztedichte auch die Anzahl der Leistungen steigt. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob diese Leistungen notwendig oder überflüssig sind.

Führen Selbstbehalte zu einem Rückgang bei den Leistungen?

Hofmacher: Bei ihrer Einführung ist in den meisten Fällen doch ein deutlicher Rückgang der Inanspruchnahme feststellbar, vorausgesetzt die Selbstbehalte waren hoch genug. Allerdings konnte in keiner Untersuchung festgestellt werden, ob diese Leistungen nun notwendig gewesen wären oder nicht. Ein weiteres Problem ist, dass man die längerfristigen Auswirkungen überhaupt nicht beobachtet hat.
Ich halte nicht viel von der Vorstellung, dass Patienten das Verschreibeverhalten der Anbieter kontrollieren sollen. Das würde voraussetzen, dass sie alle entsprechende Informationen haben. Es ist auch davon auszugehen, dass die Mehrheit der Menschen zu Ärzten geht, weil sie ein Problem hat und nicht aus Jux und Tollerei. Hier zu erwarten, dass der Selbstbehalt sie zu rationalen KonsumentInnen macht, die dem Arzt auf die Finger schauen, ist meiner Ansicht nicht sehr realistisch und ist auch ein Angriff auf das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Sie lehnen also Selbstbehalte gänzlich ab?

Hofmacher: Nein. Selbstbehalte gefallen mir trotzdem recht gut - wenn sie sinnvoll gemacht sind -, weil sie Kostentransparenz schaffen. Sie halten die Patienten davon ab, wild im Dschungel der möglichen medizinischen Leistungen zu wüten und alles Erdenkliche zu begehren.

Wie sehen sinnvolle Selbstbehalte aus?

Hofmacher: Studien wiesen darauf hin, dass prozentuelle Selbstbehalte sinnvoller sind als leistungsbezogene. Die Diskussion in den meisten Ländern geht auch in diese Richtung. Zur sozialen Verträglichkeit gehören sicherlich Obergrenzen. 300 Euro sind aber meiner Ansicht nach hoch.

Wie sozial sind die bestehenden Selbstbehalte?

Hofmacher: Die Rezeptgebühr ist sicherlich nicht sehr sozial. Patienten, die die Einkommensgrenze für die Befreiung nur knapp überschreiten, werden voll zur Kasse gebeten. Chronisch Kranke und multimorbide Patienten zahlen besonders viel. Die Einhebung der Krankenscheingebühr war hingegen nicht schlecht gemacht.

Was bedeuten Selbstbehalte für die Anbieter von Gesundheitsleistungen?

Hofmacher: Anbietern sind Selbstbehalte nie recht, weil sie natürlich kontrollierend und potenziell auch regulierend wirken. Eine Studie aus den 80er-Jahren zeigt auch, dass sich Ärzte erheblich selbst für den Ausfall einer Patientengruppe, die Selbstbehalte vorgeschrieben bekam, kompensiert haben. Das heißt, sie haben die Einkommensverluste bei anderen Patienten wettgemacht. Um das zu verhindern, sollten Selbstbehaltsregelungen, aber auch die Honorarstruktur für alle Patientengruppen einheitlich sein.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 14/2003

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