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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Radiologen ringen um Gesamtvertrag

Auf drei Versorgungssäulen steht die Radiologie in Österreich: den Röntgenordinationen, den Instituten für bildgebende Diagnostik und den Spitalsabteilungen. Für Erstere ist die Ärztekammer zuständig, für Zweitere die Wirtschaftskammer. Dort vertritt der Verband für bildgebende Diagnostik Österreich (VBDO) die Interessen seiner 120 Mitgliedsinstitute.

Zehn Jahre nach dessen Gründung hat am 19. Juni 2003 Doz. Dr. Michael Stiskal die Präsidentschaft von Doz. Dr. Franz Frühwald übernommen. In einer heißen Phase, wie der neue Präsident im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE festhält. Denn der Kostendruck auf die Leistungserbringer im Gesundheitssystem spielt auch in den Bemühungen des Verbandes um einen Gesamtvertrag mit den Sozialversicherungsträgern eine entscheidende Rolle.

Wie ist die derzeitige Versorgungssituation zu beurteilen?

Stiskal: Die extramuralen radiologischen Einheiten haben einen bedeutenden Versorgungsauftrag, z.B. werden allein in Wien 600 bis 700 Magnet-Resonanz(MR)Patienten pro Tag betreut. Dafür reichen die Kapazitäten im intramuralen Bereich nicht aus. Österreichweit betragen die Wartezeiten zwischen 3 und 14 Tagen für normale Termine. Akutpatienten können aber in jedem Institut spontan versorgt werden.
Eines der Ziele des VBDO ist, dass dies auch weiterhin so bleibt, was in der Realität nicht so einfach sein wird. Wir stehen im Gesundheitswesen vor einer Reform, die sich niemand anzupacken traut. Eine dramatische Kostenexplosion ist in der Bildgebung beispielsweise bei der MRT festzustellen, mit durchschnittlich 20 Prozent Steigerung pro Jahr. Gründe dafür sind die zunehmende Auslagerung in den extramuralen Bereich, aber auch erhöhtes Patientenaufkommen und Ausweitung der Indikationen.

Welche Ziele verfolgt der VBDO angesichts dieser Entwicklung?

Stiskal: Durch den Kostendruck von politischer Seite stehen wir vor der Situation, Verträge mit einem Deckel oder einer substanziellen Degression unterzeichnen zu müssen, was bis jetzt nicht der Fall war. Das erfordert ein Umdenken in unternehmerischer Hinsicht. Die bildgebenden Institute müssen ihre Leistungen kalkulieren, können nicht mehr beliebig wachsen und den Deckungsbeitrag für ihr Unternehmen garantieren.
Der VBDO will eine Qualitätsreduktion verhindern, was wir bei restriktiven Verträgen aber nicht ausschließen können. Beispielsweise würden längere Wartezeiten daraus resultieren. Wir haben in den Gesprächen mit den Sozialversicherungen immer darauf hingewiesen. Die Radiologen können nicht verantwortlich gemacht werden für die Verknappung der Ressourcen im Gesundheitswesen. Wir können auch die Zuweisungen für MR und CT nicht steuern, das obliegt den Chefärzten und den zuweisenden Kollegen.
Wir stehen für Kostenwahrheit, aber unser Credo kann nicht sein, der Kostenexplosion mit einer Leistungsreduktion zu begegnen. Letztlich ist es eine politische Entscheidung. Man kann davon ausgehen, dass pro MR-Gerät etwa 8.000 Patienten pro Jahr betreut werden können.

Der VBDO hat einen Stellenplan angeregt. Was erwarten Sie von dieser Maßnahme?

Stiskal: Ein Stellenplan für Österreich sollte gemeinsam mit der Ärztekammer und der Sozialversicherung erarbeitet werden. Wichtig dabei wäre, nicht nur die Ist-Situation zu dokumentieren, sondern auch auf zukünftige Wünsche und Erfordernisse sinnvoll einzugehen. Als Präsident des VBDO stehe ich auch für eine Kooperation mit der Ärztekammer, vor allem vor dem Hintergrund, dass dort die Diskussion über Gruppenpraxen geführt wird. Nur wenn die Wirtschaftskammer eingebunden wird, kann es zu sinnvollen Lösungen kommen.

Was bedeutet für die Institute die Möglichkeit der Gründung von radiologischen Gruppenpraxen?

Stiskal: Die gesetzliche Verankerung der Gruppenpraxen in der 58. ASVG-Novelle vor zwei Jahren ist für die Institute durchaus von Bedeutung. Ein Nachteil dieser Kooperationsform gegenüber Instituten liegt darin, dass eine Anstellung von Ärzten nicht möglich ist. Der VBDO legt jedenfalls Wert auf eine gemeinsame Vorgangsweise, um die nötigen Reformen und eventuellen Leistungseinsparungen entsprechend abzustimmen. Ich möchte eine Konkurrenzsituation verhindern, weil nach Vorstellung der Ärztekammer auch Gruppenpraxen die Möglichkeiten haben sollten, MR und CT anzubieten.

Der VBDO strebt nun einen Gesamtvertrag mit Empfehlungstarifen für alle Bundesländer statt des bisherigen Rahmenvertrages an. Wie ist der aktuelle Stand der Verhandlungen?

Stiskal: Ein Gesamtvertrag ist auf gesetzlicher Basis möglich geworden. Dessen Umsetzung ist trotz langwieriger Verhandlungen während der letzten zwei Jahre noch nicht erfolgt. Der Vertragstext ist fertig, auf einen gemeinsamen Empfehlungstarif für MR und CT konnten wir uns bisher aber nicht einigen. In diesem Punkt gehen die unterschiedlichen Erwartungen zu weit auseinander.
Dennoch sehen ich und der VBDO einen Gesamtvertrag als großen Fortschritt für die Institute, weil damit Willkür und Einzelaktivitäten eingeschränkt würden. Individuelle Verträge und Tarife, wie sie in der Vergangenheit immer wieder abgeschlossen wurden, sind dann unmöglich.

Wie stehen die Chance für eine baldige Einigung?

Stiskal: Das muss ich derzeit noch offen lassen. Ich bezweifle aber, dass wir den harten Sparkurs der Kassen mitgehen können. Kaputtsparen wäre nicht die Lösung der anstehenden Probleme und keine sinnvolle Reform. Tatsache ist, dass genau kalkulierte ambulante Leistungen billiger sind als vergleichbare Leistungen im öffentlichen Bereich. Ein entscheidender Aspekt dabei ist sicher der personelle Faktor im Kleinunternehmen Institut.

Was erwarten Sie als neuer Präsident von den Mitgliedern?

Stiskal: Hauptaufgabe des Verbandes sind die Vertretung unseres Standpunktes gegenüber den diversen Institutionen und die Dokumentation der Notwendigkeit einer ambulanten Versorgung für Patienten. Meine Botschaft an die Mitglieder ist einfach: In schweren Zeiten wie diesen haben wir nur eine Chance, wenn wir uns auf das besinnen, was wir sind - nämlich Ärzte, die für ihre Patienten da sind. Ohne ein gewisses Maß an Solidarität bin auch ich als Präsident auf verlorenem Posten.
Einen Wunsch habe ich auch an alle, mit denen wir Verhandlungen führen, sowie die zuständigen Politiker. Wenn wir eine ernsthafte Gesundheitsreform anstreben, sollten wir ideologische und parteipolitische Überlegungen draußen lassen. Letztlich geht es um die Sicherheit der Patienten und eine adäquate Versorgung. Dazu gehören eben ein einheitlicher Stellenplan und eine vernünftige Vertragssituation.

Haben Sie schon konkrete Pläne für die nächste Zeit?

Stiskal: Die Anliegen des VBDO umzusetzen, erfordert verstärkte mediale Präsenz, was ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit sein wird. Ich denke an Pressekonferenzen mit Vertretern der Verhandlungspartner, um auch vor Ort Lösungen anzubieten. Mit der Presse und der Industrie sollen Round table-Gespräche stattfinden. Die Industrie hat schon in den letzten Jahren einen Teil der Vereinstätigkeit ermöglicht. Schließlich sind Road-shows des Präsidiums geplant (siehe Kasten), um persönlich den Mitgliedern Rede und Antwort zu stehen.

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