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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Privatversicherung streicht Honorare

Anbieter von Privatversicherungen versprechen ihrer Klientel freie Arztwahl und beste medizinische Versorgung. In der Praxis scheint rigorose Kontrolle der behandelnden Ärzte und Honorarkürzungen in Mode zu kommen. Eine Fachärztin für Psychiatrie verurteilt solche Methoden, die auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen schon zu spüren bekamen.

Was in der Medizin lege artis ist, bestimmt der Konsens der Wissenschaft - das gilt für Normalsterbliche und sogar für Sandler. Was für privilegierte Privatpatienten lege artis ist, bestimmt hingegen der Geldgeber - die Kontrollore der Privatversicherungen. Neuerdings werden Ärzte nicht mehr honoriert, wenn sie den Medizin-Standard eines Gemeindespitals anwenden wollen, zumindest vom größten Anbieter privater Krankenversicherungen, der UNIQA.
Das erste Beispiel
Ein Beispiel: Die Honorierung einer organischen Durchuntersuchung bei akuter Depression wurde vom Kontrollor der Versicherung als "nicht notwendige Diagnoseschritte" abgelehnt und damit auch der dafür erforderliche stationäre Aufenthalt. "Durch diese Untersuchung werden maligne Neubildungen, kardiale Defizite und anderes mehr vor einer Behandlung mit Psychopharmaka ausgeschlossen", erklärt Ass.-Prof. Dr. Nadja Brandstätter von der Univ.-Klinik für Psychiatrie in Wien. "Das ist für jeden Arzt selbstverständlich, denn andersherum wäre es ein Kunstfehler.
State of the Art sei, dass Depressive mit erheblichem Schweregrad stationär aufgenommen werden, egal ob Eisenbahner oder Hausfrauen. "Die Kontrollore der UNIQA hingegen glauben, Privatpatienten still und leise eine neue Form der Medizin zumuten zu können", ärgert sich Brandstätter, die seit 20 Jahren als Oberärztin an der Univ.-Klinik für Psychiatrie tätig ist.
Brief aus Textautomaten
Eine Notwendigkeit, die eigene medizinische Sicht zu begründen, sehen die Kontrollärzte offenbar nicht. Stattdessen erhalte man einen Brief aus dem Textautomaten, so Brandstätter, mit der lapidaren Information: "Die bestehende Krankenversicherung bietet Versicherungsschutz für eine medizinisch notwendige stationäre Heilbehandlung. Die Unterlagen und Informationen lassen eine derartige Notwendigkeit allerdings nicht erkennen ..."
Begründung genug, um in diesem Fall der Psychiaterin, aber auch den zugezogenen Kollegen aus Kardiologie, HNO, Physikalischer Medizin und Augenheilkunde die Honorare zu streichen. Auch der Generaldirektor der UNIQA, Dr. Konstantin Klien, ließ nach Urgenz sieben Monate nach Rechnungslegung nichts von sich hören. "Er will die Sache wohl aussitzen", meint Brandstätter, "devote Belegärzte" wären ihm wohl lieber.
Das zweite Beispiel
Beispiel 2 dokumentiert grobe Unkenntnis des Metiers auf Seiten der zuständigen Bearbeiter in der UNIQA, weiß Brandstätter als Versicherungsnehmerin zu berichten. Abgelehnt wurde die Zahlung eines Arzneimittels mit folgender Begründung: Die Rechnung für ein Magnosolv® könne nicht bezahlt werden, weil "kein Kostenersatz für nicht registrierte Arzneimittel, Nähr- und Stärkungsmittel wie Magnosolv® besteht". "Anscheinend können die Schreibtischtäter Verzehrprodukte aus dem Drogeriemarkt nicht von einem schon 1990 registrierten Arzneimittel unterscheiden", kommentiert die Ärztin, "oder sie sind sich zu gut dafür, im Austria Codex nachzusehen."
Zum Werbeslogan auf der Homepage des größten Anbieters von Krankenzusatzversicherungen in Österreich: "Bestmögliche medizinische Behandlung beim Arzt Ihrer Wahl - Alternativmedizin inklusive", passt dieses Vorgehen jedenfalls nicht. "Auf den Arzt als freien Berufsstand scheint da einiges zuzukommen", fürchtet Brandstätter. "Und die Privatversicherten werden mit solchen Methoden für blöd verkauft."
Der für die Krankenversicherung zuständige Vorstand in der UNIQA, Dr. Peter Eichler, stellt dazu fest, "dass in der überwiegenden Zahl der Fälle die Abwicklung reibungslos funktioniert. In manchen Fällen kann es zu einer strittigen Interpretation der gültigen Vereinbarungen kommen. Bevor es zur Befassung der vertraglich vorgesehenen Schiedsstelle kommt, wird in vielen Fällen eine bilaterale Lösung mit dem betreffenden Spital bzw. dem Arzt angestrebt und auch erreicht. Zweifellos kann es vorkommen, dass die Versicherer beim einen oder anderen Fall übers Ziel schießen.
Umgekehrt entsteht aber auch der Eindruck, dass es nicht in jedem Fall um rein medizinische Fragestellungen geht. Monetäre Anreize haben offenkundig auf die Behandlung deutlichen Einfluss. Manchmal werden dabei Grenzen überschritten, vielleicht auch ohne dass es den handelnden Personen bewusst ist."

HH

Aufruf an unsere Leser
Welche Erfahrungen machen Sie mit Privatversicherungen? Rufen Sie an (Tel. 01/513-10-47 DW17, CR Hauser) oder Fax (01/513-47-83) oder e-Mail:

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