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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Pharma von Regierungsprogramm enttäuscht

Enttäuscht und besorgt zeigten sich Vertreter der pharmazeutischen Industrie vom Regierungsprogramm des Kabinetts Schüssel II. Die Aufsplitterung der Gesundheitsagenden auf drei Minister und zwei Staatssekretäre werde zu einem Kompetenzchaos und noch mehr Bürokratie führen, befürchtet Dr. Ulrich H. Bode, Präsident der Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen (Pharmig).
Schon unter der Regierung Schüssel I seien die bürokratischen Belastungen für die pharmazeutische Industrie gestiegen: Durch das neue Verfahren zur Aufnahme eines Medikamentes in das Heilmittelverzeichnis müssten pro Antrag (in 34-facher Form!) rund 16.500 Kopien eingereicht werden. Manche Firmen führen mit LKWs voll Paletten beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger vor. Pro Sitzung würden etwa 100 Anträge bearbeitet.
"Das kann niemand mehr lesen. Es bedeutet aber einen riesigen Aufwand seitens der Industrie und im Hauptverband", kritisierte Bode bei der Pressekonferenz. Dies sei zwar möglicherweise eine Beschäftigungsinitiative, aber sicherlich kein Bürokratieabbau, meinte er. Auch der elektronische Work-Flow, an dem eine Arbeitsgruppe derzeit bastle, werde zwar möglicherweise die Papierberge reduzieren, aber nicht den Arbeitsaufwand.
Bei dem andauernden Jammern über die vermeintliche Unfinanzierbarkeit des Systems des Gesundheitswesens ortet Bode immer wiederkehrende Stehsätze, z.B. das Sparen bei Medikamenten. "Natürlich kann man durch den Einsatz von Generika Geld einsparen, und das wird auch von uns forciert. Aber die genannten Zahlen sind blanker Unsinn", betonte er. Österreich sei nämlich nicht mit anderen Ländern, z.B. Deutschland, vergleichbar, denn hierzulande drücke der Hauptverband den Preis der Originalpräparate, sobald das erste Nachfolgeprodukt auf dem Markt sei. Damit würden Sparpotenziale durch die Verschreibung von Generika stark reduziert.
"Wir haben ein anderes Problem, nämlich wie wir es schaffen, dass innovative Medikamente in Österreich rascher verfügbar sind", sagte Bode. Wegen der langwierigen Preisverhandlungen mit dem Hauptverband habe es in der Vergangenheit bei nahezu allen Wirkstoffgruppen - beispielsweise bei den Statinen oder Protonenpumpenhemmern - Verzögerungen bei der Aufnahme ins Heilmittelverzeichnis gegeben, fügte Pharmig Geschäftsführer Dkfm. Erhard P. Geisler hinzu. "Jeder Monat, den wir verlieren, schadet der Versorgung der Patienten", sagte er und wiederholte eine alte Forderung der Pharmig: "Wenn ein innovatives Produkt in einem EU-Land kassenfrei ist, dann sollte es auch in Österreich zu diesem Preis (Anm.: bzw. zum EU-Durchschnittspreis) auf Kassenkosten erhältlich sein."
Die Chefarztpflicht müsse nach Ansicht der Industrie endlich abgeschafft werden. Denn diese sei "unsinnig, ärgerlich und extrem kostspielig", betonte Bode. Alle Kassenärzte seien sowieso an die Richtlinie zur ökonomischen Verschreibweise (RÖV) gebunden, und eigentlich sei es Zeichen eines "fundamentalen Misstrauens an die Ärzte, wenn man den Chefarzt als Oberaufpasser braucht". Die Umsetzung der RÖV auch im Spital - so wie im Regierungsprogramm vorgesehen - hält der Pharmig-Präsident hingegen für schwer administrierbar: "Dies würde auch das Ende des therapeutischen Fortschritts bedeuten - denn wo, wenn nicht im Spital, sollen die Innovationen getestet werden?"

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 10/2003

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