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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Pharma gegen einseitigen Sparkurs

Kurzsichtiges Sparen bei Medikamentenausgaben könnte die Patientenversorgung gefährden und eine Stagnation in der Forschung und Entwicklung auf dem Arzneimittelsektor bringen. Davor warnten hochrangige Vertreter der Pharma-Wirtschaft im Rahmen der Alpbacher Reformgespräche und präsentierten ihre Vorschläge zur Sanierung des Gesundheitswesens.

Manche dieser Ideen decken sich vollinhaltlich mit den von der Regierung geplanten Reformmaßnahmen. "Dazu gehören die Vorschläge, verstärkt Generika einzusetzen und mehr rezeptfreie Medikamente verfügbar zu machen. Generika sind im EU-Vergleich hierzulande viel zu teuer und schon deshalb weniger verbreitet als in anderen Ländern", betonte Dr. Alexander Mayr, Präsident des FOPI (Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie) und Geschäftsführer von Eli Lilly Österreich.

Teure Krankenhauslastigkeit

Mayr: "Selbst wenn wir alle Medikamente herschenken, löst das nicht die wahren Probleme im heimischen Gesundheitswesen. Mit 53 Prozent fließt der größte Teil des Gesundheitsbudgets in die Finanzierung der Spitäler, die Arzneimittel machen nur 15 Prozent der Gesamtgesundheitsausgaben aus. Und zieht man davon den Anteil ab, den die Patienten selbst bezahlen, sind wir bei nur acht Prozent."
Damit eine Gesundheitsreform hierzulande auch wirklich Sinn macht, müsse das Problem der Krankenhauslastigkeit gelöst werden, betonte der Geschäftsführer von MSD Österreich, Guus van der Vat. "Der Rechnungshof hat in seinem Tätigkeitsbericht 2001 ganz klar vorgerechnet, dass allein mit einer Angleichung der Spitalsbettendichte an den europäischen Schnitt 2,9 Milliarden Euro eingespart werden könnten. Das ist um vieles mehr, als die Krankenkassen insgesamt für Medikamente ausgeben." Zum Vergleich: In Österreich kommen auf 1.000 Einwohner 6,2 Betten, in Frankreich 4,2 und in den Niederlanden 3,5. Der europäische Durchschnitt liegt bei 4,6 Betten je 1.000 Einwohner.
Van der Vat ortet hier ein großes Ungleichgewicht: "Der Überversorgung mit Betten steht eine Unterversorgung mit modernen Medikamenten gegenüber." So liege Österreich etwa bei den Behandlungsausgaben für Statine, also den modernen Medikamenten zur Behandlung erhöhter Blutfettwerte, um 38,5 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Hohe Cholesterinwerte gelten als Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Tausende verlorene Lebensjahre

Van der Vat: "Die OECD-Gesundheitsdaten für Österreich sprechen für sich: 234 verlorene Jahre allein wegen akuten Herzinfarkts. Auf ganz Österreich umgerechnet heißt das: 18.720 verlorene Lebensjahre pro Jahr." Als besondere Hürde für den Zugang zu modernsten Therapien kritisierte der Manager die hierzulande üblichen Indikationsregelungen. Ein Praxisbeispiel: Ein weltweit erfolgreiches Medikament zur Blutdrucksenkung bekommt hierzulande nur, wer schon mit einem ACE-Hemmer behandelt wurde und darauf mit einem Husten reagiert hat. "Für den Hauptverband ist das ein Instrument, um Preise zu drücken und Verordnungen einzuschränken. Patienten werden moderne Therapien vorenthalten", kritisierte van der Vat.

Vernachlässigte Umwegrentabilität

"Bei neuen, nebenwirkungsärmeren und besser wirksamen, sprich innovativen Arzneimitteln zu sparen bedeutet Sparen am falschen Ort", warnte Dr. Peter Mateyka, FOPI-Vizepräsident und Geschäftsführer von Baxter Österreich. "Nach Sanktionen für Ärzte zu rufen, die innovative Medikamente verschreiben, geht eindeutig in die falsche Richtung." Mit Hilfe von innovativen Medikamenten würden Patienten schneller gesund und könnten früher in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Dies senke die Aufwändungen für Krankenstände.
Innovation sei aber nicht nur ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität von Patienten und für die Umwegrentabilität in Sachen Gesundheitskosten, sondern auch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Die vom FOPI vertretenen forschenden pharmazeutischen Unternehmen repräsentieren mehr als 50 Prozent des österreichischen Arzneimittelmarktes und investieren allein in Österreich pro Jahr rund 160 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Mateyka: "Immerhin fließen rund 18 Prozent der Jahresumsätze in die Erforschung neuer Medikamente." Zum Vergleich: In der als besonders innovativ geltenden Telekom-Branche seien es nur drei bis fünf Prozent.
Nachdem sich viele Staaten aus ihrer Verantwortung für Forschung und Entwicklung immer mehr zurückziehen, gebe es keine Alternative zu den Beiträgen pharmazeutischer Unternehmen. "Wenn aber der Preisdruck auf uns weiter steigt, sind die Folgen unvermeidbar", warnte Mateyka. "Weniger neue Medikamente, weniger besser wirksame Medikamente, mehr Leid. Denn zu Dumpingpreisen Medikamente erforschen und entwickeln, das wird nicht gut gehen."
Wie Mayr betonte, liegen die Fabriksabgabepreise für innovative Medikamente in Österreich ohnehin schon unter den niedrigsten in ganz Europa - auf einem Niveau vergleichbar mit Griechenland oder Portugal. Selbst in den Beitrittsländern liegen die Preise oft höher. Mayrs Fazit: "Innovative Unternehmen haben es hierzulande wirklich nicht leicht."

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