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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Neue Aufgaben für Chefärzte definieren

Die Ärztekammer für Niederösterreich steht Gewehr bei Fuß. Das Pilotprojekt "Weg mit der Chefarztpflicht!" könnte Anfang Juli 2003 starten. Ziele (siehe Kasten), Ablauf und Begleitmaßnahmen sind definiert, was noch fehlt, sind Gespräche mit der zuständigen Gebietskrankenkasse und deren Zustimmung.
Dr. Anton Hengst, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für NÖ: "Wir schlagen vor, in Niederösterreich einen städtischen und einen ländlichen Bezirk auszuwählen und in dieser Region für einen Zeitraum von sechs Monaten die Chefarztpflicht aufzuheben. Über diesen Zeitraum soll dann beobachtet werden, welche Veränderungen sich gegenüber der bisherigen Situation ergeben."
Ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut soll parallel dazu auch die Befindlichkeiten der Ärzte und Patienten erfassen. Darüber hinaus sollen Experten der Wirtschaftsuniversität Wien das Projekt wissenschaftlich begleiten, insbesondere die betriebs- und volkswirtschaftlichen Auswirkungen in Zahlen als Basis für weitere Überlegungen beleuchten.
Als idealen Beginn sehen die Kammervertreter Anfang Juli. Das Projekt könnte bis Ende Dezember 2003 laufen und bereits Anfang nächsten Jahres entsprechende statistische Daten zur Verfügung stehen. Die sechs Monate Laufzeit würden ein "schwächeres" Sommerquartal und ein "stärkeres" Winterquartal umfassen.

Vorschlag "Diagnoseliste"

Um das Kind nicht gleich mit dem Bade auszuschütten und der Kasse einen weiteren Anreiz für eine Zustimmung zu liefern, schlägt die NÖ-Ärztekammer vor, eine "Diagnoseliste" zu erstellen. Hengst: "Gerade die notwendigen Medikamente chronisch kranker oder schwerkranker Patienten sind häufig chefarztpflichtig. So belegen wissenschaftliche Studien beispielsweise, dass einige notwendige wirkungsvolle Therapien für Diabetiker unter die Chefarztpflicht fallen."
Eine gemeinsam mit der Kasse erarbeitete "Diagnoseliste" sollte all jene Krankheiten beinhalten, im Fall derer die Chefarztpflicht sofort aufzuheben sei. Diese Liste wäre relativ einfach zu erstellen, meint der Kurienobmann, und würde vermutlich mit wenigen klar definierten Diagnosen, z.B. Krebserkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Rheuma, auskommen: "Dies wäre insofern hilfreich, da die lange Liste der zu Zeit chefarztpflichtigen Medikamente und Therapiebehelfe niemand mehr vollständig überblickt."
Eine Reduzierung der bürokratischen Erfordernisse im Praxisalltag steht für Kammer-Präsident Dr. Lothar Fiedler im Zielkatalog: "Wir kritisieren nicht die notwendigen Dokumentationen, welche die Krankheitsgeschichten der Patienten beinhalten, sondern die unnötige Zettelwirtschaft." Dies betreffe auch die Beschränkungen, wie viel Prozent der Patienten eine bestimmte medizinische Behandlung, z.B. eine Herzultraschalluntersuchung, erhalten dürfen. Um all diesen Auflagen nachkommen zu können, ist ein hoher administrativer Aufwand erforderlich - sowohl um für notwendige, über dem Limit liegende Leistungen die chefärztliche Bewilligung einzuholen als auch andere Limits einzuhalten. Ärzte müssten auch unternehmerisch denken, vor allem sei aber nicht einzusehen, dass notwendige Untersuchungen einzelnen Patienten auf diese Art und Weise verwehrt würden.

Diktatur der Ökonomie

Für den Allgemeinmediziner Dr. Christoph Eckhard ist "die Chefarztpflicht ein klassischer Beweis der Diktatur der Ökonomie über die Qualität. Sie ist - auch wenn dies von verantwortlicher Seite niemals zugegeben wird - in Wahrheit ein Mittel, den Patienten den Zugang zu notwendigen Therapien solange zu erschweren, bis sie letztlich sogar darauf verzichten." Laut Eckhard sind es in der täglichen Praxis zehn bis 15 Patienten, deren Behandlung eine chefärztlichen Bewilligung erfordern. Diese Bewilligungen betreffen neben Medikamenten auch Therapieverordnungen wie Computertomographie, Kniestrümpfe, Einlagen, Bandagen oder orthopädische Handmanschetten. "Teilweise widersprechen diese Einschränkungen allen wissenschaftlichen Grundlagen einer modernen Medizin", so Eckhard. Beispielsweise koste die "gute alte Röntgendurchleuchtung" heute mehr als jede Computertomographie, habe aber wenig bis keine Aussagekraft mehr. Dennoch sei das Röntgen nicht chefarztpflichtig, die CT schon.
"Grundsätzlich gibt es kaum eine gerechtfertigte medizinische Anordnung, die vom Chefarzt letztlich wirklich abgelehnt wird", führt der Allgemeinmediziner ein weiteres Argument an. Cirka 80 Prozent aller chefarztpflichtigen Therapien, die niedergelassene Ärzte anordnen, würden ohnedies sofort vom Chefarzt genehmigt. Von den restlichen 20 Prozent würden weitere 10 Prozent nach einer Intervention des Arztes genehmigt und etwa weitere 5 Prozent nach persönlicher Vorsprache der Patienten. "Eine ernsthafte Wirtschaftlichkeitsprüfung würde wohl zu Tage befördern, dass die Chefarztpflicht an Verwaltungskosten bei weitem mehr Aufwand verursacht, als sie bei kranken Menschen einzusparen versucht", ist Eckhard überzeugt.

Die Ärztevertreter richten ihre Kritik nicht gegen die Chefärzte als Personen, was sie ablehnen, ist die grundsätzliche Struktur der Chefarztpflicht. Wie in den anderen Bundesländern auch, verfügt in NÖ jede Krankenkasse über einen eigenen "Chefärztlichen Dienst", dem ein Chefarzt vorsteht. Außerdem sind in den jeweiligen Bezirksstellen der Gebietskrankenkasse chefärztliche Dienststellen eingerichtet. Eckhard: "Das ist ein aufgeblähter Verwaltungsapparat, der nur dazu dient, Patienten den Zugang zu medizinischen Leistungen zu verweigern."
Im Zuge des Pilotprojekts möchte die Ärztekammer auch neue Aufgaben für die Chefärzte erarbeiten. "Es gibt durchaus Fragestellungen, bei denen ein ärztlicher Ansprechpartner in der Kasse niedergelassene Kollegen beraten könnte", sagt Fiedler. Er ist aber überzeugt, dass die Abschaffung der Chefarztpflicht für vorwiegend administrative Tätigkeiten im Bereich der Verwaltung und Bürokratie soviel Geld einsparen könnte, dass sogar Überschüsse gegenüber möglichen "Fehlverschreibungen" erzielt würden.

H. Hauser, Ärzte Woche 9/2003

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