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Gesundheitspolitik 31. August 2006

Mehr Geld für die Basisversorger

Draußen auf der Straße wurde gegen die Pensionsreform gestreikt. Drinnen im Saal resümierten die Professoren Dr. Wolfgang Mazal und Dr. Dr. Christian Köck über die Notwendigkeit von Reformen im Gesundheitswesen. Ihre Botschaft lautete sinn-gemäß: Wir sehen, dass die Sicherungssysteme vor großen Umformungen stehen. Das, was sich jetzt in der Pensionsfrage abspielt, ist nur ein "dumpfer Vorbote" auf die Reformen, die im Gesundheitswesen auf uns zukommen werden.

Die Probleme des Gesundheitswesens seien deshalb viel dramatischer, weil es um das Leben an sich gehe. Das System sei komplexer, weil eine ungleich größere Zahl von Akteuren darin verwickelt sei als im Pensionssystem. Darum sei es so schwierig, Gerechtigkeit herzustellen, weil jeder Akteur einen subjektiven Begriff davon habe, betonte der Sozialrechtsexperte Mazal.
Jeder Euro, der im Gesundheitswesen ausgegeben werde, lande auf dem Konto von jemandem, ergänzte der Gesundheitsökonom Köck. Darum täte das Sparen auch so weh und löse so viel Widerstand aus. Der medizinische Fortschritt und die zunehmende Medikalisierung würden jedoch zwangsläufig Mehrausgaben mit sich bringen. Gleichzeitig seien die öffentlichen Haushalte - nicht zuletzt aufgrund von EU-Vorgaben - nicht bereit, mehr Geld locker zu machen.
"Dieser `Gap` wird sich weiter öffnen", prophezeit Mazal. Schon heute gäbe es bereits große rechtliche Lücken, vor allem im Bereich der Pflege, wo die Krankenkassen ihrem gesetzlichen Auftrag nicht nachkämen.
Österreich habe eines der teuersten Gesundheitssysteme in Europa, betonte Köck zum wiederholten Male sein Credo. Die Weiterführung des Status quo und die Nichtnutzung der Effizienzpotenziale würde zwangsläufig zu einem moralischen Kollaps führen. "Dann werden nämlich diejenigen durchs Netz fallen, für die das solidarische Gesundheitssystem eigentlich geschaffen wurde: Die, die es sich nicht richten können", warnte der Ökonom.
Noch viel "Speck im System"
Im Gesundheitssystem sei noch sehr viel Speck drinnen. Jeder Akteur müsse seinen Beitrag leisten, um das System zu reformieren und um den Kollaps zu verhindern, sagte Köck. Denn sonst sei Rationierung unausweichlich. In der Demokratie müsse man auch lernen, die "subjektiven Gerechtigkeiten" anderer Interessensgruppen zu akzeptieren, betonte Mazal.
Österreich habe keine lange Erfahrung beim Lösen komplexer gesellschaftlicher Konflikte. Die bisherige Konsenskultur sei weitgehend auf Kosten der Zukunft gegangen, unterstrich Köck. Auch Mazal stellte die Frage nach dem grundsätzlichen Stellenwert der
Sozialpartnerschaft: Viele Gesetze - nicht zuletzt die neue Abfertigungsregelung - seien in der Vergangenheit zu Lasten des Gemeinwohls erfolgt. Hier habe man elementare Chancen "verbockt", kritisierte der Sozialrechtler.
Zur Frage der Selbstbehalte meinte Köck, dass es nicht sinnvoll sei, das Gesundheitswesen damit sanieren zu wollen. Dies habe in keinem Land funktioniert, wenn nicht auch angebotsseitig mehr Effizienz geschaffen wurde. Selbstbehalte könnten jedoch Reformen unterstützen, wenn sie hoch genug seien, um steuernd zu wirken. Dabei müssten sie nicht unbedingt unsolidarisch sein, wenn sie gedeckelt würden und bestimmte Gruppen ausgenommen seien.
"Intelligente" Selbstbehalte
Lenkungseffekte hätten jedoch nur prozentuelle Selbstbehalte, die auch nach Versorgungsstufen gestaffelt seien, sagte Köck. Dies sei wahrscheinlich nur möglich, wenn die Abrechnung über die e-Card erfolge. Mazal regte an, sich über "intelligente Selbstbehalte" als Motivation für gesundheitsförderliches Verhalten Gedanken zu machen. Warum sollte nicht die Teilnahme an einem Raucherentwöhnungs-programm Bonuspunkte bringen, meinte er.
Jeder wolle einen "Gatekeeper" im System, der die Patienten von teureren Versorgungsstufen fern halte solle, meinte Köck. Dazu müsse jedoch sicher gestellt werden, dass die Hauärzte genügend Zeit für ihre Patienten haben. "Dafür ist die Finanzierung der Praktiker derzeit zu niedrig", kritisierte der Ökonom. Den Hauptverband bezeichnete er als "wirklich unintelligentes System", das als Riesenversicherung wie ein "Wirtshaus am Lande" agiere. Daran seien jedoch nicht die Mitarbeiter schuld, sondern die Organisation an sich, betonte Köck.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 22/2003

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