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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Herzverband klagt Krankenkassen

Der Bundesgeschäftsführer des Herzverbandes, Helmut Schulter, kämpft für seine Leidensgenossen. Sein Ziel: Ein aus hochkonzentriertem, gereinigtem Fischöl bestehendes Medikament für Herzinfarktpatienten auf Kassenrezept zugänglich zu machen - wie dies in vielen Ländern Europas bereits der Fall ist.

Dies wird vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger mit wechselnden Argumenten seit vielen Monaten abgelehnt. Wobei zwischenzeitlich öffentlich getätigte Zusagen, z. B. am 11. April 2003 in der Fernsehsendung "Willkommen Österreich", klammheimlich wieder zurückgenommen wurden.
Schulter, selbst Herzinfarktpatient mit Bypassoperationen, ist empört: "Es darf nicht sein, dass Herzinfarktpatienten in Österreich ein lebensnotwendiges Medikament verwehrt bleibt. 46 Euro pro Monatspackung sind für viele Patienten einfach zu viel. In Norwegen, Deutschland, Großbritannien und Italien wird es von der Krankenkasse finanziert."
Nun hat der erste Herzpatient die Wiener Gebietskrankenkasse auf Unterlassung der Versorgungspflicht geklagt. Es handelt sich dabei laut dessen Anwalt Dr. Christoph Wolf um die erste Klage dieser Art, der noch viele folgen könnten. Wolf ist überzeugt, dass der Klage stattgegeben wird: "Das hat es noch nie gegeben, dass der Hauptverband den Patienten ein nachgewiesenermaßen wirksames Mittel zur Sekundärprävention vorenthält. Laut OGH sind die Gebietskrankenkassen verpflichtet, Medikamente zu bezahlen, wenn eine Verbesserung des Gesundheitszustandes bewiesen werden kann. Dann spielen auch die Kosten keine Rolle."

Unverständliche Argumentation

Der Hauptverband leitet die Chefärzte an, Omacor® erst dann zu genehmigen, wenn der Patient die empfohlene Implantation eines Defibrillators ablehnt - eine für viele Experten völlig absurde Argumentation. "Ein irrwitziger Bescheid", kritisiert Schulter. "Völlig unverständlich", meint auch Prof. Dr. Hermann Toplak, Stoffwechselexperte an der Medizinischen Universität Graz. "Abgesehen davon, dass ein Defibrillator etwa 30.000 Euro kostet, ist der Einsatz von Omega-3-Fettsäuren der natürliche und einfachere Weg, die Sterbequote von Herzinfarktpatienten zu verringern." (KASTEN)
Auch die Aufforderung, Herzpatienten mögen doch ihren Bedarf an Omega-3-Fettsäuren durch Fischmahlzeiten sichern, hält Toplak für realitätsfremd. "In unseren Breiten ist gar nicht so viel Seefisch verfügbar, außerdem enthält Seefisch große Mengen an giftigem Quecksilber. Zudem müssten vor allem die fetten Teile verzehrt werden, die hierzulande kein Mensch essen würde, und zwar am besten noch dazu roh." Denn beim Erhitzen werden viele ungesättigte Fettsäuren zerstört und damit unwirksam.
Auch fischölhaltige Nahrungsergänzungsmittel können die ausreichende Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren nicht gewährleisten. Denn anders als bei zugelassenen Medikamenten ist ihr Gehalt an Inhaltsstoffen nicht standardisiert.

Kein Nahrungsergänzungsmittel

Nicht zufällig scheint auf der mittlerweile sehr langen Argumentationsliste des Hauptverbandes nun auch die Aussage auf, Omacor® sei nur ein Nahrungsergänzungsmittel. Toplak kontert: "Omacor® ist in ganz Europa als Medikament zugelassen. Es gehört in die Hände des Arztes, nicht zuletzt deshalb, weil Herzinfarktpatienten meist blutverflüssigende Medikamente nehmen und in diesem Zusammenhang eine Überdosierung von Omega-3-Fettsäuren gefährlich sein kann. Es ist daher wichtig, dass der Arzt über die Medikamenteneinnahme seiner Patienten voll informiert ist."
Hartnäckigen Herzpatienten gelingt es letztendlich meistens doch, sich ihr Omacor®-Rezept zu erkämpfen. Allerdings dauert dies im Durchschnitt rund sechs Monate. Angesichts der schleppenden Vorgangsweise äußern Wolf und auch Schulter einen bedrückenden Verdacht: Der Hauptverband würde den Weg deshalb so steinig gestalten, damit möglichst viele der Patienten sein Ende nicht mehr lebend erreichen … Toplak: "Ich glaube nicht, dass dies der richtige Weg ist, Gesundheitskosten zu sparen."
Auf einer Pressekonferenz des Herzverbandes Anfang Juni 2003 in Wien zu diesem Thema war auch der Hauptverband eingeladen, seine Position darzustellen. Termingründe haben dies leider verhindert.

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