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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Hausarzt zwischen Opfer und Täter

Jede vierte Frau wird im Laufe ihres Lebens ein Opfer von Gewalt. Der wahrscheinlichste Ort für Gewalthandlungen ist - auch wenn es absurd erscheinen mag - die Familie. Da Hausärzte Einzelpersonen und Familien über Jahre hinweg begleiten, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal mit diesem Thema konfrontiert sind.

"Ein Problem ist, dass Gewalt oft nicht beim Namen genannt wird", analysiert Josef Hölzl, ausgebildet für Gewaltberatung und tätig in der Männerberatung bei der Diözese Linz. Oft wird die "Schuld" für eine Gewalttat bei den Opfern, meist Frauen oder Kinder, gesucht. "Frauen ist es peinlich und unangenehm, darüber zu sprechen", so Hölzl, "oder sie nehmen die Schuld für die Tat auf sich."

Ärzte sollten nach Ängsten vor Bedrohung fragen

Für Ärzte ist die Konfrontation mit Gewalthandlungen jedenfalls eine sensible Angelegenheit. "Täter sind keine Monster, und sie sind es auch nicht 24 Stunden am Tag", betont Hölzl. Meist seien sie sozial unauffällig, und Gewalttätigkeit sei auch kein schichtspezifisches Phänomen. Ärzte können und sollen nicht die Rolle eines Richters einnehmen, der aufgrund bestimmter Verletzungen beurteilt, ob dahinter eine Gewalttat steht.
Hölzl regt vielmehr an, dass "Ärzte nachfragen sollten, ob eine betroffene Frau Angst hat oder sich bedroht fühlt". Er rät jedoch davon ab, auf bloßen Verdacht hin Anzeige zu erstatten; dies wäre für das Opfer eine Art Entmündigung. Im Zweifelsfall sei es aber sinnvoll, auf das Angebot einschlägiger Beratungsinstitutionen wie Interventionsstellen gegen Gewalt, Familien- oder Männerberatungsstellen bzw. Frauenhäuser und Kinderschutzzentren hinzuweisen.

Wegweisrecht für 10 Tage

Wenn es doch zu einer Anzeige kommt, gibt es seit dem Jahr 1997 die Möglichkeit des Wegweiserechtes. Demgemäß darf ein Täter maximal 10 Tage lang das Haus oder die Wohnung nicht betreten. "Diese Form hat sich bewährt und vermeidet in vielen Fällen langwierige Gerichtsverfahren", sagt Hölzl. In dieser Phase könne der Hausarzt mit dem Beschuldigten Kontakt aufnehmen und ihn motivieren, Beratung und Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
"Täterarbeit setzt voraus, die Person ernst zu nehmen, ihr gegenüber durchaus auch Wertschätzung zu signalisieren, ihr Verhalten aber klar zu verurteilen", rät der Männerberater. Gewalt werde in Situationen ausgeübt, in denen der Täter nicht mehr weiter weiß, nicht versteht, was mit ihm geschieht; er versuche, seiner drohenden Ohnmacht und Angst zu entkommen. Täter seien keine Opfer noch so schlechter Rahmenbedingungen oder momentaner Stresssituationen, sie könnten und sollten für ihr Verhalten Verantwortung übernehmen und es verändern.
Hölzl bemängelt die geringe Bekanntheit des Opferschutzgesetzes: "Hier wäre Unterstützung seitens der Hausärzte wertvoll, indem sie frühzeitig auf Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für Beziehungsprobleme oder belastende Arbeitssituationen hinweisen." Abzuwarten, bis die ersten unübersehbaren Anzeichen von Gewalt auftauchen...

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