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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Wie viel Rabattierung vertragen Gruppenpraxen?

Die Begeisterung der Ärzteschaft für Gruppenpraxen hält sich stark in Grenzen. Einer der maßgeblichen Gründe dafür ist, dass die Sozialversicherungen Honorarbeschränkungen fordern. Wo aber liegen die
wirtschaftlich verkraftbaren Grenzen dafür? Ärzteberater stehen Rabatten durchwegs ablehnend gegenüber.

Vor nunmehr zwei Jahren wurde das Gruppenpraxengesetz beschlossen. Die ÄRZTE WOCHE hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, einmal in den Bundesländern nachzufragen, inwieweit schon mit der Umsetzung begonnen wurde. Das Ergebnis ist ernüchternd: Genau ein Bundesland, nämlich Oberösterreich, hat die Gruppenpraxis schon eingeführt, immerhin fünf Bundesländer arbeiten daran und in drei Bundesländern wird noch nicht einmal verhandelt.
In Oberösterreich ist eine ganz ordentliche Lösung herausgekommen. Wobei die Details manchem teilweise unbefriedigend erscheinen. Von den anderen Bundesländern wurde auch mit Kritik nicht gespart. So ist das Verhandlungsergebnis in OÖ speziell im Bereich der Rabattierung der Kassentarife - das sich die anderen Gebietskrankenkassen nun als Vorbild nehmen - von anderen Kammern als inakzeptabel beurteilt worden.
Um der ökonomischen Wahrheit auf den Grund gehen zu können, hat die ÄRZTE WOCHE die wichtigsten Ärzteberater Österreichs um eine Stellungnahme gebeten. In dieser Ausgabe veröffentlichen wir die ersten vier Kommentare, sechs weitere folgen in der ÄRZTE WOCHE vom 16. Juli (Nr. 26, 2003).

Michael Dihlmann

Fritz Bauer, Trofaiach

Die Ordination eines niedergelassenen Kassenarztes weist im Schnitt 50 Prozent Gewinn vom Umsatz auf. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 50 Prozent des Umsatzes an Kosten auftreten. Davon sind etwa 15 Prozent Fixkosten, die mit der Anschaffung und dem Betrieb der Ordination zu tun haben. Etwa 20 Prozent sind variable Kosten, im Wesentlichen Personaleinsatz. Die restlichen 15 Prozent betreffen extern anfallende Kosten, wie soziale Absicherung, Kammerbeiträge sowie Fortbildungs- und Reisekosten.
Eine Gruppenpraxis bringt keine Ersparnis beim Personal, da in einer normal strukturierten Ordination der Personaleinsatz linear mit dem Arbeitseinsatz steigt. Doppelte Auslastung erzeugt auch doppelten Personaleinsatz. Da die Lohnnebenkosten bei längerer Arbeitszeit und dadurch höheren Gehältern stark ansteigen, wird ein minimaler Einsparungseffekt bei der Verwaltung mehr als ausgeglichen.
Die Gruppe externe Kosten birgt ebenfalls kein Sparpotenzial, also bleiben nur die Fixkosten übrig. Hier sind in der Tat Einsparungen möglich. Allerdings kann man nicht sagen, dass eine Gruppenpraxis die Fixkosten halbiert. Erstens muss es sich von Haus aus um größere, aufwändigere Ordinationen handeln, und zweitens gelten für eine Gruppenpraxis Vorgaben, die zusätzliche Fixkosten verursachen.
Ich schätze, dass von den Fixkosten ein Drittel eingespart werden könnte. Der Spielraum bei den Honoraren beträgt also maximal fünf Prozent. Da zu einem guten Geschäft dazugehört, dass beide Partner profitieren, kann als vernünftiger Rabattwert 2,5 Prozent vom Umsatz abgeleitet werden. Die gewünschten 8,5 Prozent sind daher utopisch und müssen jeden vernünftigen Wirtschaftler von diesem Vorhaben abhalten.

Mag. Dr. Karl Braunschmid, Linz

Ich habe konkrete Planungsrechnungen für Gruppenpraxen gemacht, aus denen abzuleiten war, dass bei Gründung einer solchen aus bereits bestehenden Einzelpraxen meist keine Kosteneinsparung erzielt werden konnte, sondern vielmehr mit Mehrkosten und steuerlichen Nachteilen zu rechnen war.
Mag sein, dass bei Neugründung einer Gruppenpraxis durch Ärzte, die bisher noch keine Einzelpraxen geführt haben, ein kleiner Kostenvorteil gegenüber neu zu gründenden Einzelpraxen entsteht. Diesen schätze ich aufgrund intensiver Beschäftigung mit möglichen Synergien aber als sehr gering ein. Ziehe ich in die Überlegungen auch noch mögliche steuerliche Nachteile und familiär-organisatorische Probleme mit ein, so wird meines Erachtens - bei den derzeitigen Kassenrabatten - das Pendel für eine Gruppenpraxis nicht so schnell ausschlagen.
Der mögliche Einsparungseffekt ist nach meiner Erfahrung so gering, dass er auch leicht durch nicht auszuschließende Mehrkosten überkompensiert werden kann. Der umfassend beratene und unternehmerisch denkende Arzt wird sich daher nicht so schnell für eine Gruppenpraxis entscheiden, die mit Sicherheit ein geringeres Honorar aufgrund von Kassenrabatten bringt, aber nicht mit Sicherheit auch entsprechende Kosteneinsparungen. Ich würde mir daher im Sinne einer Chance für die klassische Gruppenpraxis wünschen, dass von Kassenrabatten oder Honorarabschlägen überhaupt Abstand genommen wird.

Mag. Hans-Georg Goertz, Wien

Bei dieser Betrachtung ist unseres Erachtens von Gruppenpraxen der selben Fachrichtung auszugehen. Bei fachübergreifenden sind Konflikte betreffend die Ergebnisaufteilung vorprogrammiert, und es werden eher eigenstrukturierte Ordinationen in gemeinsamen Räumlichkeiten angestrebt werden.
Welche Kosten reduzieren sich durch die bessere Nutzung von Ressourcen tatsächlich? Einsparungen können sich unseres Erachtens hauptsächlich bei den Raumkosten, den Aufwendungen für medizinische Geräte und EDV ergeben.
Eine der größten Kostenkomponenten in den meisten Ordinationen ist das Personal. Nachdem die Ärzte in fast allen Fällen nicht gleichzeitig, sondern hintereinander ordinieren, wird eine proportionale Erhöhung des Personalstandes notwendig sein. Selbst wenn teilweise eine Überschneidung der Ordinationszeiten auftreten sollte, ist mit Sicherheit eine Aufstockung des Personals notwendig.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Großteil der Kosten proportional mit dem Umsatz der Ordination steigt und daher kein wesentlicher Einsparungseffekt eintreten sollte. Eine geringe Rabattierung erscheint durch gewisse Einsparungen gerechtfertigt, aber eine pauschale Lösung wird keine befriedigenden Ergebnisse liefern, da jede Gemeinschaftspraxis eine spezifische Kostenstruktur haben wird.

Horst Jünger, Innsbruck

Unser Vorschlag für einen Rabattierungssatz ist null Prozent. Warum? Es gibt einen aktuellen Vertragszustand bezüglich Leistung und Honorierung zwischen den Vertragspartnern Kassen einerseits und Ärzteschaft andererseits. So wie es bisher aussieht, ändert sich im Falle der Einbeziehung von Gruppenpraxen in den Vertrag insbesondere eines: die Leistung des Vertragspartners Ärzteschaft wird verbessert durch größere Angebotspalette, erweiterte Öffnungszeiten, behindertengerechte Gestaltung und Qualitätssicherung. Dass nun der eine verbesserte Leistung erhaltende Vertragspartner eine Rabattierung des Honorars wünscht, widerspricht jeder gängigen Praxis im Geschäftsleben und ist nicht ohne Paradoxie. Eher wäre plausibel, darüber zu verhandeln, ob für eine verbesserte Leistung nicht auch ein höheres Honorar bezahlt wird. Dass aus den ersparten Mitteln bisher unterdotierte Positionen aufgewertet werden sollen, ist nur Beleg dafür, dass die Honorierung zumindest in manchen Bereichen bisher unzulänglich war. Nun wird argumentiert, dass auf Seiten des Vertragspartners Ärzteschaft bei einer Gruppenpraxis zweifellos in gewissem Ausmaß Rationalisierungseffekte eintreten und die wirtschaftlichen Vorteile daraus dem anderen Vertragspartner ebenfalls zugute kommen sollen. Auch diese Sichtweise scheint mir reichlich verkehrt und nicht konsequent nachvollziehbar. In Wirklichkeit ist es doch so, dass der genannte Rationalisierungseffekt nicht ein gottgegebenes Zubrot für die Ärzteschaft darstellt, sondern vielmehr eine notwendige Reaktion der Ärzteschaft auf den in der Vergangenheit entstandenen Rationalisierungsdruck - unter anderem auch verursacht durch real gekürzte Honorare (teilweise nicht einmal mehr Inflationsabgeltung in den vergangenen Jahren) bei gleichzeitig kräftig gestiegenen Praxisfixkosten.

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