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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Gesundheitsministerium spart am falschen Platz

Selbst die Berechnungen von Gesundheitsökonomen über den Spareffekt einer Durchimpfung hinterlassen keine Spuren am politischen Parkett. Besorgte Ärzte lassen dennoch nicht locker.

"Wir wollen das erprobte und bewährte solidarische Gesundheitssystem erhalten und verbessern. Eine hochstehende medizinische Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig vom Einkommen ist vorrangiges Ziel. Wir lehnen eine Zweiklassenmedizin ab. Effizienz und Wirtschaftlichkeit, Transparenz und Qualität sind Voraussetzungen für die optimale Versorgung der Patienten ..." So steht es im österreichischen Regierungsprogramm 2003-2006 zu Gesundheit und Pflege.
Diese Sätze müssen für Eltern mit wenig Geld derzeit wie Hohn klingen. Entgegen der ausdrücklichen und wiederholten Empfehlung des Impfausschusses des Obersten Sanitätsrates, alle Kinder ab dem 2. Lebensmonat gegen Pneumokokken zu impfen, stellt unser Gesundheitsministerium dafür nach wie vor kein Geld zur Verfügung.
Fast zwangsläufig stellt sich somit die Frage: Wie oft muss von Ärzten und Wirtschaftsfachleuten eigentlich noch vorgerechnet werden, dass sich die alleinige Impfung von Risikokindern nicht auszahlt? Zumal es nicht einmal eine einheitliche internationale Definition für Risikokinder gibt. Gerade Säuglinge und Kleinkinder bis zu fünf Jahren haben aufgrund ihres noch nicht völlig ausgebildeten Immunsystems ein besonders hohes Risiko, an einer invasiven Pneumokokken-Infektion zu erkranken.

Neurologische Folgeschäden

"Im Verlauf dieser bakteriellen Meningitis kommt es häufig zu neurologischen Folgeschäden", betonte Prof. Dr. Ernst Berger, Vorstand der Neuropsychiatrischen Abteilung für Kinder und Jugendliche, Neurologisches KH Wien-Rosenhügel, bei einer Pressekonferenz im September. "Der medizinische Aufwand zur Linderung oder Behebung dieser Funktionsausfälle ist enorm, langwierig und entsprechend kostenintensiv."
An der Forschungsstelle für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung der Universität Hannover wurde von Prof. Dr. Johann Matthias Graf von der Schulenburg, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, eine weitere Studie durchgeführt. Untersucht wurde die Kostensituation einer Pneumokokken-Impfung bei Kindern hinsichtlich Vermeidung der Krankheitsbilder Bakteriämie/Sepsis, Meningitis, Pneumonie und Otitis media.

Kosten-/Nutzen-Rechnung

Durch die Impfung vermeidbar wären 64 Todesfälle, 180 Meningitiden, 550 Fälle von Sepsis, 43.000 Lungen- und 410.000 Mittelohrentzündungen. Das ökonomische Ergebnis bezifferte Schulenburg folgendermaßen: "Einer Impfinvestition von 284 Euro je Kind steht eine Kostenreduktion von 292 Euro über die ersten zehn Lebensjahre gegenüber." Zusätzliches Einsparpotenzial berge die Reduktion der Herdimmunität.
"Investitionen können sich einerseits in Bezug auf die vorsorgende Medizin rechnen beziehungsweise im kurativen Bereich durch Effizienzsteigerung", sagte Prof. DDr. Christian Köck, MPH, Universität Witten Herdecke. "Gerade hier weist unser Gesundheitssystem, insbesondere das Problembewusstsein der politischen Entscheidungsträger, noch immer entscheidende Mängel auf. Gerade Impfungen stellen ein wesentliches Element in der präventiven Basisversorgung der Bevölkerung dar."

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 38/2003

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