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Gesundheitspolitik 30. August 2006

"Die Reihungsrichtlinien sind eine politische Erbsünde"

Seit Ende Juni steht der Allgemeinmediziner und erfahrene Standespolitiker Dr. Reiner Brettenthaler an der Spitze der Österreichischen Ärztekammer. Die ÄRZTE WOCHE wollte von ihm wissen, was die Ärzte von seiner Kammerpolitik zu erwarten haben. Das Fazit: keine Umlagensenkung, dafür aber schärfste Abwehr von Angriffen auf die Freiberuflichkeit und staatliche Unabhängigkeit der Ärzte.

Die Einstellung der Ärzte zur Kammer ist nicht immer die beste. Wie wollen Sie das verändern?

Brettenthaler: Ich sehe Kritik nicht negativ. Unzufriedenheit ist ein notwendiger Faktor in der Politik, ein wichtiger Motor für politisches Handeln. Wenn jemand nicht zufrieden ist, dann kann er mir das mitteilen. Gute Ideen sind gefragt. Ich bekomme zahlreiche Rückmeldungen auf meine Leitartikel in der Österreichischen Ärztezeitung.

Wie kann in der ÖÄK das Verhältnis zu den Ärztinnen und Ärzten verbessert werden?

Brettenthaler: Es geht in erster Linie um Kommunikation und Transparenz, vor allem hinsichtlich Verhandlungsergebnissen. Ich denke, dass die Ärzte rascher über die Resultate informiert werden sollten. Ich werde mich hier für mehr Schnelligkeit und Transparenz einsetzen. Es gibt aber neben der Bring- natürlich auch eine Holschuld.

Viele Mitglieder meinen, die Kammerumlage sei zu hoch. Gibt es Einsparpotenzial? Oder konkreter: Wollen Sie die ÖÄK-Umlage senken?

Brettenthaler: Bezüglich der Kammerumlagen kann ich keine Versprechungen geben und will es auch gar nicht. Wir bekommen täglich im Zuge der Entstaatlichung der Hoheitsverwaltung neue Aufgaben zugeschoben, wie auch jetzt wieder bei der bevorstehenden Novelle zum Ärztegesetz, wie bei der Qualitätssicherung und der Überprüfung von Ausbildungsstellen. Das bedeutet einerseits einen Zugewinn an politischer Einflussmöglichkeit und Selbständigkeit. Es ist damit aber auch ein hoher Aufwand bei den Kammern verbunden. Ich kann daher keine wesentlichen Einsparungen versprechen.

Zu viele Jungärzte kämpfen um limitierte Arbeitsplätze und Kassenstellen. Wie wollen Sie dieses Problem entschärfen?

Brettenthaler: Im Rahmen einer Gesundheitssystemreform könnte man die Auslagerung von bestimmten Leistungen aus den Spitälern als mögliches Ziel festschreiben. Unter der Voraussetzung, dass die Begleit-umstände im niedergelassenen Bereich stimmen, könnten wir dem zustimmen. Mit dieser Maßnahme wäre es auch für viele derzeit im Spital beschäftigte Mediziner möglich, in die freie Praxis zu gehen oder aus Wahlarztpraxen Kassenpraxen zu machen, falls dies gewünscht ist. Voraussetzung ist aber, dass der Hauptverband mitspielt. Es gilt neue Stellen zu schaffen oder kleinere Spitalsabteilungen bzw. Ambulanzen in Gruppenpraxen umzuwandeln und vieles mehr.

Was wollen Sie für die Wahlärzte tun?

Brettenthaler: Die Kammern tun wirklich viel, um den Wahlärzten das Leben einigermaßen zu erleichtern. Es bleibt aber extrem schwierig für die, die wirklich von der Wahlarztpraxis leben müssen. Wir können die Situation leider nicht ändern. Eine durchgreifende Änderung gäbe es nur, wenn man den Zuzug zum Medizinstudium bremsen würde.
Seit 20 Jahren warnen wir vor diesen Zuständen und leider sind sie auch eingetreten. Doch die Politik ist nicht bereit, die Bremse zu ziehen - ganz im Gegenteil: Versuche der einzelnen Universitäten, auf diese Lage hinzuweisen, werden abgeschmettert. Wir haben aber auch immer gesagt: Wer trotzdem das Risiko auf sich nehmen will, ist herzlich willkommen und bekommt die Unterstützung, die wir geben können. Die ist jedoch beschränkt.
Wir haben sehr viel getan, um den Wahlärzten den Zugang zu Kassenrezepten und Überweisungen zu ermöglichen. Wir haben bis zum Obersten Gerichtshof wegen des Rückersatzes gekämpft, aber leider verloren. Mehr können wir zur Zeit nicht tun.

Was halten Sie davon, Kassenverträge mit einem Alterslimit zu versehen?

Brettenthaler: Das ist eine ganz schwierige Frage, und zwar deswegen, weil sie einen praktischen Aspekt hat und einen theoretischen. Praktisch betrachtet ist das ärztliche Berufsleben so konsumierend geworden, dass es ja kaum mehr Ärzte gibt, die länger als unbedingt notwendig arbeiten. In Salzburg beträgt das durchschnittliche Pensionsalter etwa 65 Jahre. Der theoretische Aspekt, der mir extrem wichtig ist, ist der, dass wir Ärzte Freiberufler sind und nicht eine Habt-Acht-Stellung einnehmen, wenn der Staat uns dieses und jenes befiehlt.

Ärzte müssen aber Habt-Acht-Stellung einnehmen, wenn der Hauptverband sagt, hier sind ökonomische Kriterien einzuhalten.

Brettenthaler: Zwischen "Habt-acht-Stehen" und dem Erfüllen von vertraglichen Vereinbarungen sehe ich einen großen Unterschied.

Wie wollen Sie das Problem der Praxisnachfolge lösen?

Brettenthaler: Natürlich ist klar, dass man einen Kassenvertrag nicht verkaufen kann, aber hinter einer Kassenpraxis steckt auch Betriebsvermögen. Mir ist ehrlich gesagt die Weigerung der Sozialversicherung, hier über vernünftige Ablösemodelle - in erster Linie zum Schutz der Nachfolgenden - nachzudenken bzw. sie auch zu fixieren, nicht verständlich.
Im Übrigen empfinde ich es als eine "politische Erbsünde" von Bundesminister Haupt, mit bundesweiten Reihungsrichtlinien in die Freiberuflichkeit der Ärzte eingegriffen zu haben. Ich halte es für eines der größten Defizite der letzten vier Jahre, dass man sich dagegen nicht mit aller politischen Argumentation zur Wehr gesetzt hat.

Sie meinen, die Forderung aus der EU nach einheitlichen Kriterien bei der Vergabe von Kassenverträgen war nicht so zwingend, wie es dargestellt wurde?

Brettenthaler: Überhaupt nicht. Man hätte nur die Länderkammern überzeugen müssen, von sich aus vernünftige Richtlinien zu erlassen. Es hätte aber niemals zugelassen werden dürfen, dass der Staat eingreift. Das macht er ja auch nicht bei den Apotheken, die 60 bis 70 Prozent ihres Umsatzes mit den Kassen machen. Da fragt auch niemand, wie die Übergabe erfolgt. Das ist ein Eingriff in die Freiberuflichkeit, den ich politisch inkorrekt finde.

Sie haben immer wieder festgestellt, dass die Ausbildung der österreichischen Allgemeinmediziner im EU-Vergleich nachhinkt. Wo wollen Sie ansetzen?

Brettenthaler: Ich halte das Rasterzeugnis in der Turnusärzteausbildung für einen guten Ansatz - trotz all seiner Schwächen. Wie wir hören, werden dabei Dinge bestätigt, die nicht erbracht wurden. Es wird offensichtlich nicht von allen Ausbildungsverantwortlichen, die selbst unter großem Druck stehen und Personalnot haben, ernst genommen.
Es muss die allgemeine Ausbildungssituation der Mediziner verbessert werden, denn es darf nicht sein, dass 60 Prozent der Ausbildungszeit für medizinisch wertlose Computerarbeit aufgewendet wird. Es kann auch nicht sein, dass die Turnusärzte nicht einmal mehr an der Visite teilnehmen können. Wir sind daher dabei zu prüfen, ob die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin die Situation verbessern kann.

Wie wollen Sie die Lehrpraxis wiederbeleben?

Brettenthaler: Wir sind der festen Überzeugung, dass die Lehrpraxis intensiviert werden muss. Dabei denken wir auch über Karenzierungsmodelle nach.
Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass jedes fondsfinanzierte Spital einen gewissen Prozentsatz seiner Turnusärzte - etwa fünf Prozent - für eine Lehrpraxis freistellt: Tagsüber bei einem Allgemeinmediziner in der Ordination und dann vielleicht drei bis vier Nachtdienste, damit er dem Spital nicht ganz verloren geht. Damit erhielte der Jungarzt ein Grundgehalt, und mit entsprechend hohen Förderungen könnte man so eine praxisnahe Ausbildung durchaus finanzieren.

Das Kassen-Honorierungssystem hat zu einer 5-Minuten-Medizin geführt, die oft weder Ärzte noch Patienten befriedigt. Wie würde Ihr ganz persönliches ideales Honorierungssystem aussehen?

Brettenthaler: Das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, die sich nicht mit der Meinung der Ärztekammer deckt. Ich könnte mir als Allgemeinmediziner ein weitgehend pauschaliertes System vorstellen. Vielleicht auch mit einem Einschreibesystem, bei dem man pro Patient bezahlt bekommt und bei dem es nicht darauf ankommt, dass man ununterbrochen aus medizinischen oder aus finanziellen Gründen die gesamte Medizinmaschinerie laufen lassen muss. In diesem System hätte man auch mehr Zeit für die Patienten. Über Gesundheit zu reden ist etwas anderes, als Medizin zu machen.

Ihnen gefällt die Rolle des Hausarztes als "Gatekeeper"?

Brettenthaler: Die Idee von Gesundheitsministerin Rauch-Kallat - der Hausarzt als Drehscheibe - ist ja gut. Aber wie bitte soll das gehen? Mit der 5-Minuten-Medizin wird es nicht funktionieren und mit Einzelkämpfertum auch nicht. Auch die beste professionelle Zusammenarbeit wird nicht ausreichen.
Wenn ich überlege, wie ich mein kleines Dorf in 10 oder 20 Jahren medizinisch versorgt haben möchte, dann wünsche ich mir, dass die Umlandgemeinden gemeinsam ein kleines Gesundheitszentrum errichten. Dort sollen drei bis vier freiberufliche Ärzte bzw. Ärztinnen selbstständig arbeiten, daneben eine diplomierte Pflegeperson, eine Diätassistentin und ein Sozialarbeiter. Das Ganze sollte aus einer Hand finanziert werden - ohne Kompetenzstreitigkeiten. Das wäre der Idealzustand für die Patienten.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 28/2003

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