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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Datenverknüpfung rettet viele Leben

"There is gold in your data - For you and your patients!" Unter diesem Motto stand die 18. Tagung "Patient Classification Systems Europe (PSC/E)" Anfang Oktober 2002 in Innsbruck, an der 350 Besucher aus 36 Staaten teilnahmen.
Seit 20 Jahren spielen Verfahren zur Steigerung der Effizienz im Gesundheitswesen eine wachsende Rolle. Inzwischen sind DRG-Systeme (Diagnoses Related Groups) weltweit im Einsatz. Ziel der Konferenz war es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Systeme in Diskussionsrunden auf ihre Wirksamkeit zu hinterfragen.
Beim "Gold in den Daten" gehe es keineswegs nur um Geld, sondern auch um Qualität und Effizienz, erklärte der Konferenzvorsitzende Prof. Dr. Karl Pfeiffer vom Innsbrucker Institut für Biostatistik und Dokumentation. Der französische Präsident von PSC/E, der Medizininformatiker Prof. Jean-Marie Rodrigues, ergänzte diese Zielsetzung damit, dass es bisher hauptsächlich um Finanzierungssysteme gegangen sei, jetzt aber stärker Spitalsplanungen, epidemiologische Studien und ein qualitätssicherndes Benchmarking zwischen den Spitälern diskutiert würden.
Freier Wettbewerb in Holland
Ein interessantes Modell stellte Frido Kraanen vom niederländischen Gesundheitsministerium vor. Die frühere rechtskonservative Regierung hatte 120 Millionen Euro bereitgestellt, um dieses Modell nach zweijähriger Entwicklung innerhalb der nächsten vier Jahre zu implementieren. Kern des Modells sei es, künftig die Behandlung von 17 Krankheiten unter die Prämissen von Wettbewerb und freier Preisgestaltung zu stellen.
Das Kostenvolumen dieser Krankheiten, darunter gängige Knie- und Hüftoperationen, bezifferte Kraanen landesweit mit 750 Millionen Euro jährlich. "Du bezahlst, was du bekommst", charakterisiert er das neue "besonders transparente System". Pfeiffer betrachtet diese Entwicklung mit Skepsis, weil dadurch das Solidarprinzip und die Chancengleichheit gefährdet seien.
Erweiterung des LKF-Systems
Ein anderes bereits seit längerem in Holland bewährtes System hält Pfeiffer hingegen für durchaus nachahmenswert: In den Niederlanden erfasst das Finanzierungssystem die gesamte Krankheitsepisode, in Österreich ist die Versorgungskette zu sehr segmentiert - es gibt weder einen patientenzentrierten Informationsfluss noch entsprechende Ansätze im Finanzierungssystem. Daher wäre eine Erweiterung des LKF-Systems auf weitere Bereiche sehr wünschenswert. Das Desaster um die österreichischen Ambulanzgebühren hänge nicht zuletzt damit zusammen, dass es keine verlässlichen Zahlen gebe, wie viele Menschen die Ambulanzen aufsuchen und was dort gemacht würde.
Weltweite Reformansätze
Hingegen seien die Ansatzpunkte, um die Finanzierung der Krankenanstalten in den Griff zu bekommen, inzwischen weltweit ähnlich. Grundsätzlich gehe es in allen Staaten darum, die Finanzierung mit dem Aufenthalt und möglichst präzisen, tatsächlich vom einzelnen Patienten verursachten Kosten zu verknüpfen.
Die daraus entwickelten DRG-Systeme erschweren allerdings internationale Vergleiche, weil es "keine zwei Staaten mit ganz gleichen Systemen" gebe, so Pfeiffer. Kleinster gemeinsamer Nenner seien in der Zwischenzeit so genannte Minimal Basic Data Sets (MBDS). Eine zentrale Fragestellung lautet Pfeiffer zufolge, wie in die Finanzierungskonzepte Qualitätsindikatoren außerhalb der MBDS aufgenommen werden können, also etwa: "Wie hoch sind die Wiederaufnahmeraten? Bei der Qualitätsfrage geht es auch darum, Äpfel und Birnen auseinander zu halten und nicht Standard- und Spitzenversorgung zu vergleichen."
Ein einfach nachvollziehbares Beispiel, das Qualität und Finanzierung in gleicher Weise betreffe, ist für Pfeiffer das Faktum, dass niedergelassene Ärzte ihre Diagnosen noch immer im Klartext und nicht im internationalen Codierungsschlüssel schreiben.
Die Sorge um Datensicherheit rund um den "gläsernen Patienten" nimmt Pfeiffer sehr ernst. Er hält jedoch alle damit zusammenhängenden Fragen für lösbar, etwa indem jeder Datenzugriff dokumentiert wird oder Zugriffsrechte zeitlich limitiert sind.
Anzupeilen seien auch verschiedene Datenlevel, insbesondere wenn es um hochsensible Daten (etwa Psychiatrie, HIV-positiv, etc.) geht. Pfeiffer: "Auch ein ‚Notfallschlüssel’, der raschen Datenzugriff ermöglicht, ohne dass ein Patient oder seine Angehörigen zustimmen können, muss nicht mit einem hohen Risiko verbunden sein, wenn man einen derartigen Zugriff automatisch mit einer Information der jeweiligen Patientenanwaltschaft verknüpft."
Letztlich führe an der Datenverknüpfung kein Weg vorbei, argumentierte Pfeiffer: "Allein in den USA wird die Zahl der vermeidbaren Todesfälle auf 45.000 bis 90.000 im Jahr geschätzt. Ein großer Teil könnte durch bessere Information und Kommunikation vermieden werden."

Schlosser, Ärzte Woche 7/2003

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