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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Ein Jahr keine Chefarztpflicht

Die oberösterreichischen Ärzte erleben ihre Tätigkeit oft und zunehmend als "Don Quichotte gegen bürokratische Windmühlen". Jetzt geht die Standesvertretung in die Offensive. Neben einem Aus für die Chefarztpflicht wird auch in anderen Bereichen eine Verwaltungsminimierung gefordert.

"Die Chefarztpflicht ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten, sie hat keinerlei Lenkungseffekt", ist der Präsident der oberösterreichischen Ärztekammer, Dr. Otto Pjeta, zutiefst überzeugt. In über 90 Prozent der Fälle werden Medikamente ohnehin verordnet, durch die telefonische Intervention des verschreibenden Arztes erfolgt in vielen weiteren Fällen die Zustimmung.

Enormer Aufwand mit minimalem Effekt

"Letztlich ist es ein enormer Verwaltungsaufwand mit minimalem Effekt", meint Pjeta. Gerade für die zunehmende Zahl älterer Patienten würden sich oft unüberwindbare und unnötige Hürden ergeben. Manche Angehörige verzichten auf den Einsatz beispielsweise von speziellen Alzheimermedikamenten, da der bürokratische Aufwand bei jeder neuen Packung sehr hoch sei, wobei der Genehmigungsalltag von Bezirk zu Bezirk generell unterschiedlich aussieht.
"Vom Hauptverband gibt es eine Liste besonders teurer Medikamente, deren Verschreibung an hohe Auflagen gebunden ist", ergänzt der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Oskar Schweninger. So muss der Arzt z.B. bei der medizinischen Betreuung von Menschen mit Demenz sicher stellen, dass diese das Medikament auch tatsächlich einnehmen.
Die Ärztekammer hat Verhandlungen mit der Gebietskrankenkasse aufgenommen und will für den Bereich der Medikamente mit Jahresbeginn 2004 ein einjähriges Pilotprojekt zur Aussetzung der Chefarztpflicht vereinbaren. "Wir sind uns sicher, dass es in dieser Zeit zu keinen Kostensteigerungen kommen wird", meint Schweninger. Mit dem Projekt soll daher das endgültige Aus der Chefarztpflicht eingeläutet werden. Damit wären auch jene Zeiten vorbei, in denen - wie jetzt oft der Fall - Ärzte mit Hausapotheke oder Apotheken selbst das Medikament aushändigen "und dann wegen der Genehmigung oft relativ lange in der Luft hängen".

Zuschlag für Hauskrankenbehandlung gefordert

Das Pilotprojekt ist aus Sicht der Ärztekammer nur der erste Schritt. Angesichts der starken Zunahme von Pflegebedürftigen und der gleichzeitig sinkenden Zahl jener Personen, die eine Pflege übernehmen können, fordert Pjeta einen Zuschlag für die Hauskrankenbehandlung und eine "ausreichende Dotierung für das Gespräch mit Angehörigen". Nach wie vor würde der derzeitige Leistungskatalog eine zeitgemäße mobile medizinische Betreuung, die sich viele zu Recht wünschen, verhindern. Pjeta strebt auch eine Abschaffung "anachronistischer Limitierungen" an, etwa bei der Anzahl der Visiten und der Infusionen.
Zur Unterstützung vorwiegend älterer und pflegebedürftiger Menschen schlagen Pjeta und Schweninger ein Überdenken diverser Regelungen vor, z.B. dass bestimmte Rheuma- oder Migränemittel nur von Fachärzten oder spezialisierten Spitalsabteilungen verschrieben werden dürfen. In vielen Fällen könnten dies genauso gut Allgemeinmediziner machen und damit Menschen mit sonst geringer Chance zu Mobilität verhelfen. In diesem Zusammenhang sei auch eine Veränderung der Bewilligung von Transporten nötig, gerade in der Peripherie fehlten spezialisierte Angebote.

Mankos bei Pflegegeld

Außerdem setzt sich Pjeta für eine Verkürzung der Verfahren zum Pflegegeld ein: "Die Einstufung kann bis zu einem halben Jahr dauern, dieser Vorgang müsste in maximal zwei Monaten zu erledigen sein." Oft werde auch eine zu geringe Pflegestufe festgelegt. Entsprechende Verfahren beim Sozialgericht würden zwar in vielen Fällen zu Gunsten der beantragenden Person ausgehen, aber der Aufwand für die Betroffenen sei unzumutbar, und viele Menschen hätten Angst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen. Pjeta ruft für dieses Maßnahmenpaket die Seniorenverbände zur Unterstützung auf: "Aus meiner Sicht gibt es von deren Seite zu wenig Druck auf die Gesundheits- und Sozialpolitik."

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