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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Budgetknappheit gefährdet die heimische Forschung

Wien. Heuer können durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) insgesamt 100 Millionen Euro für Forschungsprojekte bewilligt werden. Das sind um 8,5 Millionen Euro oder neun Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings: Die künftigen Budgets sind immer noch unsicher. Und die Summe der Anträge wächst wesentlich schneller als die zur Verfügung stehenden Mittel.

"Hält dieser Trend, so könnten sich Nachwuchswissenschaftler aus der Forschung zurückziehen", fürchtet Dr. Wolfgang Radner, Universitätsreferent der Ärztekammer für Wien. Die Autonomie des FWF müsse gewahrt bleiben, Holding- oder GesmbH-Lösungen mit politischen Durchgriffsrechten seien abzulehnen, betont MR Dr. Walter Dorner, Ärztekammerpräsident für Wien. "Die Arbeit des FWF braucht keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Er ist jedoch deutlich unterfinanziert." Beispielsweise entsprächen die 30 Milliarden US-Dollar im Budget des National Institute of Health (NIH) unter Berücksichtigung der Bevölkerung 800 Millionen Euro für biomedizinische Forschung in Österreich. Tatsächlich werden hierzulande nur 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.
Radner: "Hier gilt es der politischen Mär von der allein selig machenden ‚wirtschaftsmotivierten Förderung’ von Forschung entgegen zu treten. Auch in den USA finanziert den überwiegenden Großteil der Forschungsförderung nicht die Industrie, sondern der Staat. Im Bereich der Grundlagenforschung sind dies immerhin 95 Prozent.”
Kein Kapital für Rücklagen
Im Jahr 1990 wurden im AKH fast alle Forschungseinrichtungen mit modernsten Geräten ausgestattet. Jetzt müssten viele Geräte erneuert werden. Mit dem Budget der Universitäten werden zu 70 Prozent Personalkosten bezahlt. Weder für die notwendigen Reinvestitionen noch für Rücklagen ist entsprechendes Budget vorhanden.
Radner: "Aufgrund fehlender Investitionsmittel können den Studenten für ihre Dissertationen keine adäquaten Forschungsgeräte geboten werden. Es ist unmöglich, neue Geräte anzuschaffen. Und auch in der täglichen Routine wird gespart. Rationierungen und Kontingentierungen sind an der Tagesordnung."
Auch bei den Personalkosten wird gespart: Infolgedessen musste die Fakultät in den letzten zwei Jahren einen Aufnahmestopp festlegen. Über Finanzengpässe klagt auch Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien. Mit 1. Jänner 2004 entsteht mit der neuen Medizinischen Universität Wien Österreichs personalstandsmäßig größte Universität. "Die Umwandlung kann selbstverständlich nicht kostenneutral sein", kritisiert Rektor Prof. Dr. Wolfgang Schütz. "Die laufende Kostenanalyse ergibt allein für die Medizinische Universität Wien einen Mehrbedarf von 3,88 Millionen Euro jährlich."
Umwandlung kostenintensiv
Derzeit nutzt die Medizinische Universität Wien für die gesetzlich vorgeschriebene Implementierung des neuen Universitätsgesetzes (UG) 2002 fast ausschließlich Eigenmittel aus ungewidmeten Hinterlassenschaften. Schütz: "Die aufgewendeten Rücklagen fehlen in der Folge für die gerade jetzt dringend notwendigen Zusatz-Investitionen im Bereich von Forschung und Lehre."
Für die - auch wirtschaftlich - hinkünftig autonom agierende neue Medizinische Universität ist der Aufbau einer eigenen Verwaltung unter Einschluss eines eigenen IT-Zentrums essenziell. Auch das besonders betreuungsintensive neue Medizinstudium benötigt erhöhte Mittel für die Bewältigung der wesentlich aufwändigeren Verwaltung des Unterrichts in Kleingruppen. Gleichzeitig vollzieht die Medizin derzeit den Umzug aus dem Hauptgebäude der Uni Wien in ein Gebäude am Gelände des AKH. "Auch hier sind beträchtliche Neu-Investitionen vonnöten", gibt Schütz zu bedenken. 

MSW

Lippenbekenntnisse der Politiker sind zu wenig

Medizinforschung braucht Geld statt leerer Worte

Wien. Die Situation von Forschung und Lehre in Österreich ist besorgniserregend. Derzeit werden nur 1,96 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben.

Vom angepeilten Ziel von 2,5 Prozent bis 2006 ist Österreich weit entfernt. Das Universitätsbudget wird auf dem Stand des Jahres 2001 eingefroren, betont der Präsident der Ärztekammer für Wien, MR Dr. Walter Dorner. Die Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen und konkreten Taten drifte weit auseinander. Dorner: "Lippenbekenntnisse der Bundesregierung wie ‚Wir müssen in Bildung investieren und die Forschung muss gefördert werden’ müssen von den politischen Entscheidungsträgern umgehend eingefordert werden."
In Österreich sind die Universitäten die einzigen Institutionen, die auf breiter Basis Grundlagenforschung durchführen. Dorner: "Deshalb ist die Arbeit der Unis mit allen zur Verfügung stehenden Finanzmitteln zu fördern." Gemessen an der Anzahl von Zitaten in Fachzeitschriften - als einigermaßen objektive Möglichkeit zur Qualitätsbeurteilung von Wissenschaftern - finden sich heimische Forscher im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Überlegen an der Spitze liegen die USA mit 815 Spitzenforschern vor Großbritannien mit 100 viel zitierten Wissenschaftern. Auf Rang drei findet sich Deutschland (62), gefolgt von Kanada (42) und Japan (34). Gleichauf mit Österreich mit je zwei Top-Forschern liegen Russland, Indien und Irland ex aequo auf Platz 20. Am untersten Ende rangieren mit nur einem Spitzen-Wissenschafter Taiwan, Singapur, Portugal, Norwegen, Hongkong und Finnland (Daten: US-Fachmagazin "The Scientist").
Die besten Forschungsinstitutionen der Welt sind die amerikanischen Universitäten. "In den USA herrscht Wettbewerb um Geld für unabhängige Forschung, die besten Forscher und um die besten Studenten. Ein entscheidender Faktor ist auch die innovative Kraft, die von der Auseinandersetzung mit dem talentierten und ehrgeizigen wissenschaftlichen Nachwuchs ausgeht", erklärt Prof. Dr. Wolfgang Radner, Universitätsreferent der Ärztekammer für Wien.
Der heimische wissenschaftliche Nachwuchs forscht häufig "im lukrativen Ausland". Bildungsministerin Elisabeth Gehrer spricht davon, 600 Forscher nach Österreich zurückzuholen. Für viele, die in den USA arbeiten, ist eine Rückkehr unter den derzeitigen Rahmenbedingungen jedoch undenkbar. Dorner: "Die Rückkehr macht allein schon aus finanziellen Gründen wenig Sinn. Forscher am AKH verdienen nur 1200 Euro netto pro Monat."
Außerdem würden in Österreich immer mehr wissenschaftliche Institutionen finanziell ausgehungert. Radner: "Dazu kommt, dass die Wissenschaftler der Universitäten für ihre notwendigen Dienstreisen und Kongressbesuche selbst aufkommen müssen. Selbst Computer müssen aus der eigenen Tasche bezahlt werden."

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