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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Aufstand gegen psychosomatische Bettenburgen

80 Prozent der österreichischen Psychiater unterstützen eine Resolution gegen die geplante Errichtung von drei psychosomatischen Großkliniken in Eggenburg, Bad Aussee und Millstatt und warnen vor psychiatrischer "Zweiklassenmedizin".

"Hier soll eine private Parallelwelt zur Psychiatrie entstehen, und zwar mit massiver Unterstützung durch die öffentliche Hand", kritisiert Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Tatsächlich geht aus einem Schreiben des Gesundheitsministeriums vom August hervor, dass das Konzept der drei psychosomatischen Kliniken "auf Personen mit geringem somatischen Behandlungsbedarf sowie auf Personen mit ausschließlich psychischen Erkrankungen" abzielt.
Da werde "Etikettenschwindel" betrieben, empört sich Prof. Dr. Peter Gathmann, Leiter Psychosomatische Station, Univ.-Klinik für Psychiatrie Wien. Und außerdem "brauchen wir psychosomatische Betten integriert in bestehende Abteilungen anderer Fächer. Plant man diese Betten im Abseits, werden wieder einmal Patienten mit psychosomatischen Störungen als Spezialkranke getthoisiert, was im Widerspruch zu der seit den 80-er Jahren betriebenen Psychiatriereform steht".

Konzept gegen Empfehlungen

Ein Konzept mit isolierten psychosomatischen Kliniken entspricht auch nicht den Empfehlungen des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen, das in der letzten Fassung des Österreichischen Krankenanstalten-Plans (ÖKAP 2003) fordert, Psychosomatik müsse ein integrierter Bestandteil jedes medizinischen Faches sein.
Dass die Warnungen vor einer "Psychiatrie light" nicht von der Hand zu weisen sind, zeigen die Erfahrungen aus Deutschland - weltweit bislang das einzige Land, wo es isolierte psychosomatische Kliniken gibt. Dort werden in der Praxis vielfach nicht psychosomatische Probleme behandelt, so Prim. Prof. Dr. Rainer Danzinger, Ärztlicher Direktor LNK Sigmund Freud Graz, sondern leichte Fälle psychiatrischer Krankheitsbilder, vorwiegend Angst-störungen, Depressionen und leichtergradige Persönlichkeitsstörungen. Die "schweren" Fälle wie Suizidgefährdete und Psychotiker blieben der herkömmlichen Psychiatrie überlassen. Betrieben werden diese Kliniken von privaten, gewinn-orientierten Gesellschaften, die nun, weil der deutsche Markt schrumpft, nach Österreich drängen.

Etwa 350 Betten bis 2005

Insgesamt sollen bis 2005 etwa 350 Betten in den drei Kliniken in Niederösterreich, Steiermark und Kärnten geschaffen werden; 150 davon in Eggenburg. Träger ist ein Privatklinikbetreiber aus Deutschland, die Finanzierung wurde direkt aus den Mitteln des Landesfonds zugesagt. Auch die Geschäftsführung des Hauptverbandes beschloss im Mai 2003, sich die ersten drei Jahre an den Betriebskosten zu beteiligen. Angesichts der Deckelung der Gesundheitsbudgets werden diese Mittel - die Kritiker rechnen mit 50 Millionen Euro jährlich - bei der ohnehin schleppenden Umsetzung der Landespsychiatriepläne fehlen, fürchtet nicht nur Fleischhacker.
Besonders negativ wären die Auswirkungen in den betroffenen Bundesländern, wo es um die psychiatrische Grundversorgung ohnehin nicht gut bestellt ist. In Niederösterreich gibt es erst drei von insgesamt sieben geplanten dezentralen psychiatrischen Abteilungen, und diese haben nur jeweils 30 Betten zur Akutversorgung. In der Steiermark müssen nach wie vor alle psychiatrischen Patienten nach Graz. Und auch in Kärnten droht wegen der 100 Betten in Millstatt die gemeindenahe psychiatrische Akutversorgung nie realisiert zu werden, wenn der ÖKAP nicht überschritten werden soll.
Der massive Protest der Psychiater scheint zumindest einige Landespolitiker angeregt zu haben, "mit verschiedenen Kollegen Kontakt aufzunehmen", sagt Prof. Dr. Karl Dantendorfer, Leiter Psychosozialer Dienst Burgenland. Er bleibt nach wie vor optimistisch und hofft, dass zumindest ein oder zwei Projekte offen sind.

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