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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Ärzte spüren die Grenzen des Systems

Die Spielregeln des derzeitigen Gesundheitssystems beschränken vor allem Allgemeinmediziner in der Zuwendung zum Patienten, insbesondere zu jenen mit psychosomatischen Beschwerden. Dr. Georg Wögerbauer, Wahlarzt für Allgemeinmedizin, hofft auf eine Weiterentwicklung hin zur ganzheitlichen Betreuung.

Bei psychosomatischen Krankheitsbildern, die in der Allgemeinpraxis immer häufiger vorkommen, bringen die üblichen diagnostischen und therapeutischen Ansätze oft nur vorübergehend eine Lösung. Auch die Zahl jener Patienten, die von Arzt zu Arzt pilgern bzw. fragwürdige und gefährliche Ansätze der Alternativmedizin austesten, weil die Schulmedizin ihnen vermeintlich nicht hilft, nimmt zu.
"Wenn immer mehr Patienten den Weg zu Spezialisten wählen, dann verliert der Hausarzt zunehmend die Chance, einen systemischen Ansatz umzusetzen", analysiert der Allgemeinmediziner Dr. Georg Wögerbauer. Seine Tätigkeit in der Wahlarztpraxis im Waldviertel ergänzt der Landarzt mit Seminaren zu Themen wie Psychosomatik und Burn-out. "Immer mehr Allgemeinmediziner haben Schwierigkeiten mit dem Spagat, entweder gute Unternehmer nach den Spielregeln des derzeitigen Gesundheitssystems zu sein oder sich Patienten wirklich zuwenden zu können", so Wögerbauer. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Allgemeinmedizin. Hausärzte würden viel Zeit in Fortbildung investieren und eine große Verantwortung im Gesundheitssystem tragen. "Im System werden sie aber oft als ‚brave Zuweiser’ herabgewürdigt und nicht ausreichend unterstützt", kritisiert der Allgemeinmediziner. Gemeinsam mit der Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Carola Kaltenbach will er auch die WHO-Definition von Gesundheit stärker beachtet wissen: Gesundheit sei mehr als das Nichtvorhandensein von Krankheit, es gehe um den bio-psycho-sozialen Komplex, um eine systemische Herangehensweise.
Beim "Med-Forum 2003" der Ärztekammer für Oberösterreich (siehe Kasten) bieten die beiden ein Seminar mit dem provokanten Titel: "Weil unsere Medizin so gut ist, sind wir so krank." Ein Schwerpunkt der Veranstaltung ist die gründliche Erstanamnese. "Diese geht weg vom linearen Ansatz zwischen Ursache und Wirkung, der sich dann auf die Behandlung von einzelnen Symptomen beschränkt", erläutert Kaltenbach.
Zu betrachten sei jedoch das gesamte Lebensumfeld des Patienten: Arbeitswelt, Beziehungen, wie viel Zeit in das eigene Wohlbefinden investiert wird usw. Vor allem die Gesundenuntersuchung biete die Chance, das umzusetzen und sich nicht nur auf die üblichen Tests zu beschränken, betont Wögerbauer. Dieser Ansatz müsste allerdings auch von der Krankenkasse honoriert werden. "Viele Ärzte denken bereits ganzheitlich, der starke Druck des derzeitigen Systems hindert aber viele am entsprechenden Handeln", so Wögerbauer. Für Kaltenbach wäre es schon ein Erfolg, wenn Ärzte zumindest auf einige Patienten stärker eingehen würden: "Letztlich wäre aber anzustreben, das psychosomatische Denken, den ganzheitlichen Ansatz insgesamt umzusetzen." Dies bedeute weg vom kurativen Ansatz, der immer stärker an seine Grenzen stößt, und hin zu einer echten Gesundheitsvorsorge.

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