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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Arme mit "Managerkrankheit"

Arme sind doppelt so oft krank wie Nicht-Arme. Die "Managerkrankheit" mit Bluthochdruck und Infarktrisiko tritt bei Armen dreimal häufiger als bei Managern auf. Enorme Stressbelastung unter prekären Lebensbedingungen macht krank. Wer geringes Einkommen und geringe Bildung hat, stirbt durchschnittlich früher als jene mit höherem Einkommen und höherer Bildung.

"Arme Kinder weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf", erklärt Prof. Dr. August Österle, Abteilung für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien, in einer Broschüre, die kürzlich aus Anlass der Armutskonferenz erschienen ist. "Teilt man die Gesellschaft in drei soziale Schichten, treten bei Kindern in der unteren Schicht mehr Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit auf." Diese Kinder tragen die soziale Benachteiligung als gesundheitliche Mankos ein Leben lang mit. Sie sind auch als Erwachsene deutlich kränker als der Rest der Bevölkerung.
In diesem Zusammenhang wird auch in der Broschüre zur Armutskonferenz die angekündigte Streichung der Notstandshilfe kritisiert. "Studien belegen, dass die Notstandshilfe zu jenen Leistungen gehört, die am stärksten den wirklich von Armut Betroffenen zugute kommen", betont Michaela Moser von der Armutskonferenz.

Aktuelle ÖBIG-Studie

Laut einer aktuellen Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen gehen sozial benachteiligte Menschen häufiger zum niedergelassenen Arzt. Personen, die von der Rezeptgebühr befreit sind, verursachen jährlich zweieinhalb Mal so hohe Ausgaben für die Sozialversicherung wie andere. Sie suchen aber um 20 Prozent weniger Fachärzte auf und erhalten durchwegs billigere Arzneimittel verordnet. Zudem nehmen sie deutlich seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch.
Sozial Benachteiligte haben mehr Aufwand, eine Gesundheitseinrichtung zu erreichen, und warten dort länger. Zudem beurteilen sie ihren eigenen Gesundheitszustand schlechter, erkranken häufiger und nehmen häufiger regelmäßig Medikamente. Sie setzen weniger Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, vor allem auch aus Zeitgründen und weil viele Einrichtungen wie Fitnessstudios nicht leistbar sind.
Die ÖBIG-Studie zeigt, dass aus Angst um den Arbeitsplatz die Zahl der Krankenstände bei sozial benachteiligten Menschen geringer ist. Sie gehen trotz schlechten gesundheitlichen Zustands zur Arbeit, bis es nicht mehr geht - folgende Krankenstände fallen umso heftiger aus. Übrigens werden auch Kinder sozial Benachteiligter in die Schule geschickt, selbst wenn sie krank sind.
"Die Gesundheitsdienste müssen den Zugang, die Inanspruchnahme und die Qualität unabhängig von Einkommen und Herkunft gewährleisten", betont Martin Schenk von der Armutskonferenz. "Die Ärmeren müssen in ihren Selbsthilfepotenzialen und Ressourcen gestärkt werden, was auch Auswirkungen auf einen gesünderen Lebensstil hat. Und sozialer Polarisierung können wir entgegentreten. Die Daten sprechen für sich: Gerechtigkeit und Fairness sind keine schlechte Medizin." Gerade weil Hausärzte von sozial Benachteiligten stärker in Anspruch genommen werden, haben sie eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ihnen trotzdem eine optimale gesundheitliche Versorgung zukommen zu lassen - auch Prophylaxe gehört dazu.

Die Broschüre zur Armutskonferenz kann bestellt werden unter www.armutskonferenz.at

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