zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 30. August 2006

Arbeit mit "Berufstrinkern"

Acht Prozent der Arbeitnehmer in österreichischen Unternehmen und 1,7 Prozent der Arbeitnehmerinnen konsumieren täglich mehr als 60 Gramm beziehungsweise 40 Gramm reinen Alkohol. Fünf bis zehn Prozent aller berufstätigen Österreicher sind alkoholkrank oder stark gefährdet, es zu werden. Das Problem ist unter Journalisten ebenso wie z.B. bei Ärzten in beträchtlichem Ausmaß zu beobachten und besonders tabuisiert.
Neu ist das Problem Alkohol am Arbeitsplatz zwar nicht, Führungskräfte scheuen aber nach wie vor die Auseinandersetzung, erklärte Senta Feselmayer, Leiterin der psychologischen Abteilung am Anton-Proksch-Institut (API) www.api.or.at, im Rahmen eines Medienseminars.
"Einer der Hauptrisikofaktoren für Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz sind die dort herrschenden Trinksitten. Aber auch Stress, Überforderung, Unterforderung, monotone Arbeit und mangelnder Einfluss auf Entscheidungsprozesse veranlassen viele Arbeitnehmer dazu, diese Probleme mit Alkohol zu lösen", beobachtet Wolfgang Beiglböck, Leiter der Therapiestation für Jugendliche am API.

Was in absoluten Zahlen abstrakt klingen mag, ist an einem Beispiel leicht nachvollziehbar. 20 Gramm Alkohol entsprechen bereits einem halben Liter Bier oder einem Viertel Wein - und das ist schnell getrunken. Vor allem, wenn Stress und die Belastung bei der Arbeit groß seien, wie etwa in der Medienbranche. Dieser Berufszweig neige zum "Erleichterungsschluck", um Druck wegzutrinken und Probleme zu "lösen".
Während man in Deutschland bereits vor 20 Jahren begonnen habe, betriebliche Alkoholpräventionsprogramme zu installieren, herrsche auf der österreichischen "Insel der Seligen" vielerort noch die Praxis des Wegschauens und Schweigens.
"In Österreich darf man so viel Alkohol trinken, wie man will, man darf nur kein Problem damit bekommen", so Feselmayer. Ebenso wie Manager und Betriebsräte scheuten Herausgeber und Chefredakteure entsprechende Gespräche. Ist das Suchtproblem nicht mehr zu übersehen, reagieren Führungskräfte mit der falschen Strategie. Der Betroffene wird an den Betriebsrat oder die Personalabteilung delegiert.
Häufig beobachtet wird auch das so genannte Co-Abhängigkeitsverhalten: Chefs sehen über die Problematik hinweg oder Kollegen übernehmen kurzfristig die Arbeit des alkoholkranken Mitarbeiters.

Tatsächlich ist aber die Früherkennung der Problematik ein Qualitätsmerkmal der Unternehmenskultur. Durch spezielle Schulungen können Führungskräfte den Umgang mit Suchtkranken lernen. "Dabei geht es in einem ersten Schritt darum, den eigenen Trinkstil und den Umgang mit Alkohol im Betrieb zu reflektieren", erklärt Rudolf Mader, ärztlicher Leiter und Vorstand des API, wo diesbezügliche Seminare angeboten werden. Diese Seminare sind Teil des so genannten "Kalksburger Modells" der betrieblichen Suchtprävention.
Das Konzept ist speziell auf österreichische Unternehmen abgestimmt. Diesen entsteht ein alkoholbedingtes Defizit von rund drei Millionen Euro pro Tag, verursacht zum einen durch Krankenstände, die von Betroffenen dreimal so häufig in Anspruch genommen werden wie vom Durchschnitt der Berufstätigen. Zum anderen durch zusätzliche Belastungen für andere Mitarbeiter und Vorgesetzte, durch Fehlleistungen sowie durch erhöhte Mitarbeiterfluktuationen. Zudem sind 30 Prozent aller Arbeitsunfälle alkoholbedingt. Volkswirtschaftlich ergibt sich daraus ein jährlicher Schaden von insgesamt 700 bis 750 Millionen Euro.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben