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Gesundheitspolitik 30. August 2006

Diabetiker fordern bessere Schulung und Betreuung

300.000 bis 500.000 Menschen leiden in Österreich an Diabetes, 90 Prozent davon an Typ 2. Die Dunkelziffer ist hoch. Ebenso die Rate an Spätfolgen. Ärzte und Patienten fordern eine bessere Versorgung.

"Jeder Diabetiker hat ein Recht auf eine Schulung", sagt Dr. Erich Wolfrum von der Selbsthilfegruppe "Aktive Diabetiker". Er bekommt sie aber nicht. Der Grund: Die zwei Finanztöpfe im Gesundheitswesen verhindern eine flächendeckend hochwertige Versorgung. "Jeder Krankenkassenmanager hat Recht, wenn er die Diabetiker ins Spital zur Schulung schickt", meint er. Dabei bleiben aber viele Erkrankungen unerkannt und viele Patienten unbehandelt. Die tragische Folge, so Wolfrum: "50 Prozent der Diabetiker des Typ 2 versterben innerhalb der ersten zehn Jahre nach Manifestation."

Schlechte Versorgung in Wien

Patienten, Ärzte und die meisten Verantwortungsträger im Gesundheitswesen sind sich einig: Die extramurale Versorgung der Diabetiker ist verbesserungswürdig. Das Bild, das sich österreichweit bietet, ist jedoch sehr heterogen: In einigen Bundesländern, zum Beispiel in der Steiermark, Salzburg und dem Burgenland, ist es in den letzten Jahren gelungen, zumindest die Schulung der Diabetiker in Kooperationsprojekten auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen. Kassen und Länder tragen gemeinsam die Kosten. Einige Projekte sehen auch Qualitätssicherungsmaßnahmen und Datenvergleiche vor.
In Wien hingegen gibt die Situation derzeit wenig Anlass zum Optimismus: Nachdem vor einigen Jahren das "Diet Care-Projekt" - aus vorwiegend organisatorischen Gründen - eingestellt wurde, sind die Wiener Allgemeinmediziner mit ihren Diabetes-Patienten wiederum völlig auf sich gestellt. Und weitgehend ohne finanzielle Abgeltung ihrer Beratungsarbeit. Die Schulung erfolgt zumeist in den zum Bersten gefüllten Ambulanzen, bei stationären Aufnahmen oder als Privatleistungen. "Wir brauchen die Möglichkeit einer gediegenen Patientenschulung beim Hausarzt", fordert der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. Auch Dr. Reinhold Glehr, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) geht mit seiner Argumentation in diese Richtung: "Man sollte die Verantwortung für chronische Erkrankungen beim Hausarzt belassen und nicht in die Ambulanzen abschieben." Dazu bedürfe es jedoch auch finanzieller Mittel der Länder, die sich bei den Spitalsambulanzen einiges ersparen könnten. Besonders wichtig sei es aber auch, so Glehr, die Behandlung chronisch Kranker zu strukturieren. Die ÖGAM hat Hilfsmittel erarbeitet - wie z. B. ein Diabetesbetreuungsblatt -, um die Ärzte dabei zu unterstützen, Behandlungsabläufe übersichtlich zu organisieren und auch Datenvergleiche zu ermöglichen.

1.200 Fußamputationen / Jahr

Eine Intensivierung der Schulung und der Kontrolle der Patienten tut jedenfalls Not: 70 Prozent der Diabetiker erliegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 30 bis 50 Prozent der Dialysen zählen zu den Spätfolgen. Rund 1.200 Fußamputationen gehen jährlich auf das Konto der Diabeteserkrankungen. Diese Zahl ließe sich um bis zu 20 Prozent reduzieren, meint Prof. Dr. Thomas Pieber, Leiter der Diabetesambulanz in der Uni-Klinik Graz und bis Dezember amtierender Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Notwendige Maßnahmen seien unter anderem die verbesserte Prophylaxe durch strukturierte Schulungen für alle Patienten, die Früherkennung durch regelmäßige Fußkontrollen, die Verbesserung der Ausbildung von medizinischen Fußpflegern, klare Überweisungsmechanismen bei DFS, die Einführung eines Amputationsregisters sowie ein Disease Management Programm für Diabetes.
Die Kosten für diese Maßnahmen würden sich selber tragen, betont Pieber. Unbewertbar sei hingegen das verhinderte Leid. "Die Prognose und die Lebensqualität für die Betroffenen ist katastrophal, viele dieser älteren und alten Menschen sterben bald oder bleiben echte Pflegefälle", so der Grazer Experte.

Mag. Andrea Fried

Interdisziplinäre Vernetzung bei Diabetes notwendig

Prof. Dr. Michael Roden,
Vorstand der I. Med. Abt. im Hanuschkrankenhaus; ab 1. Dezember 2003 Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG)

"Wir brauchen eine bessere Vernetzung zwischen der Betreuung der Diabetiker im stationären und im niedergelassenen Bereich. Es bedarf auch einer intensiveren Kooperation zwischen ärztlichen und nichtärztlichen Berufen. Ärzte wissen tendenziell zu wenig über Ernährung, weil sie in der Ausbildung bisher kaum berücksichtigt wurde. Das neue Medizin-Curriculum sieht nun zwei Blöcke zum Thema Stoffwechsel vor. Die Verbesserung der Ausbildung wird sich aber erst in einigen Jahren auswirken. Bis dahin sind Ärzte vor allem auf Eigeninitiative in der Weiterbildung angewiesen. Aber eine konsequente Diät- und Bewegungsberatung kann nicht nebenbei erfolgen, sondern benötigt viel Zeit. Von vielen Hausärzten wird diese Aufgabe ambitioniert wahrgenommen, aber das reicht nicht aus. Die Dichte der niedergelassenen Fachärzte für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten ist österreichweit sehr unterschiedlich. Ein großes Problem der Verbesserung der umfassenden Diabetikerbetreuung ist natürlich die Finanzierbarkeit. Wir müssen aber auch die Qualität der Diabetikerbetreuung standardisieren. Die ÖDG arbeitet diesbezüglich gerade an Leit- beziehungsweise Richtlinien. Um die Versorgungsqualität evaluieren zu können, benötigen wir jedenfalls unbedingt auch eine bessere Datenlage."

Pilotprojekt

in der SteiermarkSeit drei Jahren gibt es in der Steiermark ein Schulungsprojekt für Typ-2-Diabetiker, an dem bisher 3.500 Personen teilgenommen haben. Kooperationspartner sind die Gebietskrankenkasse, die Ärztekammer, die Krankenanstalten, der Verband der österreichischen DiabetesberaterInnen und das Forum Qualitätssicherung in der Diabetologie Österreich. Ein eigenes Informationssystem und Qualitätsmanagement bietet Service und Monitoring für die Ärzte und soll als Basis für ein zukünftiges Disease Management Programm (DMP) dienen. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat nun die Steiermärkische Gebietskrankenkasse mit einem Projekt betraut, das - fußend auf dem Diabetes Typ-2-Projekt - die Basis für weitere DMPs sein soll.

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