zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 29. August 2006

Neue Wege zu adäquatem Einkommen

Deutschlands angestellten Ärzten ist gelungen, was bislang für unmöglich gehalten wurde: ein Tarifabschluss von plus 13 Prozent. Doch schön der Reihe nach. Jahrelang waren die Kollegen vertröstet worden. Überstunden ohne ad-äquate Bezahlung, mangelhafte bis fehlende Tarifanpassung. Das kennt man ja! Seitens der Gewerkschaft Verdi bislang bestenfalls als Attachement aller Krankenhausmitarbeiter geführt, glaubte man dort, die Sorgen und Nöte in einem gemeinsamen Tarifvertrag ausreichend berücksichtigt zu haben. Weit gefehlt!
Der Marburger Bund als Spitalsärztevertretung mit einer über 20-fachen Mitgliederanzahl gegenüber Verdi trat im Frühjahr dieses Jahres mit der Forderung nach einer 20-prozentigen Tariferhöhung an die Öffentlichkeit. Die Betreiber der öffentlichen Spitäler, „verwöhnt“ durch die rigorosen Sparverordnungen seitens der Regierung, hatten ob dieser Vorstellung bestenfalls ein müdes Lächeln für diese Wünsche übrig. Man übersah die Zeichen der Zeit. Das Maß war voll. Und die Ärztevertreter waren keine „Weicheier“.
Trotzdem versuchte man es mit der üblichen Vorgangsweise: Es wurde verhandelt und verhandelt und verhandelt – natürlich ohne den Willen zu erkennbaren Zugeständnissen. Man verlegte sich aufs Bluffen und konzentrierte sich darauf, eine einheitliche Ärztefront aufzuweichen. Der Verhandlungsführer, ein Radiologe, behielt jedoch nicht nur den Durch-, sondern auch den Überblick. Man begann mit Mitarbeiterversammlungen, machte Dienst nach Vorschrift – und Streiktage folgten.
Während die Krankenhausverwaltungen und Ländervertreter zunächst glaubten, die Sache aussitzen zu können, ließen die Kampfmaßnahmen der Ärzte die Umsätze und Gewinne der Spitäler schrumpfen.
Zuerst gelang ein Abschluss mit den ­Universitätskliniken, zuletzt zogen die kommunalen Krankenhäuser wohl oder übel nach.
Bestandteil des Abschlusses ist auch eine Regelung betreffend der Überstunden und der Bereitschaftsdienste. Somit dürfte jene Ordnung wieder hergestellt sein, die für andere Dienstnehmer selbstverständlich ist und die den Medizinern unter dem scheinheiligen Argument des Geldmangels und unter Appellation an den Hippokratischen Eid vorenthalten worden war.
Irgendwie kommt einem das doch auch hierzulande bekannt vor. Wenn der Nachholbedarf immer größer und die Situation immer unerträglicher wird, werden auch bei uns diese Argumente nicht mehr fruchten. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass – wie üblich mit etwas zeitlicher Verzögerung – das deutsche Modell hier Schule macht. Was es dazu braucht, ist eine neuere, moderne und vor allem schlagkräftigere Interessenvertretung als die derzeitige Funktionärsburg der Österreichischen Ärztekammer.
Selbst auf die Gefahr hin, als Ketzer hingestellt zu werden: Es sollte erlaubt sein, darüber nachzudenken, ob eine Ärztegewerkschaft nach Muster des Marburger Bundes neben der Standesvertretung des freien Berufes Arzt, der Ärztekammer, den gangbaren Weg darstellt.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 35/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben