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Gesundheitspolitik 23. August 2006

Skandal im Pflegenotstand

Nessy kann diesen Sommer ungestört in ihrem See auf Tauchstation bleiben. Das Sommerloch versuchte zuerst Frau Pilz, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, mit dem Thema Sonderklassenhonorare zu füllen. Die Skandalisierung mit dem Ruf nach Rechnungshofüberprüfung wegen mangelnder Transparenz bei der Abrechnung der Privathonorare wollte nicht so recht gelingen, als ein neues Thema heiß wurde. Ein Tageszeitungsjournalist – Pressepreis-Träger der Ärztekammer – stieß am Boden des Sommerlochs auf 40.000 illegale Pflegekräfte. Das Thema konnte sich im bereits eröffneten Nationalratswahlkampf niemand, der sich dazu kompetent wähnte, entgehen lassen. Das waren wirklich viele. Die einen sahen eine unlautere Konkurrenz für unsere Pflegekräfte, die anderen rechneten sich die entgangenen Steuern und Sozialausgaben aus. Nahtlos in die Reihe der Phrasendrescher fügten sich jene ein, die auf einmal glaubten, sich wegen mangelnder Qualifikation der „Schwarzpfleger“ Sorgen um die Pfleglinge machen zu müssen. Der Pflegenotstand wurde ausgerufen – und seitens des Kanzlers und seines Teams reflexartig in Abrede gestellt. Die wahre Größe des Problems wird erst jetzt transparent, nachdem Detailzahlen öffentlich werden. Den 40.000 illegalen Pflegehelferinnen stehen 43.000 legale Pflegekräfte zur Seite – nein: gegenüber. Die Qualifikation dieser ist genauso zu hinterfragen wie die der anderen. Das Problem liegt auch nicht im Lohndumping und den sich so sozial gebenden Kommentaren, die von Sklaventum jener sprechen, die hierzulande unsere Alten pflegen. Die Realität schaut nämlich anders aus: Die zureisenden Pflegekräfte sind vergleichsweise weder schlechter noch besser geschult. Sie kommen aus Ländern, wo sie keine Arbeit finden. Und selbst wenn, verdienen sie hier in zwei Wochen mehr als sie je in ihrer Heimat in einem Monat verdienen könnten. Dazu kommt, dass man hierzulande bedauerlicherweise selbst für viel Geld nicht ausreichend Pflegepersonal findet. Bei unserem wunderbaren Sozialsystem warten Arbeitslose lieber auf einen „Bankdirektor-Job“, bevor sie einer alten Oma den Rücken waschen. Jene, die sich als Gesundheitsökonomen an demografischen Zahlen austoben, muss man bei dieser Gelegenheit einmal die Frage der Machbarkeit der Legalisierung der Pflegekräfte auf österreichischem Niveau stellen. Geht man von dem kolportierten Honorar von 50 Euro pro Tag für eine nichtösterreichische Pflegekraft aus, so kostet dies jedem Pflegedürftigen immerhin 1.500 Euro im Monat plus Kost und Quartier – das sind stolze 18.000 Euro im Jahr. Da müsste Oma ganz schön viel gestrickt haben, um sich das leisten zu können. Die Arbeiterkammer hat dankbarerweise vorgerechnet, dass einer dieser hilfreichen Geister drei heimische Arbeitsplätze abdeckt. Super! Wollte sich Oma in ihren eigenen vier Wänden gesetzeskonform betreuen lassen, muss sie sich erst einmal 90.000 Euro leisten können. Also, das geht sich nicht mal mit einer Sektionschef-Pension aus. Auf einmal wird eifrig an eine dringend notwendige Reparatur gedacht. Erst jetzt – und natürlich für die Zeit nach der Wahl. Das ist der eigentliche Skandal!

 

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 30/2006

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