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Gesundheitspolitik 23. August 2006

Stete Lärmbelästigung macht krank

Lärm von Straßen und Schienen verursacht Gesundheitsschäden im Ausmaß von 0,42 Milliarden Euro pro Jahr. Aus Sicht der Umweltmediziner sollte die Ärzteschaft Maßnahmen zum Lärmschutz vehementer einfordern.

„Die gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm unter 80 dB werden vielfach unterschätzt“, betont Dr. Heinz Fuchsig, Umweltreferent der Tiroler Ärztekammer. In vielen Bereichen der Industrie wurden in den letzten Jahren zwar zahlreiche Maßnahmen gesetzt, um Lärm über dieser gesetzlich anerkannten Belastungsgrenze zu minimieren. Allerdings stehen Gehörschäden bei den Berufskrankheiten mit einem Anteil von fast 40 Prozent an erster Stelle. Im Rahmen des „EU-Jahres zum Lärm am Arbeitsplatz“ wurde 2005 erhoben, dass mehr als 1,2 Millionen ArbeitnehmerInnen Lärm an ihrem Arbeitsplatz als Belastung erleben.

Keine Chance auf Erholung

„Lärm nimmt aber auch in der Freizeit der Menschen zu, insbesondere durch den Verkehr, so Fuchsig. „Besonders kritisch sind die Zeiten zwischen 12 und 15 bzw. ab 19.30 Uhr, die eigentlich Entspannungs- und Ruhephasen sein sollten.“ Der Lärm mache es aber teils extrem schwer oder verhindert sogar, dass der Körper tatsächlich zur Ruhe kommt. Erhöhter Blutdruck und Herzfrequenz sowie gestiegene Cortisolausscheidung im Nachtharn sind Hinweise auf den „Alarmzustand“, in den Menschen durch Lärm versetzt werden. „Allein in Tirol sind 60.000 Haushalte einem Dauerschallpegel von über 45 dB(A) ausgesetzt“, berichtet Fuchsig. Dazu kommen – auch in anderen Teilen Österreichs – immer wieder Lärmspitzen, etwa durch Autos mit Breitreifen und/oder überhöhter Geschwindigkeit oder durch das Geräusch von zurückfahrenden LKWs bei Ladetätigkeiten. „Selbst wenn jemand berichtet, durchzuschlafen, können diese Spitzen dazu führen, dass die Schlaftiefe sinkt und Körper sowie Psyche zunehmend mit Symptomen der Unausgeschlafenheit reagieren“, sagt Fuchsig. Hausärzte sollten bei Symptomen wie unklaren Kopfschmerzen oder Veränderungen des Blutdrucks, bei Leistungs- und Konzentrationsschwierigkeiten oder psychosomatischen Beschwerden an Lärm als mögliche Ursache denken. Laut einer Studie, so Fuchsig, verursachen Straßen- und Schienenlärm jährlich Gesundheitskosten von 0,42 Milliarden Euro.

Schutz mit Folgen

„Mehr Lärm führt dazu, dass Menschen in der Nacht die Fenster geschlossen halten“, weist Fuchsig auf ein weiteres Problem hin. Dies führt zu einer erhöhten Konzen-tration an CO2 im Raum und trägt dazu bei, dass im Sommer die Raumtemperatur zu hoch für einen wirklich gesunden und erholsamen Schlaf wird. Eine mögliche Alternative zu Maßnahmen der Verkehrsberuhigung und des Schallschutzes wäre die kontrollierte Raumbelüftung, wie sie bei Passivhäusern Standard ist. Diese ändert allerdings nichts an der Lärmbelastung in Grünzonen. Lärmquellen auszuweichen, ist im betrieblichen wie privaten Umfeld sehr schwierig. Deshalb müssten sich Ärzte auch für Maßnahmen zum Lärmschutz einsetzen, betont Fuchsig. Dies beginne damit, dass es für alle Bauvorhaben oder Erweiterungsmaßnahmen in Betrieben bzw. Verkehrskonzepten auch eine Lärmanalyse geben müsste. „Wo immer möglich, sollte Lärm von Anfang an vermieden werden, etwa durch Rückfahrtkameras für LKWs“, regt der Umweltreferent an. An stark befahrenen Straßen müssten Lärmmesser mit elektronischen Geschwindigkeitsanzeigen gekoppelt sein. „Dazu gehört dann aber auch eine Maßnahme wie die Section-Control, um die Einhaltung durchzusetzen“, meint Fuchsig. Bei Flughäfen sollte Lärmschutz bei der Erstellung der Flugpläne eine größere Rolle als bisher spielen. Für besonders laute Flugzeuge sollte zu den Ruhezeiten ein Flugverbot gelten. Fuchsig appelliert an die Kollegenschaft, „sich verstärkt öffentlich für Lärmschutz einzusetzen“. Für Notärzte regt er als „kleine, aber wichtige Maßnahme“ an, nicht bei jeder Gelegenheit das Folgetonhorn einzuschalten; denn gerade dieses gehöre zu den am meisten störenden Lärmspitzen.

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