zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 23. August 2006

Stiefkind psychische Gesundheit

Aktuelle Analysen weisen darauf hin, dass bis zur Hälfte der Patienten in einer Allgemeinpraxis auch psychische Probleme haben. In der Gesundheitspolitik sind aber nur zögerliche Schritte erkennbar, die dieser Situation Rechnung tragen.

„Nach wie vor herrscht zu den Psy-Diplomen der Ärztekammer sowohl von Spitals- als auch niedergelassen Ärzten ein reger Zulauf“, berichtet Dr. Manfred Kolar. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut in St. Pölten sowie Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin (ÖGPPM). Immer mehr Ärzte wollen Mankos aus der Ausbildung kompensieren, in der Psychosomatik, psychosoziale und psychotherapeutische Medizin lange praktisch keine Rolle gespielt haben. „Es ist sehr zu begrüßen, dass die Inhalte des Psy-1-Diploms nun endlich Teil der aktuellen Curricula sind. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, meint Kolar. Doch der Zugang zu entsprechender Fortbildung müsste weiter forciert werden. Großen Handlungsbedarf ortet er auch bei der Honorierung dieser Leistungen durch die Sozialversicherungen. „In einigen Bundesländern gibt es bei den kleinen Kassen immerhin eine Position für das psychosomatische Gespräch bzw. für psychotherapeutische Medizin“, so Kolar. Deutliche Erleichterungen beim Zugang zu Psychotherapie auf Krankenschein seien ebenso wünschenswert. „Dazu laufen seit 15 Jahren entsprechende Bemühungen, die allerdings auf politischer Ebene bislang auf nicht wirklich fruchtbaren Boden gefallen sind“, kritisiert Kolar: Die in einigen Bundesländern wie Steiermark, Salzburg oder Oberösterreich vorhandenen Kontingente würden nur einen Bruchteil des Bedarfs abdecken; monatelange Wartezeiten sind Realität.

Verschmähter Gesetzesentwurf

Auch in anderer Hinsicht wird aus Kolars Sicht „der Seele, der psychischen Komponente der Gesundheit viel zu wenig Bedeutung beigemessen“: Seit Monaten liegt ein Gesetzesentwurf vor, der Strukturen für eine gesetzliche Berufsvertretung für PsychotherapeutInnen regeln soll. „Ärzte mit Psy-Diplom oder psychotherapeutischer Ausbildung sind zwar durch die Ärztekammer bzw. durch die ÖGPPM vertreten“, so Kolar. Aber zum einen gehe es um die grundsätzliche Wertschätzung und Unterstützung der Psychotherapie, andererseits sei im Gesetz auch ein Gesamtvertrag vorgesehen, der für den Zugang zur medizinischen Psychotherapie positive Auswirkungen hätte.

Missstände zementiert

„Durch die Untätigkeit der Gesundheitsministerin in dieser Sache werden nun aber ganz im Gegenteil die bestehenden Versorgungsmängel zementiert“, kritisiert Dr. Eva Mückstein, Vizeprä-sidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Sie verweist auf eine Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), laut der nur 12 Prozent jener Personen, die Bedarf an Psychotherapie haben, diese Sachleistung auch bekommen. „Der Anteil der Ausgaben für Psychotherapie plus jener für psychotherapeutische Medizin ist mit 0,1 bis 2 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitssystem bei weitem nicht bedarfsgerecht“, betont Mückstein. Während die Sozialversicherungen im Jahr 2004 nur 47 Prozent für Psychotherapie auf Krankenschein ausgaben, wurden 53 Prozent der Ausgaben für den geringen Zuschuss von 21,80 Euro pro Behandlung aufgewendet. Bei einem durchschnittlichen Honorar von 70 Euro pro Stunde würden sich Menschen mit psychischen Symptomen somit den Löwenanteil ihrer notwendigen Behandlung selbst finanzieren. Gleichzeitig hätten sich die Kosten für Psychopharmaka seit dem Jahr 1995 beinahe verdoppelt. „Die historische Chance auf eine europaweit vorbildhafte Etablierung der Psychotherapie scheint jedenfalls vorerst verspielt“, bedauert Mückstein.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben