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Gesundheitspolitik 24. Juli 2006

Mobilfunk und Gesundheit: Ernste Gefahr oder Panikmache

Mobilfunk und Gesundheit: Ernste Gefahr oder Panikmache?

Bei einer ÄRZTE WOCHE-Podiumsdiskussion beleuchteten Experten die aktuelle Datenlage

Kaum ein Umweltthema wird so kontrovers und emotional in der Öffentlichkeit diskutiert wie der Mobilfunk und seine möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit. Dies zeigte sich auch bei einer von der ÄRZTE WOCHE veranstalteten Podiumsdiskussion am 19. Juni im Millennium Event Center in Wien. Für die Mitglieder des Wissenschaftlichen ­Beirat Funk (WBF) – Vana, Wolf, Zeitlhofer und Barth (siehe Kasten Teilnehmer) – steht fest: Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft gibt es keinen Nachweis für eine Gefährdung der Gesundheit durch elektromagnetische Felder des Mobilfunks unterhalb der von der WHO/­ICNIRP (World Health Organisation/Interna­tional Commission on Non-Ionising Radiation Protection) empfohlenen Grenzwerte. Anders sehen das der Umweltreferent der ­Wiener Ärztekammer, Huber, und der Umwelthygieniker Hutter (siehe Kasten Teilnehmer). Für sie belegen zahlreiche Studien und Beobachtungen, dass Mobilfunk biologische Auffälligkeiten hervorrufen könne. Sie fordern daher die Anwendung des Vorsorgeprinzips, um die Strahlungen zu minimieren. Die Bevöl­kerung müsse besser informiert werden, sowohl bei der Errichtung von Basisstationen als auch beim Kauf und der Verwendung von Handys. Weiters seien vermehrt unabhängige ­wissenschaftliche Studien durchzuführen.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion:
Prof. DI Dr. Norbert Vana, Physiker, Leiter des Bereichs „Strahlenphysik,
Strahlenschutz und Nukleare Messtechnik“, Atominstitut der österreichischen
Universitäten, ­Vorsitzender des WBF (Wissenschaftlicher Beirat Funk)
Prof. Dr. Christian Wolf, Facharzt für Innere Medizin, Klin. Abt. für Arbeitsmedizin, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, AKH-Wien, Stv. Vorsitzender des WBF
Prof. DDr. Josef Zeitlhofer, Facharzt für Neurologie, Univ.-Klinik für Neurologie, AKH-Wien, Mitglied des WBF

DDr. Alfred Barth, TU Wien, Institut für Managementwissenschaften,
Bereich Arbeitswissenschaft und Organisation, Mitglied des WBF
Dr. Erik Huber, Umweltreferent der Wiener Ärztekammer
Dipl.-Ing. Dr. Hans-Peter Hutter, Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien und Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt

Moderation: Herbert Hauser, Chefredakteur ÄRZTE WOCHE

Messlatte für gesundheitliches Risiko sind die Grenzwerte

Derzeit gibt es aufgrund der vorliegenden wissenschaftlichen Studien keinen gesicherten Nachweis
gesundheitlicher Schäden am Menschen – Umweltmediziner drängen trotzdem auf Vorsorgemaßnahmen

Es gibt unzählige Arbeiten über die Auswirkungen von Mobilfunk auf die Gesundheit, allerdings in sehr unterschiedlicher Qualität“, stellte WBF-Vorsitzender Prof. DI Dr. Norbert Vana fest. Um die wissenschaftlichen Arbeiten in interdisziplinärer Form zu analysieren (Tabelle 1), auf ihre Seriosität und Stichhaltigkeit zu überprüfen und dann wissenschaftlich begründete Aussagen zu treffen, sei daher auf Initiative von Vana und Wolf vor zwei Jahren der Wissenschaftliche Beirat Funk gegründet worden. Erst danach habe man die Unterstützung durch das Ministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) erhalten, agiere aber völlig unabhängig und werde keineswegs von der Mobilfunkindustrie bezahlt, wie immer wieder behauptet werde. „Elektromagnetische Strahlung im Hoch­frequenz-Bereich kann in den Körper eindringen und dort thermische und nichtthermische ­Effekte auslösen“, berichtete Vana. Die Grenze zwischen thermischen und nichtthermischen Effekten liegt bei etwa 30 Kilohertz, darüber überwiegt der Wärmeeffekt, darunter die Feldeffekte wie Reizwirkungen an ­Nerven und Muskelzellen. Bei der Hoch­frequenz(HF)-Strahlung überwiege die thermische Wirkung (Wärmeeffekt). „Bis dato ist nicht eindeutig nachgewiesen, ob es überhaupt bei der Exposition durch HF-Strahlung einen nichtthermischen Effekt gibt“, betonte Vana. Daher seien die Grenzwerte der HF-Strahlung auf Basis aller bekannten Effekte erarbeitet worden.

SAR – Definition der spezifischen Absorptionsrate

Wichtigster Parameter ist die spezifische Absorptionsrate (SAR) in Watt/kg. Sie ist das Maß für die im Körper aufgenommene und überwiegend in Körperwärme umgewandelte Energie aus dem elektromagnetischen Feld. Bei hochfrequenten Sendeanlagen (Mobilfunkanlagen, Basisstationen) gestatten die Grenzwerte eine ganzkörperbezogene SAR von 0,08 Watt pro kg Körpergewebe. Bei der Nutzung von Handys ist der lokale SAR-Grenzwert für Kopf und Rumpf von maximal 2 Watt/kg von Bedeutung. „Diese von der Europäischen Union empfohlenen Grenzwerte ­haben in Österreich Gültigkeit, auch wenn hier kein nationaler Grenzwert gesetzlich festgelegt wurde“, unterstrich Vana. Die von Mobilfunkstationen ausgehende Exposition ist übrigens mindestens um den Faktor 1.000 geringer als jene beim Telefonieren mit dem Handy. „Wenn man die Effekte von exogenen Einwirkungen wie dem Mobilfunk betrachtet, muss man unterscheiden, ob es sich um physiologische Reaktionen handelt, wie etwa den Anstieg der Herzfrequenz beim Stiegensteigen, oder um tatsächlich krankmachende Veränderungen“, erklärte Prof. Dr. Christian Wolf. Es sei auch zu beachten, dass Effekte auf einzelne Zellen, wie in der REFLEX-Studie (siehe Kasten) beobachtet, nicht einfach auf das Ganze, den menschlichen Körper, übertragbar seien. „Die REFLEX-Studie hat zwar gezeigt“, so Wolf, „dass bei Strahlungen weit unterhalb der Grenzwerte Veränderungen der DNA auftreten können, allerdings nur bei intermittierender, nicht bei kontinuierlicher Exposition.“ Man könne diese in vitro erzielten Ergebnisse aber nicht auf den menschlichen Körper übertragen, da bei In-vitro-Tests die Reparaturmechanismen des Körpers unberücksichtigt blieben.

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Mobilfunk und Nervensystem

Auf mögliche Effekte des Mobilfunks auf das Nervensystem ging Prof. DDr. Josef Zeitl­hofer ein. Von besonderem Interesse seien Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf die Hirnstromaktivität (EEG), auf kogni­tive Fähigkeiten (wie etwa Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit u. a.), die Schlafqualität sowie auf die Entstehung von Tumoren. „Zusammengefasst lässt sich sagen“, so Zeitlhofer, „dass zwar Veränderungen von EEG, einzelnen kognitiven Eigenschaften oder Schlafqualität beobachtet wurden. Diese sind aber sehr unspezifisch beziehungsweise innerhalb der großen physiologischen Variationsbreite gelegen und stellen keineswegs Hinweise auf ein Gesundheitsrisiko durch elektromagnetische Felder dar.“ Auch zwischen Mobilfunk und erhöhter Tumorhäufigkeit könne derzeit kein eindeutiger Zusammenhang erkannt werden. Somit steht für den WBF fest, dass es aufgrund der derzeit vorliegenden wissenschaftlichen Studien innerhalb der aktuellen Grenzwerte keinen gesicherten Nachweis gesundheitlicher Schäden am Menschen gibt. Zur REFLEX-Studie hat der WBF beim Experten­forum am 21. Oktober 2005 Stellung genommen: „Aus den Ergebnissen von Studien an Zellkulturen kann kein gesundheitliches Risiko für den Menschen abgeleitet werden. Es ist nicht zulässig, die REFLEX-Studie als Nachweis einer gesundheitlichen Gefährdung anzuführen.“

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Begründete Zweifel?

Die Schlussfolgerungen des WBF sind für Dr. Erik Huber, Referent für Umweltmedizin der Wiener Ärztekammer, nicht nachvollziehbar. Seines Erachtens würde die REFLEX-Studie, ebenso wie zahlreiche andere Studien ausreichend Daten für begründete Zweifel an der Unbedenklichkeit von Mobilfunk liefern. Dies verpflichte Ärzte und Politiker dazu, das Vorsorgeprinzip gelten zu lassen. Unter Ärzten herrsche österreichweit ein klarer Konsens über die Beurteilung des Risikos und die Wichtigkeit von Vorsorgemaßnahmen. Die Österreichische Ärztekammer habe in diesem Sinn bereits 2005 einen Leitlinien­katalog erstellt, um der Bevölkerung die Bedeutung eines bewussten Umgangs mit dem Mobilfunk zu verdeutlichen. Der Oberste Sanitätsrat sei im Dezember 2005 den Ärztekammer-Leitlinien in weiten Punkten gefolgt (siehe Tabelle 2, Seite 4). Huber: „Wir wollten damit keine Panik auslösen, sondern die Möglichkeiten für den einzelnen aufzeigen, das persönliche Risiko zu reduzieren.“ Besonders zu schützen seien Kinder und Jugendliche, die eine wichtige Zielgruppe der Mobilfunkindustrie geworden seien: Über 90 Prozent der unter 10-Jährigen telefonieren bereits mit dem Handy, über 40 Prozent der über 10-Jährigen besitzen ein Handy. „Wir haben bisher keine Daten über die Auswirkung elektromagnetischer Strahlung auf Kinder“, gab Huber zu bedenken. Dipl.-Ing. Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien wies darauf hin, dass es unter dem Einfluss von Mobilfunk auch bei Werten unter der thermischen Wirkungsschwelle zahlreiche Beobachtungen über das Auftreten von Reaktionen gebe, wie Veränderungen des Blutdrucks, Verkürzung der Einschlaflatenz oder Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen und anderes mehr. In einer eigenen Studie sei das Umfeld von jeweils fünf Basisstationen in Kärnten und ­Wien untersucht worden. 336 Personen, die mindestens ein Jahr dort wohnten, wurden bezüglich psychischer und körperlicher Beschwerden befragt, Luftschadstoffmessungen und Kurzzeitmessungen elektromagne­tischer Felder vorgenommen. Diese Werte lagen weit unterhalb der Grenzwerte laut ÖNORM. 70 Prozent der gemessenen Strahlung in der Nähe von Basisstationen stammten von Mobiltelefonen. Auffallend waren vor allem Einflüsse auf ­Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen, die mit der Intensität der Strahlung korrelierten. Hutter: „Wir wissen nicht, warum diese Phänomene auch im Niedrigdosisbereich ­auftreten, aber sie treten auf.“ Das liege nicht an einer grundsätzlichen Ablehnung des ­Mobilfunks oder der Basisstationen, da nur fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung starke Befürchtungen angaben (Hutter et al: Occupa­tional and Environmental Medicine 2006;63(4):307–313). Aus Sicht des WBF ist „auch die Studie von Hutter in vieler Hinsicht nicht sauber“, bemerkte Wolf. So sei die Exposition durch das Handy nicht erhoben worden, obwohl diese mindestens um den Faktor 1.000 höher sei als die der Basisstation. Auch die statistische Auswertung weise grobe Mängel auf, zudem seien Informationen unvollständig. „Wenn wissenschaftliche Daten die Ungefährlichkeit nicht beweisen und ein mögliches ­Risiko für viele Menschen bestehe, dann ist das Vorsorgeprinzip für Handys und Basisstationen anzuwenden“, steht für Hutter und Huber fest. Dies bedeute, den Schutz aller, insbesondere der Kinder: „Wir fordern, dass die Handys mit ihrem SAR-Wert gekennzeichnet und Informationen über Risiken beigelegt werden.“ Die Strahlungen von Handys und Basisstationen müssten minimiert und Messergebnisse verschiedener Behörden endlich veröffentlicht werden. Bei der Errichtung von Basis­stationen sei die Bevölkerung seriös zu informieren und aufzuklären. Ein Großteil der Probleme, Ängste und Konflikte in Zusammenhang mit der Funktechnologie werde durch Geheimniskrämerei und mangelnde ­Information der Bevölkerung verursacht. ­Außerdem sollte ein unabhängiger Fonds eingerichtet werden, der wissenschaftliche ­Studien bezahle. „Das Vorsorgeprinzip stellt kein wissenschaftliches Kriterium dar“, ­widersprach ­Vana vehement. „Der WBF will die Diskus­sion von der Glaubensfrage auf ­eine wissenschaftliche Ebene stellen, erklärte DDr. Alfred Barth. Deshalb habe der WBF es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaft­liche Studien nach international anerkannten Kriterien zu bewerten. „Wenn jemand behauptet, kogni­tive Störungen, Blutdruckänderungen oder andere gesundheitliche Störungen durch ­Mobil­funk wären durch epidemiologische Studien ab­gesichert, ist das falsch“, resümierte Vana: „Nichts davon ist nachgewiesen oder abgesichert.“

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Zwischen Wissenschaft und Bevölkerung Brücke bauen

Es sei egal, wenn Wissenschafter sagen, das gebe es nicht, denn diese und ähnliche Beschwerden im Umfeld von Handymasten wären für viele Bürger Realität. Diesen Standpunkt vertraten mehrere Zuhörer aus dem Publikum, die über ihre Erfahrungen und teilweise massiven Beschwerden in Zusammenhang mit Basisstationen wie Tinnitus, Kopfschmerzen, Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Blutdruck-änderungen bei Erwachsen und kleinen Kindern berichteten. Die Beschwerden hätten sich bei räumlicher Entfernung oder Abschalten der Masten gebessert beziehungsweise seien verschwunden. Daher müssten, so die Betroffenen, von Politik und Mobilfunkbe­treibern Konsequenzen gezogen werden. Zur Rolle der Politik brachte die im Publikum anwesende Verkehrssprecherin der Grünen, Dr. Gabriela Moser, ihren Standpunkt in die Diskussion ein: „Die Diskussionen über Mobilfunk laufen bedauerlicherweise auf zwei verschiedenen Ebenen ab. Einerseits gibt es ­eine wissenschaftliche Diskussion, in der man sagt, die Suppe sei zu dünn. Andererseits gibt es Erfahrungen und Erlebnisse, bei denen man spürt, ‚da ist etwas’. Hier anzusetzen, ist für mich die politische Herausforderung.“ Menschen lebten nicht nach dem Wissenschaftsprinzip, sondern in einer realen Situa­tion. Zwischen diesen beiden Welten müsse eine Brücke geschlagen werden. Die Bürger sollten stärker eingebunden und die Untersuchung von Beschwerden nicht in einer Klinik, sondern vor Ort vorgenommen werden. Sie forderte außerdem den WBF auf, als Fachorgan selbst entsprechende Studien zu initiieren – was dieser gerne täte, dazu aber weder Auftrag noch Geld habe, wie Vana anführte.

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