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Gesundheitspolitik 18. Juli 2006

Verwirrende Zahlenspiele mit Medikamentenkosten

Mehr Patienten sollen ihre Medikamente auch verordnungsgemäß einnehmen. Dieses Ziel verfolgt die Aktion in NÖ „Pillen sprechen nicht mir Dir …“. Das damit verknüpfte Sommer-Halali auf die Ausgaben für Arzneimittel zeigt aber einmal mehr, dass Transparenz im Gesundheitswesen einfach zu kurz kommt.

„Ein Medikament, das von keinem Arzt verordnet wurde, wird auch von der Krankenkasse nicht bezahlt. Die einzige Chance, in diesem Bereich wirkungsvoll auf die Kostenbremse zu steigen, besteht darin, dass die Ärzte beginnen, bewusst, überzeugt und verantwortungsvoll auf ihre Patienten einzuwirken, den Umgang mit Medikamenten neu zu überdenken – und dass sie auch im Bereich der Verschreibung neue Qualitäten entdecken.“ So argumentieren Ärztekammer und Gebietskrankenkasse für Niederösterreich das von Juli 2006 bis Ende Juni 2007 anberaumte Pilotprojekt „Pillen sprechen nicht mir Dir …“

Was die Kasse zahlen wird

„Unsere gemeinsame Vereinbarung sieht daher vor, dass alle Allgemeinmediziner zukünftig bei 20 Prozent ihrer Patienten ein eingehendes Arzt/Patientengespräch über die richtige Verwendung und den sinnvollen Einsatz von Medikamenten verrechnen dürfen, präzisierte Dr. Lothar Fiedler, Präsident der NÖ Ärztekammer. „Ziel dieses Gesprächs müsse sein, eine gemeinsame Optimierung beim Umgang mit den Ausgaben für Medikamente herbeizuführen. Fachärzte für Innere Medizin und Kinderärzte dürfen diese Position bei 8 Prozent aller Patienten pro Quartal verrechnen.“ Laut einer Patientenbefragung des Fessel-Gfk-Instituts im Auftrag des Hauptverbandes nehmen nur 64 Prozent ihre Medikamente gemäß Verschreibung, nur 40 Prozent brauchen verschriebene Me-dikamente auf. Auf welche Arzneimittel dies zutreffe, sei allerdings nicht bekannt bzw. inkludieren diese Zahlen auch nicht verordnungspflichtige Arzneimittel. Konrad Köck, Generaldirektor der NÖ Gebietskrankenkasse: „Wenn es uns durch gemeinsame Anstrengungen gelingt, nach Ende des Pilotprojektzeitraumes bei der Steigerung der Medikamentenausgaben nicht über dem Durchschnitt der anderen Gebietskrankenkassen zu liegen, spricht wenig dagegen, aus diesem Pilotprojekt eine Dauereinrichtung zu machen.“ Um dieses Ziel zu erreichen und einen Überblick über die Entwicklungen zu erhalten, bekommen alle eingebundenen Vertragsärzte monatliche Aufstellungen über ihr persönliches Verschreibungsverhalten im Vergleich zu anderen Krankenkassen bzw. ihrer Fachgruppe.

Das leidige Kostenthema

Für eine vehemente Reaktion der Pharmig (Dachverband der pharmazeutischen Industrie) sorgte Köck mit seiner Behauptung, dass von der GKK im vergangenen Jahr erstmals mehr Geld für von Kassenärzten verschriebene Arzneimittel (264 Mio. Euro) als für Arzthonorare (247 Mio. Euro) ausgegeben wurde. „Auf den ersten Blick klingt es ja sympathisch, dass Kassenärzte und Patienten sich intensiver als bisher über den vernünftigen Einsatz von Medikamenten unterhalten sollen“, kommentierte Pharmig-Generalsekretär Dr. Jan Oliver Huber. „Allerdings arbeiten NÖGKK und NÖ-Ärztekammer mit überhaupt nicht nachvollziehbaren Zahlen.“ Die letzte veröffentlichte Gebarung der NÖGKK (2004) spricht eine ganz andere Sprache als die heute genannten Zahlen: Für Arzthonorare (ohne Zahnbehandlung) zahlte die NÖGKK 361 Mio. Euro, für Medikamente 344 Mio. Euro (brutto). Nach Abzug der Mehrwertsteuer für Medikamente, die der Kasse vom Finanzminister refundiert wird, bleiben 287 Mio. Euro an Medikamenten-Ausgaben. Wird auch die Rezeptgebühr abgezogen, betragen die Medikamenten-Ausgaben noch 237 Mio. Euro. Das entspricht 65,6 Prozent der Ausgaben für Arzthonorare. Im Rahmen der österreichischen Gesundheitsausgaben seien Medikamente lediglich der drittgrößte Ausgaben-Posten, wie die Gebarung des Hauptverbandes für 2005 belegt: Die Spitalskosten mit 3,4 Mrd. Euro und die Arzthonorare (ohne Zahnbehandlung) mit 2,9 Mrd. Euro liegen weit vor den Medikamenten-Ausgaben mit 1,7 Mrd. Euro (exkl. MwSt. und abzüglich Rezeptgebühr). Der Hauptverband bevorzugt bei der Bezifferung der Medikamentenausgaben offenbar die Bruttosummen. Denn laut Dr. Erich Laminger, Vorsitzender des Verbandsvorstandes im Hauptverband, entfielen im Jahr 2005 insgesamt 2,4 Mrd. Euro auf Medikamente. Diese Summe liege im budgetierten Rahmen. Angesichts der in der Patientenbefragung erhobenen „Medikamentenverschwendung“ plane der Hauptverband Gespräche mit den Industriepartnern über Verpackungsgrößen. Vom generikafähigen Markt seien derzeit 40 Prozent ausgeschöpft.

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