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Gesundheitspolitik 4. Juli 2006

Kopfschmerzen, Herr Apotheker?

Die EU-Kommission hat ein Verfahren gegen Österreich bezüglich des Apothekensystems eröffnet. In ihren Mahnschreiben kritisiert die Kommission vor allem das Verbot von Vertrieb und Einzelverkauf pharmazeutischer Produkte unter einem Dach, den Eigentumsvorbehalt für Apotheker, die Diskriminierung auf Grund der Staatsangehörigkeit, die Bevorzugung von Apothekern mit lokaler Erfahrung,
die regionalen und demographischen Beschränkungen für die Eröffnung von Apotheken, das Verbot des Besitzes mehrerer Apotheken und die Vorschriften für die juristische Form der Unternehmen. Seitdem ist Feuer am Dach der Apotherkammer. War man doch bislang damit beschäftigt, die Pfründe auszubauen und die unliebsame Konkurrenz der Hausapotheken führende Ärzte ins Out zu schubsen.
Während im Nachbarland Deutschland knappe 2.000 Einwohner auf eine Apotheke kommen, verschafft in Österreich schon eine Quote von 5.000 Einwohnern pro Apotheke dieser Branche Existenzängste. Zurzeit gewährleisten 1.183 Apotheken und 992 Hausapotheken führende Ärzte die Arzneimitteldistribution an die Patienten. Die Kassen zahlen 280 Millionen Euro an die Hausapotheken und blechen 1,9 Milliarden(!) Euro in Richtung öffentliche Apotheken. Das ist natürlich nicht alles, wovon die Apotheken leben müssen. OTC-Präparate, Tees, Diätetika, Pflegeprodukte usw. wandern über den Ladentisch. Neuerdings entdeckten die Apotheker auch die Vorsorgemedizin. Man sollte sich ernsthaft Sorgen machen um unsere Partner – Partner von Werbung Gnaden: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Wenn sich die EU mit ihren Vorgaben durchsetzt, werden sich die Herrschaften warm anziehen müssen. Kann doch dann jeder Drogeriemarkt – vielleicht auch jede Tankstellenkette – eine Apothekenkonzession erwerben und in allen Outlets Apotheken im Shop eröffnen. Die Versorgung der Bevölkerung wäre so optimal gewährleistet.
Die bittere Pille für unsere Zunftkollegen mit Hausapotheke wäre möglicherweise ein Umsatzrückgang bei den Kassenmedikationen. Aber die, die drauf schauen, könnten ihr Augenmerk verstärkt auf den Verkauf anderer Produkte lenken, was noch dazu ihre Kostentangente bei den gestrengen Kassen entlasten würde. All das wird natürlich den Apothekern ordentliche Kopf- oder Bauchschmerzen verursachen. Das Mitleid auf der Ärzte-seite wird sich nach den Kampagnen „24 Stunden für Sie da – ohne Krankenschein“ und „10 Minuten für ihre Gesundheit“ in Grenzen halten. Der Griff ins
eigene Regal kann bedauerlicherweise bestenfalls eine symptomatische Therapie sein. „Einfach blöd“, wenn man die
Nebenwirkungen aus dem Auge lässt.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 27/2006

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