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Gesundheitspolitik 4. November 2008

Gewalt ist kein Zufall

Überforderung ist einer der Hauptgründe für eine unzureichende Betreuung von pflegebedürftigen Alten.

Ein anonymisiertes Meldesystem könnte helfen, Gewalt an älteren, der Pflege bedürftigen Frauen und Männern zu vermindern.

 

Bereits seit dem Vorjahr wird auch in Österreich das EU-Projekt „Breaking the Taboo“ umgesetzt. Im Fokus stehen bei dieser Initiative Ursachen und Folgen von Gewalt in Pflegesituationen im häuslichen Umfeld. „Ein wichtiges Ziel ist es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von mobilen Pflege- und Sozialdiensten für das Thema zu sensibilisieren, denn sie sind oft die Einzigen, die Einblicke von außen in Pflegebeziehungen bekommen“, erklärt DSA Erentraud Lehner, Mitarbeiterin des Forschungsinstituts des Roten Kreuzes, das sich am EU-Projekt beteiligt. Demnächst in Druck geht eine Broschüre, die Hinweise zum Erkennen von Gewalt gegen ältere Menschen gibt.

Gewalt durch Freiheitsentzug

„Gewalt kann sehr unterschiedliche Gesichter haben: Es geht vergleichsweise selten um körperliche Misshandlung, sondern häufiger um die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch das Verschließen der Wohnung, die Verweigerung der Kommunikation oder des Besuchs von außen, um finanzielle Ausbeutung oder auch um verschiedene Formen von Vernachlässigung“, sagt Lehner. Drei bis fünf Prozent aller Menschen über 65 würden Gewalt in der Familie erleben – dies zeigen internationale Daten von Prof. Dr. Josef Hörl, Institut für Soziologie der Universität Wien. Er betont, dass die Hemmschwelle, über diese Gewalt zu reden, sehr hoch sei. „Sie wird meist von Verwandten oder anderen nahestehenden Personen ausgeübt. Die Opfer fühlen sich von diesen abhängig – und nehmen sehr viel im Kauf, um nicht in ein Altersheim übersiedeln zu müssen.“

Die Erkenntnisse aus „Breaking the Taboo“ zeigen, dass in vielen Fällen Überforderung und Ohnmacht die Auslöser von Gewalt sind. „Es wird nach wie vor viel zu wenig darauf geachtet, dass es bei Pflege nicht nur um bestimmte, genau umrissene Tätigkeiten geht, sondern meist um einen 24-Stunden-Job, der das gesamte Leben aller Beteiligten verändert.“ Kurzzeitpflegeplätze, Unterstützung, dass pflegende Angehörige in den Urlaub fahren können, Besuchsdienste, damit sie stundenweise einen Freiraum für eigene Aktivitäten haben – solche Entlastungen sind oft abhängig vom Engagement von Einzelpersonen und haben selten einen fixen Platz in regionalen Angeboten oder Konzepten. „Oft sind es sehr einfache Maßnahmen, die Überlastungen vorbeugen und so eine wirksame Prävention gegen Gewalt wären“, weiß Lehner. Deshalb fordert er ein besseres psychosoziales Begleitungsangebot für pflegende Angehörige.

Für die Festlegung der Höhe des Pflegegelds sollte zudem ein umfassenderes Assessment vorgenommen werden, auf dessen Grundlage dann sowohl auf die individuelle Situation des zu Pflegenden als auch die seiner pflegenden Angehörigen eingegangen wird.

Häufige Gewalterfahrung

Dr. Thomas Frühwald, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie, weist darauf hin, dass es in Bezug auf Gewalt gegen ältere Menschen eine besonders vulnerable Gruppe gibt, nämlich „ältere, multimorbide Menschen, die in ihrer Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt sind und bei denen oft dementielle Symptome hinzukommen.“ In dieser Gruppe, darauf weisen Studien hin, haben bis zu einem Viertel der Pflegebedürftigen bereits Gewalterfahrungen gemacht. Frühwald appelliert an Haus- und Spitalsärzte, gerade bei solchen Personen auf Alarmzeichen zu achten, wie verängstigtes Verhalten, sichtliches Unwohlgefühl bei Körperkontakt, Verweigerung von Kommunikation oder Essen. Das gilt sowohl für die häusliche wie auch die institutionelle Pflege. Ebenso im Fokus der Beobachtung sollte die physische und psychische Situation von pflegenden Angehörigen oder von Mitarbeitern in Pflegeheimen sein.

Hinsehen statt wegsehen

„Durch das Heimaufenthaltsgesetz hat sich der Umgang mit Gewalt und Freiheitsbeschränkungen im Heimbereich sicher verändert“, meint dazu Hörl. Aber er stimmt Frühwald zu, wenn dieser Ärzte aufruft, nicht einfach wegzusehen, wenn es vorkommt, dass in der Nacht nur eine einzige Person für einen ganzen Pflegebereich eines Heims zuständig ist. Aber auch dort sei Gewalt in seinen unterschiedlichen Ausprägungsformen nur selten mit absichtlichem Handeln in Zusammenhang zu bringen, sondern sie ergäbe sich vielmehr aus Überforderungssituationen sowie seit langem bestehenden Mängeln in der Organisation. Hörl weist darauf hin, dass es der falsche Weg sei, einzelne Personen für ihr Handeln zu verurteilen und gleichzeitig am System nichts zu ändern. Als Ergänzung könnte ein anonymisiertes Meldesystem sinnvoll sein, meint der Soziologiewissenschaftler, ähnlich wie beim Umgang mit medizinischen Fehlern oder Beinahe-Fehlern. Und im niedergelassenen Bereich wäre ein niederschwelliger Zugang zu Hotlines und Beratungsstellen nötig, damit auf Gewaltsituationen hingewiesen werden kann.

Hörl geht noch einen Schritt weiter: „So wichtig es ist, Gewalt gegen ältere Menschen zum Thema zu machen: Genauso dringend braucht es intensive Überlegungen, was getan werden kann, wenn tatsächlich Gewalt in Pflegebeziehungen beobachtet wird.“ In anderen Ländern gibt es längst Lösungen, da werden etwa Sozialarbeiter in die Begleitung von zu Pflegenden und deren Angehörigen eingebunden werden.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

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