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Gesundheitspolitik 20. Juni 2006

Umfrage: Sechs von zehn Ärzten wollen härteren Kammerkurs

Eine aktuelle OGM-Umfrage zeichnet ein düsteres Bild von der Stimmung der Ärzte. Die Reform des Gesundheitswesens brachte demnach vorwiegend Nachteile. Beim Delegiertentag diese Woche in Graz soll eine Resolution verfasst werden.

Der Reformkurs in der Gesundheitspolitik bringt Patienten und Ärzten Nachteile. Das ergab eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut OGM unter 600 niedergelassenen und im Spital angestellten ÄrztInnen durchgeführt hat. Fast 60 Prozent der Niedergelassenen und 37 Prozent der Angestellten waren der Meinung, die Versorgung der Patienten hätte sich verschlechtert. Die Gründe dafür sehen Spitalsärzte in Personalmangel, Sparmaßnahmen, Bürokratie und Bettenabbau, Niedergelassene im schwierigeren Zugang zu Medikamenten und Heilbehelfen und ebenfalls in der Bürokratie. Bei den Spitalsärzten herrscht das Gefühl vor, die Arbeitsbelastung hätte sich vergrößert (71 Prozent der Befragten), die administrativen Aufgaben hätten zugenommen (87 Prozent), es müssten mehr Patienten in der gleichen Zeit behandelt werden (57 Prozent) und die Ausbildungsbedingungen für Turnusärzte hätten sich verschlechtert (51 Prozent). Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie der Angestellten Ärzte: „Die Spitalsärzte wollen die jungen Kollegen ausbilden, aber bei den derzeitigen Personalressourcen ist das nicht möglich. Die Zeit fehlt für die Behandlung der Patienten. Wenn wir jedoch weiterhin eine qualitativ hochwertige Medizin haben wollen, dann müssen wir auch die Möglichkeiten zur Ausbildung schaffen.“ Bei den niedergelassenen Ärzten fallen zwei Ergebnisse auf: 80 Prozent meinen, die Kassenleistungen reichen für eine optimale Versorgung des Patienten nicht aus. Und nur mehr rund die Hälfte empfindet sich als Angehörige eines freien Berufsstandes. Bei den Niedergelassenen empfinden 64 Prozent den Erstattungskodex und die Chefarztpflichtneu als eher oder sehr belastend, 62 Prozent die finanziellen Auswirkungen der geringen Tariferhöhungen. Insgesamt schätzen niedergelassene Allgemein- und Fachärzte, dass sie durch die Reform etwa 20 Prozent mehr Arbeit zu leisten hätten.

Ärgernis Erstattungskodex

Die praktischen Auswirkungen des Erstattungskodex beschreibt Dr. Günther Wawrowsky, Geschäftsführender Obmann der Kurie der Niedergelassenen, so: „Ein einziger schwerkranker Patient kann den Arzt über den Durchschnitt bringen und damit die Gefahr einer Auseinandersetzung mit der Kasse heraufbeschwören. Ich ertappe mich selbst gelegentlich bei der Überlegung, ob ich dieses teure Medikament jetzt wirklich verschreiben soll.“ Auf die Frage, wie sich die Ärztekammer angesichts dieser Situation verhalten soll, geben fast 60 Prozent der Spitalsärzte an, sie solle Maßnahmen ergreifen. 82 Prozent davon würden sich auch an Protestmaßnahmen beteiligen. Noch ausgeprägter die Antworten der Niedergelassenen: 63 Prozent wünschen sich einen härteren Kurs bis zur Erwägung von Vertragskündigungen, und 92 Prozent dieser Verfechter ei-nes härteren Kurses wären auch bereit, Protestmaßnahmen mit zu tragen. Eine erste Maßnahme der Ärztekammer war die Einrichtung der Website http://www.buerokratiestopp.at. Hier können Ärzte nicht zuletzt ihre Erfahrungen schildern – und was da zu lesen ist, deutet schon auf eine gewisse Gereiztheit in der Kollegenschaft hin. Zweitens hat der Delegiertentag der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) am 23. Juni in Graz vor, eine Petition zu erstellen und an Vertreter des Ministeriums und des Hauptverbandes zu übergeben. Der Delegiertentag der Österreichischen Ärztekammer am 23. Juni in Graz soll auch gleich ein Aktionstag in Sachen Bürokratie-Abbau werden. ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler kündigt die Erstellung einer Petition an, die an Vertreter des Ministeriums und des Hauptverbandes übergeben werden soll. „Gespräche mit den Partnern im Gesundheitswesen sind derzeit schwierig“, führt ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler ein Argument an. „Berechtigte Kritik wird nicht anerkannt und mit Persönlichem oder mit Gesprächsverweigerung beantwortet.“ Angesichts dieser Situation will der Präsident auch keine Maßnahmen ausschließen, wenngleich ein Streik wie in Deutschland derzeit noch nicht geplant ist. Brettenthaler: „Einer der Hauptbeschwerdepunkte ist die Bürokratie. Hier könnten Maßnahmen, etwa im Sinne einer Bürokratieverweigerung, ansetzen.“

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