zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 14. Juni 2006

Weniger Hausapotheken heißt weniger Ärzte

Aufgrund der neuen gesetzlichen Regelungen werden an vielen Ordinationsstandorten in absehbarer Zeit keine Hausapotheken mehr geführt werden können. Damit ist ein wirtschaftliches Betreiben einer Praxis kaum noch möglich, wie drei Beispiele aus Oberösterreich zeigen.

Der Allgemeinmediziner Dr. Markus Wolfsgruber (44) hat seit über acht Jahren die Ordination in Weyregg am Attersee. Die Hausapotheke konnte er von seiner Vorgängerin übernehmen. Die nächste Apotheke ist in Schörfling, 5,5 Kilometer entfernt. Dorthin gibt es nur zweimal am Tag einen Postbus. Müsste er, z.B. aufgrund einer Krankheit, seine Tätigkeit einstellen, könnte auch seine Frau, die ebenfalls Ärztin ist und in der Ordination mitarbeitet, die Hausapotheke aufgrund der neuen Bestimmungen nicht übernehmen. Dasselbe gilt, wenn er in Pension geht.

Unverzichtbare Hausapotheke

„Die Hausapotheke bringt aber etwa 60 Prozent meines Umsatzes und ein Drittel meines Gewinns“, betont Wolfsgruber. Mit der rein ärztlichen Tätigkeit ist es möglich, die Fixkosten zu bestreiten, also etwa die Beiträge für Ärztekammer, Sozial- und sonstige Versicherungen, die Gehälter der Mitarbeiter usw. Was darüber hinausgeht, deckt die Hausapotheke ab. „Diese ist für das ökonomische Überleben der Praxis nicht wegzudenken. Ein Nachfolger müsste die Ordination allerdings an den Ortsrand verlegen, will er das Recht auf eine Hausapotheke behalten“, kritisiert Wolfsgruber die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Aus seiner Sicht „ist es völlig absurd, wenn es hier um jeden Meter geht und nicht um die Versorgungssituation insgesamt oder um die Stadtentwicklung.“ Wolfsgruber setzt wenig Hoffnung auf Unterstützung durch die Landespolitik. In einem Gespräch mit einem Landesrat sagte ihm dieser, immer mehr Orte müssten auch ohne Lebensmittelgeschäft, Postamt oder Pfarrer auskommen. Bislang ohne Antwort blieben seine Briefe an die Gesundheitsministerin und die Gesundheitssprecher der Parteien. Von der Ärztekammer fühlt sich der Allgemeinmediziner ebenso nicht ausreichend unterstützt: „Sie hat die Entwicklungen verschlafen, vor allem in Bezug auf die Übergabe­regelungen.“ Die jetzigen Proteste würden zu spät kommen.

Gefährdete Berechtigung

Auch bei Dr. Helmut Heiter (54), Allgemeinmediziner in Gaspoltshofen, trägt die Hausapotheke einen unverzichtbaren Teil zu den Einnahmen bei. Diese existiert im Ort schon seit über 60 Jahren. „Neben mir hat noch ein weiterer Kollege im Ort eine Hausapotheke. Ohne diese wäre sicher nur eine der beiden Ordinationen wirtschaftlich überlebensfähig“, betont Heiter. Theoretisch könnte sich in Gaspoltshofen nach den neuen Bestimmungen jederzeit eine Apotheke niederlassen, „damit hätten unsere Nachfolger kein Recht mehr, eine zu betreiben“ (Heiter). Für den Mittfünfziger spielt bei der Lebensfinanzplanung die zu erwartende Ablöse für die Ordination aber eine wichtige Rolle: „Es ist jetzt oft schon schwer, freie Stellen im ländlichen Raum zu besetzen. Ohne den Anreiz einer Hausapotheke wird sich kaum jemand finden, der sich das antut.“ Mit „das“ meint er den trotz in etwa gleich bleibender Patientenzahl immer höheren Zeitaufwand sowohl in der Ordination als auch bei Visiten. „Insbesondere spüre ich das bei meiner Tätigkeit in zwei Altenheimen“, berichtet Heiter. Für diese Tätigkeit sei die Hausapotheke und damit die unmittelbare Verfügbarkeit verschiedener Medikamente besonders wichtig.

Unterschätzter Dominoeffekt?

„Von Kammerseite wird der Dominoeffekt der neuen Regelung zu den Hausapotheken unterschätzt“, übt auch Heiter Kritik an der Standesvertretung. „In dezentralen Regionen sind immer mehr Ordinationen gefährdet.“ Von der Kammer gut vertreten fühlt sich Dr. Florian Dellinger (45), Arzt für Allgemeinmedizin in Holzleithen (nördlich von Vöcklabruck). Auch er hat die Haus-apotheke vom Vorgänger übernommen. Diese wurde in den 80-er Jahren aufgrund massiver Bemühungen der regionalen Bevölkerung genehmigt. In den letzten 15 Jahren gab es für die Eröffnung einer öffentlichen Apotheke sehr unterschiedliche Regelungen. Eine solche Lücke nutzte ein Apotheker aus, der Anfang 2000 eine Konzessionsgenehmigung erhielt. Erst zwei Jahre später war eine Eröffnung vorgesehen. „Er wollte offensichtlich abwarten, bis ich die Genehmigung für die Hausapotheke verliere“, sagt Dellinger, der aber vorausblickend beschloss, rasch zu handeln.

Standort verlegt, aber ...

Kurzerhand verlegte er seinen Ordinationssitz von Bruckmühl in das nahe gelegene Holzleithen. Nachdem er dort viel Geld in die neue Ausstattung investiert hatte, schien die Hausapotheke noch einmal gefährdet. Ende 2002 gab ihm schließlich ein Urteil des Obersten Gerichtshofes Recht. „Aber: Offensichtlich habe ich, langfristig gesehen, den Standort der Hausapotheke nicht weit genug verlegt“, analysiert Dellinger. Denn auch sein Nachfolger würde aufgrund der zu kurzen Distanz von weniger als sechs Kilometern, die auch hier nur mit Auto überbrückbar ist, die Hausapotheke nicht weiterführen können. Diese drei Beispiele stehen für eine Entwicklung, die jetzt auch der Standesvertretung zunehmend Sorgen bereitet. In einer Pressekonferenz vergangene Woche in Wien beantwortete die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) die Frage: „Droht die Landflucht der Landärzte?“ mit einem klaren „Ja“. „Hält diese Entwicklung an und überlegen sich die Gesundheitspolitiker keine Entlastungsmaßnahmen, werden gewisse Gemeinden bald keinen Arzt mehr haben“, gab Dr. Otto Pjeta, Leiter des ÖÄK-Referats für Landmedizin und Hausapotheken, zu bedenken. In den Landesärztekammern seien bereits mehrere akut bedrohte Standorte bekannt. Deshalb fordert die ÖÄK eine „Reparatur des verunglückten Apothekengesetzes“, gab Dr. Josef Lohninger, Obmann der Sektion Allgemeinmedizin in der ÖÄK, bei der Pressekonferenz bekannt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben