zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 14. Juni 2006

Kostenneutrale Qualitätssteigerung?

In Oberösterreich soll ein „kleiner“ Paradigmenwechsel in der Betreuung und Pflege alter Menschen stattfinden. Der politische Wunschtraum lautet allerdings: keine zusätzlichen Kosten verursachen.

„Auf den ersten Blick klingt alles grundsätzlich gut und ist zu begrüßen“, kommentiert der Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Ziegler, Referent für Altersmedizin in der Ärztekammer für Oberösterreich, die neuen Pläne. Unabdingbar sei aber, nicht nur über die Alterspyramide zu diskutieren, sondern auch zu versuchen, konkrete Maßnahmen zur Sicherstellung von Betreuung und Pflege zu setzen.“ Die Neuorientierung hat für den Altersmedizin-Referenten allerdings einen wesentlichen Haken. „Betont wird, dass alles unter der Prämisse der Kostenneutralität zu stehen hat. Aber wie soll mehr Qualität und individuellere Betreuung für einen ständig wachsenden Personenkreis langfristig möglich sein ohne die entsprechenden Finanzen?“

Trends und Erwartungen

Oberösterreich liegt im bundesweiten Trend. Die Zahl pflege- und betreuungsbedürftiger Personen wird in den nächsten zehn Jahren zumindest um 16 Prozent steigen. In dieser wachsenden Gruppe würden, so Soziallandesrat Ackerl, „auch neue Erwartungshaltungen an die Qualität und Vielfalt der verfügbaren Angebote vorhanden sein“. Obwohl im Land ob der Enns schon länger versucht wird, das Prinzip „mobil statt stationär“ umzusetzen, gäbe es hier noch viel zu tun. So sollen in Zukunft unter anderem kleinere, wohnortnahe und am Gemeinwesen orientierte Angebote für ältere Menschen gefördert werden. In diesen gelte es, alltagsnahe Strukturen des Tagesablaufs zu unterstützen bzw. die geistige und körperliche Aktivität zu fördern. Auch Einzelwohnen soll gefördert bzw. generell eine „hohe Flexibilität und Kombina-tionsmöglichkeit der einzelnen Angebotsformen“ (Ackerl) sichergestellt werden.

Details der neuen Pläne

Konkret geplant ist etwa, ein Alten- und Pflegeheim auf fünf Pflegewohngruppen mit etwa 24 Personen aufzuteilen, die mit jeweils zehn betreubaren Wohnungen gekoppelt sind. Auch in gemeinnützigen Wohnungen ist die Förderung von Pflegewohngruppen und betreuten Wohngemeinschaften vorgesehen. Diese Lebensform soll des weiteren in Heimen verstärkt umgesetzt werden, wie dies schon in einigen Pilotprojekten der Fall ist. Geplant ist zudem eine Betreuungsassistenz für Menschen mit Demenz. Der Allgemeinmediziner Ziegler vermisst nicht nur hinsichtlich der Kosten, sondern auch in anderen Bereichen „den Bezug zur Realität“. So soll in Einrichtungen des betreubaren Wohnens nachträglich ein „Pflegekern“ entstehen, um Übersiedlungen in ein Heim zu vermeiden. „Dafür sind ein Pflegebad sowie die nötige technische Ausstattung erforderlich“, gibt Ziegler zu bedenken. „Theoretisch wäre das möglich, aber sicher nicht kostenneutral.“ In vielen Einrichtungen würden auch der nötige Raum und das qualifizierte Personal fehlen. Grundsätzlich ist Ziegler von der Sinnhaftigkeit von Wohngruppen in Heimen überzeugt, weil sie zur Gesundheitsförderung beitragen. Es wäre aber der falsche Weg, „wenn Gemeinschaftsbereiche irgendwo hineingequetscht und nicht adäquat eingerichtet werden oder gar, wie in einem konkreten Fall, Fluchtwege blockieren“. Damit aber nicht genug, die neuen Pläne weisen noch weitere Diskussionspunkte auf. So ist im Konzept viel von Gemeinde-Wohnanlagen die Rede, die ebenso mit einem Pflegekern ergänzt werden könnten. „Gerade am Land lebt aber die Mehrzahl der Menschen in Einzelwohnungen“, merkt Ziegler an. Außerdem vermisst er den Bereich der Unterstützung pflegender Angehöriger. Themen wie Tages- und Kurzzeitpflege oder Urlaubsunterstützung kämen ebenso wenig vor wie das Problem der 24-Stunden-Betreuung, die immer mehr Patienten, vor allem jene mit Demenz, brauchen. „Ich vermisse hier den Versuch, die Arbeitszeitgesetze zu adaptieren“, so Ziegler. „Dadurch spielt sich viel in einem Graubereich ab, wo es oft gravierende Qualitätsprobleme gibt.“ Die neuen Pläne sind ein weiterer Anlass für die Forderung nach einem „Heimarzt“. „Es geht nicht darum, dass dieser die Rolle der betreuenden Allgemeinmediziner übernimmt“, betont der Altersmedizin-Referent. Es müsse aber jemanden geben, der die medizinische Koordination übernimmt und für Aufgaben wie Führung einer Hausapotheke zuständig ist. Für die Einbindung von Ärzten gibt es zahlreiche Argumente, z.B. dass der Großteil der Altenheime Pflegeanstalten mit immer stärker medizinischem Charakter sind.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben