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Gesundheitspolitik 31. Mai 2006

Ärzteüberschuss oder Ärztemangel?

In Österreich werden noch ausreichend Ärztinnen und Ärzte ausgebildet. Doch müssen auch die Arbeitsbedingungen stimmen, damit die teuer Ausgebildeten im Land bleiben und nicht in attraktivere Gegenden abwandern.

Die Wiener Ärztekammer lud zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Mangelware oder Überschuss – Welche beruflichen Aussichten haben Österreichs Ärztinnen und Ärzte?“ In seinem Impulsreferat zitierte Prof. Dr. Christian Herold, Leiter der Klin. Abt. Radiodiagnostik für konservative Fächer am AKH Wien, Zahlen aus dem AMS, nach denen im April 382 Humanmediziner und 82 Zahnmediziner arbeitslos gemeldet waren – von etwa 35.500 aktiven ÄrztInnen. Allerdings sind in diesen Zahlen kaum jene vertreten, die auf eine Ausbildungsstelle warten. Eine Google-Suche brachte, so Herold, zehnmal mehr Treffer zu „Ärztemangel“ als zu „Ärzteschwemme“. Auch die WHO sieht weltweit generell eher einen Mangel.

Gut Ausgebildete suchen gute Arbeitsbedingungen

Besteht aber in einem Land ein Ärztemangel, dann wandern die gut und teuer Ausgebildeten aus Ländern mit schlechteren Bedingungen in jene Länder, die bessere Gehälter und Arbeitsbedingungen bieten. So arbeiten etwa 15.000 in Indien ausgebildete Ärzte allein in den arabischen Emiraten, zahlreiche weitere in Großbritannien. „Zimbabwe hat in einer extremen Anstrengung in den 90-er Jahren 1.200 Ärzte ausgebildet“, berichtet Herold. „Davon sind nur noch 360 im Land tätig. Die anderen wurden weggekauft.“

„If you give peanuts, you get monkeys“

Auch Deutschland bekommt derzeit die Folgen schlechter Arbeitsbedingungen zu spüren. Eine Zuhörerin brachte das mit dem englischen Sprichwort auf den Punkt: „If you give peanuts, you get monkeys.“ Wie sieht aber nun das Verhältnis von Angebot und Nachfrage in Österreich aus? Herold zitiert eine Studie des Leiters des ARWIG (Arbeitskreis wissenschaftsbasierte Gesundheitsversorgung), Dr. Wilhelm Frank. Demnach werden etwas mehr Ärzte ausgebildet, als Ersatzbedarf besteht. Allerdings ist in der Studie nicht der Ergänzungsbedarf mitgerechnet, denn die alternde Bevölkerung einerseits und die Zunahme von Management- und Dokumentationstätigkeiten andererseits werden eine steigende Zahl an Ärzten notwendig machen. Etwas differenzierter sieht das Dr. Michaela Moritz, Geschäftsführerin des ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen), deren Institut seit über 30 Jahren regelmäßig Ärztebedarfsstudien für das Gesundheitsministerium erstellt: „Derzeit herrscht in bestimmten Bereichen ein Überschuss, in anderen ein Mangel.“ So sei zwar Migration für junge ÄrztInnen durchaus attraktiv, aber eher ins Ausland als etwa ins Mühlviertel. In den letzten zehn Jahren hat laut Moritz die Zahl der niedergelassenen Kassenärzte um 28 Prozent zugenommen, doch stagniert die Zahl, da keine neuen Kassenstellen geschaffen werden. Die Zahl der angestellten Ärzte stieg um 37 Prozent, die der Wahlärzte verdoppelte sich, die Zahl der Wohnsitzärzte nahm um 45 Prozent zu. Moritz: „Das ist kein Bild von einem Ärztemangel.“

Wahlärzte hatten oft keine andere Wahl

„Wahlärzte heißen vielleicht so, weil sie keine andere Wahl hatten“, meint MR Dr. Helga Azem, Obfrau der Sektion Fachärzte in der Ärztekammer Wien. Doch zunehmend würden Ärzte auch freiwillig Kassenverträge zurücklegen oder gar nicht erst annehmen, da diese immer unattraktiver wären. Dr. Brigitte Ettl von der Kurie der Angestellten in der Ärztekammer Wien sieht für junge ÄrztInnen aber auch andere Betätigungsfelder: „Der Ärzteberuf wird nicht mehr nur mehr am Krankenbett ausgeübt.“ Zunehmend wären Ärzte auch für Organisationsaufgaben wie etwa Qualitätsmanagement gefragt. Insgesamt ist das Ergebnis der Diskussion klar, auch wenn es nicht ausgesprochen wurde: Bedarf für neue Ärzte wäre da. Die politische Frage ist, wie viel ÄrztInnen sich die Gesellschaft leisten will.

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